Webers Schnittstellen

Scherenschnitte? Das sind Sujets mit Alpabzügen und Bauernfesten. Auch, aber nicht nur. Bruno Weber etwa schneidet Naturszenen. Das Landesmuseum stellt seine und andere Papierwerke aus.

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Bruno Weber ist kein geduldiger Mensch. Seine Gedanken sind in Bewegung, wie die Schneeflocken, die auf seinen Bildern tanzen. Seine Art jedoch ist eher behäbiger Natur, und vielleicht passt dieses Kunsthandwerk deshalb so gut zu ihm. Bruno Weber ist einer der bekanntesten Papierschneider der Schweiz. Er fertigt Papierschnitte, filigrane Kunstwerke. Im Falle der Enten brauchte er dafür über zwanzig Stunden.

Der Künstler aus Glashütten arbeitet in einem Atelier nahe Zofingen. Dort knarren zwar die Böden, und der Kachelofen lässt die Wohnung wie ein Bauernhaus riechen. Doch der ehemalige Werklehrer steht überhaupt nicht auf Alpaufzüge, und auch nicht auf Bauernhofszenen als reine Dekoration, wie sie mittlerweile omnipräsent sind. Nein, Bruno Webers Papierschnitte zeigen zwar Natur. Aber anders.

Was ist ein Scherenschnitt?

Vor allem seine «Herde unter Bäumen», ein Papierschnitt, der Schafe im Schneegestöber vor eben diesen Bäumen zeigt, ist zurzeit sehr gefragt. Er gefällt. Das Bild muss bei vielen Leuten etwas auslösen, gute Gefühle, Wärme, Bewunderung. Jedenfalls hängt das oft bestaunte Original mit zwei anderen Werken von Weber («Garten» und «Geborgenheit – Gefangenschaft») im Landesmuseum in Zürich, mit rund hundert anderen Arbeiten von Mitgliedern des Vereins Freunde des Scherenschnitts.

In der Ausstellung sind ausserdem die Anfänge der Scherenschnitte zu sehen. Von sogenannten Andachtsbildern (ab Ende des 17. Jahrhunderts fertigten sie Nonnen mithilfe von Taschenmessern an) über das Silhouettieren (ein Gesicht ausschneiden ist einfacher, als es zu malen im 18. Jahrhundert) bis zum Scherenschnitt, der als typisch schweizerisch gilt: alpine Welten, vor allem der Alpaufzug in Schwarz und Weiss. Die Ausstellung ist eine längst fällige Hommage an ein Kunsthandwerk, das vielfältiger ist, als man meinen könnte.

Was ist ein Scherenschnitt? Felicitas Oehler, die Präsidentin der Scherenschnittfreunde, beschreibt es im Standardwerk so: «Als Scherenschnitte definiere ich Bilder, deren Motive mit einem Schneidewerkzeug aus Papier, Pergament oder einem verwandten Material herausgeschnitten sind. Charakteristisch ist demnach, dass das Bild – wie bei einer Skulptur – durch das Entfernen von Material entsteht.»

Der Begriff Scherenschnitt charakterisiert also die Technik und sagt nichts über Inhalte aus, und auch nicht über Motive. Mit seinen Papierschnitten möchte Bruno Weber eine Geschichte erzählen. Oder zwei. Oft entdeckt man auf seinen Bildern erst beim zweiten Mal Hinschauen dominante Details. Nicht so die Enten, die er uns zeigt, man sieht sie sofort, sie schwimmen unter Trauerweiden. Bruno Weber war beim Fertigen des Schnitts «auf der Suche nach dem Licht», wie er sagt.

Manchmal schreibt er in die Papierschnitte hinein, indem er Buchstaben schneidet. Mit dem Messer, übrigens, «obwohl das früher sehr verpönt war». Die meisten Scherenschneider arbeiten mit Scherenschnittscheren, andere brauchen einen Cutter oder chirurgische Instrumente. Heute gibt es ein Dutzend Profischerenschneider, unter ihnen Ernst Oppliger aus Meikirch oder Ueli Hofer aus Trimstein.

Die Skizze, der Schnitt

Bruno Weber faltet sein Papier traditionell in der Mitte und schneidet quasi doppelt, was typisch ist für den Schweizer Scherenschnitt. Nachher arbeitet er Details hinein, zum Beispiel eine Entenfamilie. Seine Motive findet der Künstler auf Spaziergängen über Felder und Wiesen. Er fertigt eine Skizze an, die er als Vorlage zum Schneiden braucht. Manchmal hilft ihm ein Foto. Seine Werke bestehen stets aus nur einem Blatt Papier.

Er hat auch schon in China ausgestellt, dank des Vereins. Überhaupt, sagt er, hätten ihn die Freunde des Scherenschnitts weitergebracht. Der Verein zählt 500 Mitglieder. Seine Aufgabe ist die Förderung des Scherenschnitts in der Schweiz. Er nimmt sie sehr ernst. Das ist schön. Nina KobeltBruno Weber leitet am 21. März in Bern im Rahmen des Haupt-Ateliers einen Workshop (Anmeldung unter: haupt.ch/atelier14b). Vom 5. bis 23. Mai stellt er im Heimatwerk Zürich aus (www.papierschnitt.ch). (Berner Zeitung)

Erstellt: 21.01.2015, 12:26 Uhr

Ausstellung

Das Landesmuseum Zürich zeigt bis am 19. April die Ausstellung «Scherenschnitte». Dort sind historische Schnittbilder des 18. bis 20. Jahrhunderts sowie über hundert zeitgenössische zu sehen: ausgewählte Arbeiten von Mitgliedern des Vereins Freunde des Scherenschnitts sowie von Künstlern. Weiter gibt es Führungen und Schauschneiden (www.nationalmuseum.ch). Auf www.scherenschnitt.ch sind die Papierschnitte des Vereins, welche in der Ausstellung hängen, zum Kauf angeboten.

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