Wie Hermann Görings Beute ins Kunstmuseum Bern kam

Bern

Die Sammlung des jüdischen Kunsthändlers Paul Rosenberg (1881–1959) ist durch den Fall Gurlitt ins Bewusstsein geraten. Bilder Rosenbergs gelangten auch in die Bundesstadt. Eine Spurensuche.

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Oliver Meier@mei_oliver

Die Karteikarte hat es in sich. Inventarnummer 1649 steht darauf. Links der Werktitel: «Port de Toulon». Daneben eine Abbildung des Gemäldes. Es zeigt abgerüstete Kriegsschiffe in Toulon, dem Heimathafen der französischen Marine am Mittelmeer.

Darüber ein hoher, verhangener Himmel, geschaffen nach dem Vorbild britischer Landschaftsmaler. Quer über die Karteikarte ist ein schwarzer Strich gezogen worden. Was er bedeutet, zeigen handschriftliche Anmerkungen: «kein Corot» steht da. Und: «1963 an Galerie Meissner verkauft».

Teils dramatisch, teils bizarr

Die Karteikarte aus dem Archiv des Kunstmuseums Bern ist das zentrale Dokument einer Geschichte, die teils dramatisch, teils bizarr anmutet. Sie erzählt, wie im Zweiten Weltkrieg Raubkunst über Luzern in die Bundesstadt kam. Und sie vermittelt eine Ahnung davon, mit welchen Herausforderungen Herkunftsforscher konfrontiert sein können, die mit dem Fall Gurlitt beschäftigt sind.

Die Geschichte des «Hafens von Toulon» mündet in einen Verkaufstag bei Sotheby’s: Am 27.Juni 2007 kommen im Auktionshaus in London Werke des 19.Jahrhunderts unter den Hammer. Los Nr.210: das Hafengemälde, angeboten als Bild des französischen Frühimpressionisten Camille Corot (1796–1875).

Im Banktresor versteckt

Schon einmal kam das Werk unter den Hammer – im Mai 1927 im Traditionshaus Christie’s in London. Spätestens 1939 gelangte das Bild über weitere Stationen zu Paul Rosenberg, dem bedeutenden Kunsthändler und Galeriebesitzer in Paris (siehe Kasten).

Als der Zweite Weltkrieg ausbricht, schliesst Rosenberg seine Galerie. 162 Bilder versteckt er in einem Banktresor im westfranzösischen Libourne. Auch das Hafengemälde ist darunter.

Rosenberg flieht im Sommer 1940 in die USA. Seine Bilder muss er zurücklassen. Sie geraten bald schon in deutsche Hände. Nachdem im Frühling 1941 der Tresor in Libourne aufgebrochen worden ist, verfrachten Armeelastwagen den «Hafen von Toulon» mit weiteren Werken ins Pariser Museum Jeu de Paume.

Hier lagern die Deutschen Hunderte von beschlagnahmten Kunstwerken. Und hier taucht regelmässig Reichsmarschall Hermann Göring auf. Der zweitmächtigste Mann in der Nazihierarchie nimmt skrupellos, was ihm nützlich scheint.

Seine Raffgier beschert Göring bis Kriegsende eine Sammlung mit 1500 Kunstobjekten. Auch das Hafengemälde aus Rosenbergs Besitz nimmt Göring an sich – aber nur, um es gegen «Alte Meister» einzutauschen.

Einen willigen Helfer dafür findet der «Direktor» von Görings Kunstsammlung in der Schweiz: im Galeristen Theodor Fischer in Luzern, dem wichtigsten Kunstgeschäftspartner der Nazis in diesem Land. Bei einem Tauschgeschäft im April 1942 kommt auch der «Hafen von Toulon» in die Schweiz.

Ein diplomatischer Kurier führt das Gemälde mit weiteren Werken über die Grenze. Per Taxi, verpackt in eine Kiste, wird es zu nächtlicher Stunde ins Luzerner Hotel National gebracht, wo es Fischer entgegennimmt.

Rosenberg kämpft nach dem Krieg um seine Bilder. Im September 1945 reist er durch die Schweiz, im Jahr darauf reicht er Klage vor Bundesgericht ein. Die Schweizer Behörden konfiszieren das Hafengemälde bei Fischer, bringen es ins Kunstmuseum Bern.

Die Institution ist nach Kriegsende so etwas wie das Raubkunstdepot der Behörden – und ihr Exponent ein gewichtiger Player im heiklen Rückgabeprozess: Max Huggler, Professor für Kunstgeschichte in Bern, seit 1944 Direktor des Kunstmuseums.

Die grosse Ernüchterung

Ob Huggler ein Auge auf das Hafengemälde geworfen hat? Fest steht: Nach dem Erfolg vor Bundesgericht nimmt Rosenberg nicht alle 38 eingeklagten Gemälde zurück. Den «Hafen von Toulon» schenkt er 1948 dem Kunstmuseum. Direktor Huggler bedankt sich überschwänglich: Das Werk sei für die Institution eine «wertvolle Bereicherung der Sammlung französischer Meister», heisst es im Dankesbrief.

Die Freude währt zehn Jahre. Dann folgt für Huggler die grosse Ernüchterung. Bei den Vorbereitungen einer Corot-Ausstellung, geplant für 1960, erhält das Museum dicke Post von Jean Dieterle, dem renommiertesten Corot-Experten seiner Zeit.

Dieterles entschiedenes Urteil: «Il n’est malheureusement pas une œuvre de Corot.» Huggler selbst bezieht sich 1961 in einem Zeitschriftenartikel darauf und erklärt leicht gezwungen, «auch eine solche an sich betrübliche Einsicht» bedeute einen «Zuwachs» an Qualität der Museumssammlung.

Das Kunstmuseum Bern verkauft den «Hafen von Toulon» 1963 für 7000 Franken an die Zürcher Galerie Meissner. Noch 1955 hat das Museum das Gemälde für 30'000 Franken versichern lassen. Der weitere Weg des Werks bleibt im Dunkeln – bis es 2007 plötzlich bei Sotheby’s auftaucht. Als Gemälde von Camille Corot. Schätzwert: umgerechnet 290'000 bis 440'000 Franken.

Das Corot-Werk sei von Martin Dieterle identifiziert worden, heisst es im Auktionskatalog. Martin Dieterle gilt als bester Corot-Experte. Er ist der Enkel von Jean Dieterle, der dem Kunstmuseum Bern einst die unfrohe Botschaft überbrachte, das Gemälde sei nicht authentisch.

Was der Enkel wohl dazu sagt? Martin Dieterle nimmt derzeit keine Stellung. Wo sich der «Hafen von Toulon» heute befindet, bleibt offen – bei der Sotheby’s-Auktion 2007 fand sich kein Käufer. Möglich, dass es Rosenberg einst Bern vermachte, weil er die Wahrheit wusste.

Verwendete Quellen/Literatur: Schweizerisches Bundesarchiv Archiv Kunstmuseum Bern «Raubkunst – Kunstraub», Orell-Füssli-Verlag 1998.

Berner Zeitung

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