Das «Chuchi-Cahier» von Meret Oppenheim

Wie man sich das ­private Kochbuch einer Künstlerin vorstellt: Meret Oppenheims «Chuchi-Cahier» ist ein Kunstwerk für sich.

Auszug aus dem «Chuchi-Cahier»: Meret Oppenheim klebte Rezepte in wildem Durcheinander ein.

Auszug aus dem «Chuchi-Cahier»: Meret Oppenheim klebte Rezepte in wildem Durcheinander ein. Bild: zvg

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Meret Oppenheim nannte ihr ­berühmtestes Werk schlicht «Objet». Mit der 1936 entstandenen Tasse, «Le déjeuner en fourrure», die sie mit Pelz überzogen hatte, etablierte sich die Berner Künstlerin (1913–1985) als eine der Leitfiguren des Surrealismus.

Bei der Tasse soll es ihr nur um den Gegensatz von Pelz und Porzellan gegangen sein, entstanden ist sie angeblich nach einem Kaffeeplausch mit Pablo Picasso in Paris. Mit Ess- und Kochgeschirr hatte Meret Oppenheim noch eine andere Verbindung: Sie klebte rege Kochrezepte in ihr «Chuchi-Cahier». Oft, ohne sie vorher erprobt zu haben, wie Verleger René Simmen vermutet.

Er hat eine Klappkassette «über, von und mit Meret Oppenheim» herausgegeben, vier Hefte und ein Tablett schildern und ­zeigen Oppenheims Leben und Schaffen als Schmuck- und Möbeldesignerin, als Schöpferin von Masken, Kostümen und Verkleidungen, als Schauspielerin und Selbstdarstellerin. Und als Gastgeberin.

Das «Cahier 1: Die Lüge ist das Salz der guten Küche» ist ein Faksimile von Meret Oppenheims original «Chuchi-Heft», einem Schulheft, in das vor allem Rezeptschnipsel, aber auch Fotos aus Zeitschriften und Bestellzettel geklebt wurden. Manchmal fügte die Künstlerin Notizen zu Gästen oder andere Anmerkungen bei oder zeichnete.

René Simmen, selber Kochbuchautor, vermutet: «Deshalb benutzte man ihr ‹Chuchi-Cahier› als das, was es für sie auch war: eine Sammlung von Kochideen für eine an Geld und Lebensmitteln knappe Zeit.» Das Heft enthält Rezepte, die Oppenheim in Paris, Carona TI und Bern gesammelt hat. Auch in ­Cahier 4 geht es um die Lust am Essen: «Ess-Lust & Eros – und zum Fressen gern» ist der Titel und soll aufzeigen, wie Essen und die Liebe die Triebkräfte des menschlichen Verhaltens sind.

In diesem Heft gibt es Text- und Bildcollagen über Begierde und Zwang, Kochrezepte von Daniel Spoerri sowie Texte von René Simmen, Heike Eipeldauer und Konrad Tobler. Und eine Abbildung der Pelztasse. Ein Kunstwerk im Kunstwerk sozusagen.

Koch: Lust: Kunst. Eine Collage über, von und mit Meret Oppenheim (Hg. René Simmen), 4 Cahiers, Edition Clan­destin, 90 Fr. (Berner Zeitung)

Erstellt: 16.12.2017, 11:25 Uhr

Meret Oppenheim im Café Odeon in Zürich. (Bild: Candid Lang/zvg )

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