Wo kein Bär ist, verbirgt sich vielleicht Kunst

Baut der Kanton oder die Stadt, gibts dazu Kunst. Das sorgt immer wieder für Zündstoff. Eine Ausstellung in der Berner Stadtgalerie präsentiert aktuelle Projekte, die sich der öffentlichen Debatte stellen müssen.

Kunst, wo die Bären hausen: Im Tierpark Dählhölzli stossen die Besucher beim Bärenhaus auf Kunst.

Kunst, wo die Bären hausen: Im Tierpark Dählhölzli stossen die Besucher beim Bärenhaus auf Kunst. Bild: Urs Baumann

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Im Tierpark Dählhölzli, und weit und breit kein Bär in Sicht? Kein Grund zum Ärgern, im Berner Bärenwaldhaus gibt es mehr zu bestaunen als Mischa und Mascha. Kunst zum Beispiel. Bei den eingefrästen Sätzen im Gebälk handelt es sich nämlich nicht um Grussworte des ehemaligen russischen Staatspräsidenten Dmitri Medwedew, der Bern 2009 die beiden Braunbären geschenkt hat, sondern um «Wortlinien» – ein Kunstwerk des Berner Autors Beat Sterchi und der russischstämmigen Schriftstellerin Karina Akopia.

«Wortlinien», entstanden 2012, macht deutlich, dass Kunst nicht immer erkennbar, aber weitherum vorhanden ist – dank des städtischen «Kulturprozents». Realisiert das Hochbauamt einen Neu- oder Ersatzbau wie das Bärenwaldhaus, fliesst ein Prozent der wertvermehrenden Bausumme in ein Kunst-am-Bau-Projekt.

Die Kunstkommission lädt Kunstschaffende zu einem Wettbewerb ein oder schreibt öffentlich aus. Künstlerinnen und Künstler können daraufhin ein Projekt einreichen, das Bezug nimmt auf den neuen Ort, das sich je nachdem homogen einfügt oder die Betrachter provoziert.

Nicht zu verwechseln ist die Kunst am Bau mit der Kunst im öffentlichen Raum: Realisiert das städtische Tiefbauamt ein Bauprojekt, wird zwar durch die Kommission «Kunst im öffentlichen Raum» ebenfalls ein «Kulturprozent» vergeben. Doch das Geld fliesst in eine Sammelkasse, aus der Kunstprojekte irgendwo im Stadtraum finanziert werden – also nicht zwingend am Bau selbst.

Mehr als Brunnenfiguren

Der neu gegründete Verein «Basis Kunst und Bau», der die Diskussion um entsprechende Projekte fördern möchte, eröffnet nun in der Stadtgalerie Bern eine Ausstellung, in der in Zusammenarbeit mit Hochbau Stadt Bern aktuelle städtische Auswahlverfahren vorgestellt werden. Bereits abgeschlossen ist das Auswahlverfahren für den Ersatzneubau der Volksschule Kleefeld. Auf Plakaten sind die einzelnen Beiträge skizziert, davor präsentieren die Kunst­schaffenden freie Werke aus ih­rem Schaffen.

Beim Siegerprojekt handelt es sich um «Kleefeld – Klangfeld» von David Mollin und Salomé Voegelin aus London und Basel. Das ambitionierte Kunstprojekt sieht vor, die Audioanlage der Schule aufzurüsten, unter anderem mit mobilen Lautsprechern, die von der Gesamtbevölkerung benutzt werden können. So solle sich die Schule akustisch in den erweiterten öffentlichen Raum ausdehnen.

Kunst am Bau muss keine Skulptur sein. Das Projekt «Kleefeld – Klangfeld» sieht etwa eine Performance der niederländischen Klangkünstlerin Cathy van Eck vor. Bild: zvg

Ein nicht ganz zugängliches Projekt, das zeigt: Kunst am Bau umfasst längst mehr als Statuen oder Brunnen. Installative, performative und immer auch wieder vergängliche Werke werden realisiert. Das kann zu hitzigen Debatten führen – und im schlimmsten Fall zum Übungsabbruch.

2007 wurde etwa vom Ge­meinderat eine geplante Lichtinstallation des Zürcher Künstlers Markus Weiss gestoppt. ­Diese sah vor, den Baldachin auf dem Bahnhofplatz in den politischen Farben der dominierenden Stadtparteien, also rot-grün, leuchten zu lassen. Ein provokatives Konzept, noch dazu von einem Zürcher – das wollte man der Berner Öffentlichkeit dann doch nicht zumuten.

Zehn Jahre später erhitzen Kunst im öffent­lichen Raum und Kunst am Bau immer noch die Gemüter – nicht nur auf Stadt-, sondern auch auf Kantonsebene: Die beiden SVP-Grossräte Lars Guggisberg und Mathias Müller haben im Juli eine Motion eingereicht, in der sie vom Regierungsrat fordern, bei kantonalen Neu- und Umbauprojekten zukünftig höchstens 0,25 Prozent der Gesamtkosten und nicht mehr als 120'000 Franken in Kunstpro­jekte zu investieren.

Ausserhalb der Museums­mauern ist Kunst stets ein heisses Eisen, denn dort wird sie von allen gesehen – auch von jenen, die sich nicht freiwillig mit ihr aus­einandersetzen würden. Ironischerweise kippen die Negativ­argumente oft ins Gegenteil, sobald sich ein Werk ins kollektive Gedächtnis eingebrannt hat. So war der Aufschrei gross, als Ueli Bergers Milchkannen aufgrund der Bahnhofplatzumgestaltung entfernt werden mussten.

Das zeigt sich auch bei Walter Links Brunnenplastik. Originaldokumente in der Stadtgalerie-Ausstellung belegen die kritische Debatte, die 1954 rund um das Kunst-am-Bau-Projekt geführt wurde. Erst als der Künstler seine Honorarforderung von 15'000 auf 8000 Franken reduzierte, konnte die Brunnenskulptur realisiert und bei der Volksschule Bethlehemacker errichtet werden.

Nun macht die Brunnenfigur vorübergehend halt in der Stadtgalerie. Danach wird sie restauriert und schliesslich wieder der Öffentlichkeit übergeben. Sehr zur Freude der Schülerinnen und Schüler, denen der Brunnen längst als Treffpunkt und Spielplatz dient.

Einblick in den Prozess

Nicht nur in Bethlehem und im Kleefeld: Ein Blick auf den Stadtplan macht deutlich, dass Kunst am Bau besonders häufig in Schulen anzutreffen ist. Dereinst auch im Erweiterungsbau der Volksschule Pestalozzi. In der zweiten Ausstellungshälfte kommt es zur Umräumaktion in der Stadt­galerie.

Ab dem 29. November präsentieren Kunstschaffende ihre Ideen für die Pestalozzi-Schule. «Es handelt sich um die Zwischenpräsentation des Auswahlverfahrens», sagt Kurator Ronny Hardliz, Künstler und Mitglied der Kunstkommission. Zudem werde im Rahmen der Ausstellung ein weiteres Kunst-am-Bau-Projekt juriert. «Unser Ziel ist nicht nur die Präsentation», so Hardliz. «Wir wollen einen Einblick in den ganzen Prozess ermöglichen.»

Ausstellung «Basis Kunst und Bau. Gegenwärtige Praktiken der Stadt Bern»: 9. 11. bis 9. 12., Stadtgalerie, im Atelierhaus Progr, Bern. (Berner Zeitung)

Erstellt: 09.11.2017, 14:08 Uhr

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