Paul Klees Berner Anwalt landete wegen Raubkunst vor Gericht

Bern

Nach dem Krieg verklagte Paul Rosenberg sieben Schweizer wegen Raubkunstbesitzes. Unter ihnen: der Berner Anwalt und Oberauditor Fritz Trüssel.

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Oliver Meier@mei_oliver

Diesen Februar wird im Zentrum Paul Klee die Ausstellung «Klee in Bern» eröffnet. Gut möglich, dass am Rande auch Fritz Trüssel (1873–1965) eine Rolle spielen wird. Der Anwalt und Oberauditor der Armee sammelte Kunst, war Präsident der Bernischen Kunstgesellschaft und ein früher Förderer Klees. Trüssel gehörte nach 1933 zu den wenigen Bezugspersonen von Paul und Lily Klee in Bern, er unterstützte sie auch bei ihrem Einbürgerungsgesuch.

Trüssels Engagement für den in Deutschland als «entartet» verunglimpften Klee wird allerdings überschattet durch einen späteren Bilderkauf, der sozusagen für das Gegenteil steht: die indirekte, wenn auch unwissentliche Unterstützung des nationalsozialistischen Kulturgüterraubs.

Für 30'000 Franken gekauft

Sommer 1942: Fritz Trüssel erwirbt beim Basler Kunsthändler Willy Raeber das Gemälde «Femme endormie» von Gustave Courbet. Kaufpreis: 30'000 Franken. Raeber ist ein bekannter Name in der Szene. Im Jahr zuvor hat das Kunstmuseum Bern bei ihm Courbets Gemälde «Le réveil» gekauft – ein Deal, mit dem sich das Kunstmuseum später eine viel diskutierte Raubkunstklage einhandelt.

Auch Trüssel bekommt Probleme: Im August 1945, kurz nach Kriegsende, wird die französische Botschaft in Bern aktiv. Brieflich teilt sie den Schweizer Bundesbehörden mit, der Kunsthändler Paul Rosenberg erhebe Anspruch auf das Courbet-Bild, das ihm geraubt worden sei. Schon tags darauf erhält Trüssel an der Beatusstrasse 32 Besuch von den Behörden. Der Anwalt zeigt sich überzeugt, dass er juristisch nichts zu befürchten habe.

Per Kiste nach Luzern

Doch es kommt anders. 1946 verklagt Rosenberg acht Personen, darunter Theodor Fischer, Emil Bührle und Fritz Trüssel. Courbets «Femme endormie» gehört zu jenen 162 Bildern, die Rosenberg in einem Banktresor in Libourne versteckt hatte. In derselben Kiste wie der «Hafen von Toulon» kam das Bild im April 1942 zum Luzerner Kunsthändler Fischer, der es Willy Raeber weiterverkaufte.

Trüssel weist die Klage zurück. «Über die Herkunft des Bildes weiss ich nichts anderes, als was mir seinerseits Raeber sagte, nämlich dass die Herkunft einwandfrei sei und dass er dafür Garantie besitze», sagt er 1947 bei einer Anhörung in Bern.

Tatsächlich hat sich Trüssel – was damals unüblich, ja verpönt war – beim Kauf nach der Herkunft erkundigt. Später, als ihm Zweifel gekommen waren, hakte er mehrmals nach. Sowohl Fischer als auch Raeber wiegelten ab. Raeber stellte gar falsche Garantieerklärungen aus – an die er sich später nicht mehr erinnern mochte.

Der Rosenberg-Prozess wird zum Schweizer Musterprozess. Im Juni 1948 setzt sich der Kläger durch. Auch Trüssel muss seinen Courbet zurückgeben und einen Teil der Gerichtskosten übernehmen.

Später erhält er von Raeber 10'000 Franken zurück, dieser hält sich bei Fischer schadlos, der seinerseits von der Eidgenossenschaft eine Entschädigung erhält. Ein bezeichnender Vorgang: Als man sich nach dem Weltkrieg unter Druck an die Rückgabe von Raubkunst macht, entpuppt sich die Schweiz – als Land aus lauter Gutgläubigen.

Berner Zeitung

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