Mondschein und Wassermelodie

Die Galerie Archivarte holt Erinnerungen aus dem Keller und zeigt das Werk von Mary Lienhard (1928–2016). Auf ihren Reisen hielt die Berner Künstlerin Naturphänomene fest.

<b>In der Wüste:</b> «Gestürzter Mond» (1993).

In der Wüste: «Gestürzter Mond» (1993). Bild: zvg

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Ein Stück Düne, ein Halbmond, schwarzes Gebirge und ein rosa Himmel ergeben ein grafisches Ganzes in der grossformatigen Zeichnung von Mary Lienhard. Die Arbeiten der 2016 verstorbenen Berner Künstlerin sind zurzeit in der Galerie Archivarte unter dem Motto «Erinnerung» zu sehen.

So nannte Lienhard eine kleine Serie von Tiefdrucken, die nebst dem zeichnerischen Werk und einer kleinen Fotoserie in der Ausstellung gezeigt werden. Lienhard wurde 1928 in Bern als Tochter eines Ingenieurs geboren. Während mehr als zwanzig Jahren arbeitete sie in Bern und Biel als Schaufensterdekorateurin.

Blick aufs Wasser: «Wasser­melodie» (2008).

Ihr künstlerisches Œuvre ist von ihren zahlreichen Reisen unter anderem nach Argentinien oder in den Jemen geprägt. Von der Künstlerin liebevoll gestaltete Fotoalben befinden sich im Depot, das unter der Galerie liegt. Sigrid Kleindienst Muntwyler, aktuelle Präsidentin des Vereins Archivarte, führt bereitwillig in das verwinkelte Kellergeschoss.

Rund 10'000 Kunstwerke birgt die vollgestopfte Schatzkammer. Auch der Nachlass von Lienhard, der dank dieser Ausstellung wieder ans Tageslicht kommt, wird hier gelagert.

Archivarte-Gründerin

Lienhard gehörte zu den Gründungsmitgliedern des 1998 von Inga Vatter-Jensen gegründeten Vereins. Die 1940 in Deutschland geborene Textilkünstlerin kam in den Sechzigerjahren in die Schweiz und übernahm als Erste das Präsidium der «Gesellschaft zur Nachlassverwaltung Schweizerischer Bildender Künstlerinnen/Archivarte».

Gerade was das Werk von Frauen angehe, kümmere sich oft niemand um den Nachlass, so Muntwyler. Auffallend viele Künstlerinnen seien ledig und kinderlos geblieben und würden nach ihrem Tod – im Gegensatz zu vielen Künstlern – keine umtriebigen Witwen hinterlassen.

Grausam und wohltuend

Auch Lienhards Werk wäre wohl ohne den Einsatz von Archivarte gänzlich vergessen gegangen. Ein Blick in ihre Fotoalben zeigt Lienhard als engagierte Tante, Freundin und Reisende. Die Fotografie diente ihr oft als Erinnerungshilfe für ihre Zeichnungen. So fotografierte sie etwa ausgiebig das Meer, woraus ihre Zeichnung «Wassermelodie» (2008) entstand. Mit Pastellkreide und Farbstift hat sie ein Stück Wellengang auf Papier gebannt.

Eine Nahaufnahme, die vom Wunsch, Bewegung darzustellen, zeugt. Ein ähnliches Vorhaben vermutet man in ihren schwarzweissen Fotoaufnahmen: Die Künstlerin nahm Kerzenrauch im Dunkeln auf. Besonders begeistert war Lienhard von Wüstenlandschaften. «Ich müsste längere Zeit in der Wüste bleiben können, um meine Seele ihrem Wesen ganz öffnen zu können», schrieb sie.

Sie schätzte die dort angetroffenen Gegensätze. Als heiss und kalt, rau und weich, licht und dunkel, grausam und wohltuend beschrieb sie die Wüste. Ins Surreale kippen ihre kleinformatigen Zeichnungen. Organische Formen verwandeln sich in Misch- und Fabelwesen.

Als Mitglied von Archivarte hat Lienhard aktiv bei Ausstellungen und bei der Aufarbeitung von Nachlässen ihrer Künstlerfreundinnen mitgearbeitet. Ziel des Vereins, der in diesem Jahr sein 20-jähriges Bestehen feiert, war es seit je, eine Erinnerungskultur zu pflegen. Nun soll Lienhards Œuvre mit dieser Gedenkausstellung ins Gedächtnis zurückkehren.

Vernissage: Do, 7. 6., 18 Uhr. Ausstellung:bis 30. 6. in der Galerie Archivarte, Bern; www.archivarte.ch. (Berner Zeitung)

Erstellt: 07.06.2018, 09:56 Uhr

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