Auf dem Unterdeck der Schweizer Kunst

Sollen Museen Bilder von Künstlern zeigen, die heute niemand mehr kennt? Eine wunderbare Ausstellung im Kunsthaus Aarau sagt: Unbedingt!

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Paulina Szczesniak

Was, um Himmels willen, liegt auf ihrem Arm? Der Körper ist klar der einer Katze. Aber der Kopf? Erinnert irgendwie an Pumuckl. Das Infoblatt verrät, dass dies ein Selbstporträt der Künstlerin «mit Bumpf» sei. Aber ob es sich dabei um ein Stofftier handelt oder um ein Fantasiewesen, weiss nicht einmal der für die Ausstellung zuständige Kurator. Woher auch? Valery Heussler, die das kleine Ölbild Mitte der 50er-Jahre gemalt hat, kennt heute niemand mehr. Und auch zu Lebzeiten war ihr kaum Erfolg vergönnt. Selbst das «Sikart», das Onlinelexikon zur Kunst in der Schweiz, weiss nur ihre Geburts- und Todesdaten (1920 in Basel, 2007 in Elfingen) und noch, dass sie «Bildhauerin, Malerin, Zeichnerin und Grafikerin» war.

Wie kommt dieses Bild nun zu einem prominenten Auftritt im Kunsthaus Aar­au? Ganz einfach: im Rahmen eines Experiments. «Blinde Passagiere» nennt sich dieses – und ist eine Ausstellung, die uns auf «eine Reise durch die Schweizer Malerei» nimmt, so der Untertitel. Und zwar – und das ist der Clou – für einmal nicht zu den Highlights, dem Besten und Bekanntesten. Sondern zu dem, was im Laufe der letzten 150 Jahre eben auch noch entstand: das Unbekannte und Verkannte, das Kuriose, Experimentelle und Vergessene. Das, was – um das Sprachbild der Ausstellungsmacher aufzugreifen – keinen Platz an Deck des Kunstgeschichtsdampfers ergattern konnte, sondern als «blinder Passagier» unter Deck mitschipperte.

Unter dem Radar

200 Werke von rund 100 Kunstschaffenden (darunter 10 Prozent Frauen) haben Vize-Museumsdirektor Thomas Schmutz und der Basler Künstler und Autor Peter Suter zusammengetragen – und sich dabei hauptsächlich aus dem Depot des Museums sowie aus Suters üppiger Privatsammlung bedient. Letztere wimmelt nur so von Verkannten; auf seiner Website schreibt Suter, fasziniert zu sein von dem, was unter dem Radar des offiziellen Kunstkanons fliegt. Sein Glück, dass solches sich gelegentlich für 100 Franken auf dem Flohmarkt findet.

Ein erstes Mal hatten sich Schmutz und Suter vor fünf Jahren zusammengetan und die Ausstellung «Stille Reserven» auf die Beine gestellt; schon damals ging es darum, Unbekanntes ans Tageslicht zu holen. Das kam beim Publikum so gut an, dass man nun dort anknüpft, wo man 2013 aufgehört hat – und dies merklich lustvoll. Das Duo hat die ausgesuchten Werke in ein gutes Dutzend knackiger Kapitel unterteilt, die teils recht unkonventionell daherkommen: «Treibhäuser» etwa kombiniert, schön doppeldeutig, malerische Einblicke in üppig wucherndes Grün mit einem «Akt unter Pflanzen», dem eine Zucchetti zielgenau zwischen die aufgeklappten Schenkel wächst.

Selbstporträt mit Bumpf (1954) von Valery Heussler. Bild: Aargauer Kunsthaus Aarau

«In der Luft» vereint Wolkengebilde, aufziehende Gewitterfronten und einen doppelten Regenbogen (wann haben Sie einen solchen zuletzt in einer ernst zu nehmenden Kunstausstellung gesehen?) – und «am Stadtrand» ist neben herrlich trister Agglo à gogo auch Cuno Amiet anzutreffen – für einmal nicht als Meister der Idylle, sondern mit einem geradezu schockierend modernen Bild eines Pariser Wohnblocks von 1936. Ja: Auch das ist, wenn man so will, ein blinder Passagier in einem sonst stringenten Œuvre.

Spektakulär originell

Es braucht Zeit, das alles im Detail zu studieren; zwei Stunden sollte man sich unbedingt nehmen. Nur so geht einem auf, welche Fülle an Stilen, Motiven und Botschaften in hiesigen Ateliers hervorgebracht wurde. Sonst läuft man Gefahr, manche Kuriosität zu verpassen. Wunderbar tragikomisch etwa die Atelierszene eines gewissen Ernst Keiser, in welcher der Maler, die brennende Zigarette noch in der Hand, frisch erhängt von der Decke baumelt, während sein Modell mit entsetzter, aber wenig überraschter Miene auf dem Sofa sitzt. So viel Selbstironie gegenüber dem eigenen brotlosen Schöpfungsdrang muss man erst einmal haben!

Je länger man durch die Schau geht, desto mehr Lust bekommt man, noch mehr davon zu sehen.

Zugegeben: Einerseits ist nicht alles, was in Aarau gezeigt wird, dem Kuss der Muse zu verdanken. Und natürlich darf man die Frage, ob manche dieser Vergessenen zu Recht vergessen wurden, mit Ja beantworten. Die vier Panoramaansichten von Giuseppe Canova – jede sensationelle zehn Meter lang und denselben Landstrich in verschiedenen Jahreszeiten zeigend – sind künstlerisch keine Offenbarung; die Beharrlichkeit aber, mit welcher der Mann dabei zu Werke ging, ist es allemal.

Andererseits gibt es durchaus die eine oder andere Entdeckung zu machen. Immer dort zum Beispiel, wo der Luzerner Hans Emmenegger (1866–1940), zeitlebens beständiger Chrampfer für die Kunst und in der Schau gleich dutzendfach vertreten – fast könnte man von einer kleinen, in der Gruppenschau versteckten Soloschau sprechen –, mit betont unspektakulären, aber spektakulär originellen Bildfindungen aufwartet. Jenem kleinen quadratischen Format etwa, bei dem der Blick von schräg oben auf ein vis-à-vis liegendes Gebäude fällt, die Fassade von einer Strassenlaterne in ein eigentümliches Muster getaucht. Oder, auf einem sogar noch kleineren Format: der Wipfel einer Tanne vor weissem Wolkenhimmel. So schlicht. So cool!

Dass die Kuratoren Schmutz und Suter den Tannenspitz im Ausstellungskapitel «Blicke» mit dem Porträt einer streng dreinschauenden Dame in tannengrünem Mantel flankieren, zeugt vom Spass, den das Duo beim Inszenieren hatte; dass sich der auf die Besucher überträgt, von kuratorischem Geschick. Je länger man durch die Schau geht, desto mehr Lust bekommt man, noch mehr zu sehen und zum Schluss noch mal zu seinen Lieblingen zurückzupilgern. Es mögen hier Werke hängen, welche die Kunstgeschichte nicht umgekrempelt haben – aber sie sind mit Leidenschaft gemacht. Für alle, denen bisweilen das Herz wehtut ob all der Schnelllebigkeit und dem Konkurrenzdruck da draussen; für alle, die Malerei mögen und für die ein Museumsbesuch auch ohne App funktioniert: für all diese Menschen ist «Blinde Passagiere» eine ziemlich grossartige Schau.

Bis 15. 4. Öffentlicher Talk mit den Kuratoren: Dienstag 6. 2., 18.30 Uhr.

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