«Das ist nicht würdig»

Das Kunstmuseum Bern will offenbar die Sammlung Gurlitt übernehmen. Der deutsche Raubkunstexperte Stefan Koldehoff kritisiert, dass dabei vor allem über Geld geredet wird.

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Paulina Szczesniak

Das Kunstmuseum Bern tritt die Erbschaft der Kunstsammlung Gurlitt an: Das behauptete am Wochenende die «SonntagsZeitung». Die Zusage der Berner, die von der Museumsleitung nicht bestätigt wird und über die erst Ende November definitiv entschieden wird, sei mit drei Bedingungen verbunden: Erstens bleiben jene Werke, bei denen Rückgabeforderungen nicht ausgeschlossen werden können, in Deutschland; das sind die meisten der 1300 Bilder. Zweitens soll so bald wie möglich eine Ausstellung mit der Sammlung Gurlitt stattfinden – ebenfalls in Deutschland. Und drittens bleibt die deutsche Taskforce, die bisher mit der Erforschung der Werke betraut war, weiterhin für diese Aufgabe zuständig.

Stefan Koldehoff, was bleibt da für Bern übrig?
Wenn zum Erbe auch jene Werke gehören, die im Salzburger Haus von Cornelius Gurlitt gefunden wurden – Gemälde und Papierarbeiten von wichtigen Künstlern der Klassischen Moderne wie Manet, Monet, Renoir, Courbet und anderen: Dann wäre das eine erhebliche Erweiterung der Berner Sammlung. Warum man dafür allerdings bereit ist, seine eigene Kompetenz weitgehend aufzugeben und die inhaltliche Hoheit der viel kritisierten deutschen Taskforce zu belassen, ist mir nicht klar. Bern könnte die Übernahme der Gurlitt-Bestände, die ja keine wirkliche Sammlung sind, dazu nutzen, endlich die Rolle aufzuarbeiten, die Schweizer Kunsthändler zwischen 1933 und 1945 bei der Vermarktung von NS-Raubkunst und Fluchtgut gespielt haben. Da ist noch nicht genug geschehen. Stattdessen fordern Kunsthändler, gerade wieder in einem Winterthurer Ausstellungskatalog, die Debatte darüber stark einzuschränken.

Stiehlt man sich in Bern aus der Verantwortung?
Ich kenne die finanziellen Verhältnisse des Hauses nicht. Ich weiss nur, dass es sich – wie viele andere Schweizer Museen auch – schon früh in vorbildlicher Weise dazu verpflichtet hat, seine eigene Geschichte vor und nach 1945 transparent zu machen. Auch dafür könnte das Gurlitt-Erbe neue Impulse geben, die deutlich wichtiger wären als das Geld, das seine Aufarbeitung kostet.

Wäre es ratsamer, das Museum nähme die Sache selbst in die Hand? Weil es auf Anfragen von Erben beraubter jüdischer Familien unbürokratischer und schneller reagieren könnte?
Jedenfalls böte sich die Chance. Bei uns in Deutschland gibt es Museen, die sehr schnell auf solche Anfragen reagieren, und andere, die viele Gründe finden, das nicht zu tun. Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat gerade erst im Bundestag bestätigt, dass gerade einmal zehn Prozent aller öffentlich getragenen deutschen Museen Geld für die Provenienzforschung zur Verfügung steht – und das 16 Jahre nach der Washington Declaration, in der sich die Häuser dazu verpflichtet hatten. Das ist mehr als blamabel. Die Frage, wie Bern sich verhielte, bleibt allerdings rein hypothetisch – weil alle Anfragen auch weiterhin an die Taskforce Gurlitt in Berlin gehen werden.

Diese Taskforce hat sich in den vergangenen neun Monaten weder durch Effizienz noch durch eine der sensiblen Situation angemessene Informationskultur hervorgetan. Betroffene berichten von nicht beantworteten Briefen und stummen Telefonleitungen; und die gerade mal zwei Gemälde, die bisher tatsächlich als restitutionswürdig deklariert wurden, waren schon vor Gurlitts Tod als Raubkunst ausgewiesen. Was läuft falsch?
In Washington hatte man sich 1998 darauf verständigt, die Raubkunstfrage künftig nicht mehr legalistisch, sondern unter moralischen Gesichtspunkten neu anzugehen. Nicht mehr abgelaufene Fristen sollten das Handeln bestimmen, sondern die Einsicht, dass durch die Öffnung von Archiven in Osteuropa und das Ende von Sperrfristen erst jetzt Erben überhaupt in der Lage sind, ihre Ansprüche zu begründen. Aus Berlin erhalten diese Erben nun Formbriefe, die den Eindruck entstehen lassen, dass längst wieder die Justiz die Oberhand über die Moral gewonnen hat.

Auf den ersten Blick scheint das Angebot Deutschlands grosszügig, die Kosten für die wissenschaftliche Aufarbeitung zu übernehmen.
Das Thema NS-Raubkunst hat in Deutschland in den letzten Jahren zu neuen Planstellen, Fördermitteln, Dissertationsthemen, Symposien, Publikationen geführt. Der Fall Gurlitt hat diese Akademisierung des Themas durch seine grosse Breitenwirkung noch einmal befördert: Niemand würde in Deutschland zurzeit bestreiten, wie wichtig die seriöse Aufarbeitung ist und dass Deutschland nach wie vor ein grosses Raubkunstproblem hat. Darüber drohen aber die Menschen aus dem Blick zu geraten, um die es in Washington eigentlich ging: die Opfer, deren Erben nach wie vor nach ihrem Besitz suchen. Deutschland sollte nicht Kosten, sondern Verantwortung übernehmen, damit sich dieser Prozess wieder umkehrt.

Verhindert man mit der Kostenübernahme nur das für Deutschland grössere Übel? Nämlich, dass Gurlitts Nachlass den – bisher wenig kooperativen – Verwandten Gurlitts zufällt?
Die Gurlitt-Familie hat bereits mehrheitlich erklärt, dass sie sich eine Annahme des Erbes durch das Kunstmuseum Bern wünscht. Ich bin nicht sicher, ob sie sich andernfalls nicht vielleicht auch selbst darum kümmern würde, die legitimen Besitzer der Werke zu finden. Vergessen wir dabei aber eines nicht: Hildebrand Gurlitt hat offenbar viele Werke, die bei seinem Sohn gefunden wurden, vom zuständigen Propagandaministerium in Berlin gekauft. Die Gesetze, nach denen das zwischen 1937 und 1945 geschah, sind bis heute formal gültig. Die Gurlitt-Familie wäre also, wenn Bern ablehnte, durchaus rechtmässige Besitzerin der Kunstwerke. Dafür trägt nicht sie die Verantwortung, sondern die Bundesrepublik, die zahlreiche NS-Vorschriften nie ausser Kraft gesetzt hat.

Lässt sich das Berner Kunstmuseum von Deutschland als in Sachen Raubkunst unbeschriebenes Feigenblatt instrumentalisieren?
Nein, das wohl nicht. Das Museum ist zu diesem Erbe gekommen wie die Jungfrau zum Kind. Es muss sich aber nun fragen, welche Verantwortung ihm daraus erwächst. Bislang höre ich vor allem finanzielle Argumente, die angeblich dafür sprechen, auf das deutsche Angebot einer Aufarbeitung einzugehen. Das ist eines Museums, das in erster Linie ein Bildungsinstitut ist, nicht würdig. Vielleicht liegt aber auch hier alles in den Händen der grossen Kanzlei, die mit den Verhandlungen beauftragt ist. Dann sollte man Direktor Matthias Frehner sagen: In den Vertrag gehört zumindest eine Klausel, die die Taskforce verpflichtet, ihre Arbeit bis Mitte kommenden Jahres getan zu haben. Wenigstens so viel Selbstbewusstsein sollte man in Bern haben.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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