Kunst als Seelenkitt

Viele Art-brut-Werke entstehen in Kunsttherapien. So auch jene des Aargauers J. Vauler, der in einer Zürcher Suchtklinik therapiert wird – und seit kurzem Bilder und Skulpturen in Bern verkauft.

Eigenständige Bildsprache: J. Vauler schafft heiter-abgründig Welten aus Acryl oder etwa Skulpturen von gefrässigen Mischwesen.<p class='credit'>(Bild: zvg)</p>

Eigenständige Bildsprache: J. Vauler schafft heiter-abgründig Welten aus Acryl oder etwa Skulpturen von gefrässigen Mischwesen.

(Bild: zvg)

Stefanie Christ@steffiinthesky

J. Vauler: Noch nie von diesem Künstler gehört? Kein Wunder, das Pseudonym existiert erst seit wenigen Wochen. Davor entstandene Werke tragen die schlichte Signatur «LR». Doch wer steckt hinter den Bildern und Skulpturen, die einem abgründigen Märchen entsprungen scheinen? Die grinsenden Totenköpfe und gefrässigen Mischwesen zeigen oder zwiebelartige Hasen, die verloren in der Wüste herumstehen? Ein Künstler, der sich in seinem Bilderkosmos versteckt.

Wir treffen ihn in der Tagesklinik im Zentrum für Abhängigkeitserkrankungen der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Sein Händedruck ist fest, die Finger schwarz gefärbt vom ­Acrylstift. J. Vauler blickt beim Sprechen aufs Papier und zeichnet in schwindelerregendem Tempo weiter. Andere hätten Mühe, aufs Gespräch zu fokussieren, beim 44-jährigen Aargauer ist es gerade umgekehrt: «Das Malen baut Stress ab und fördert meine Konzentration.» Dann räumt er ein: «Es kann aber auch zwanghafte Züge annehmen.»

Selbstwertgefühl stärken

In der Tagesklinik wird aber nicht nur J. Vaulers Abhängigkeitserkrankung therapiert. Das Problem liegt tiefer: «Ich habe mehr Mühe unter Menschen als andere», sagt er. Derzeit ist er arbeitsunfähig, eine Lehre hat er abgebrochen. Soziale Ängste lassen auch nicht zu, dass J. Vauler die Bilder mit seinem richtigen Namen signiert oder gar an Vernissagen teilnimmt. Schon das Interview mit dieser Zeitung ist eine Herausforderung, Porträtfotos gibt es nicht. Mit zum An­gebot der Tagesklinik gehört eine Kunsttherapie – für J. Vauler der bedeutendste Termin.

Seit zwei Jahren ist er in Behandlung bei der Kunsttherapeutin Snezana Serafimoska. «Ich arbeite ressourcenorientiert. Durchs Malen will ich herauskitzeln, was alles im Menschen steckt», so Serafimoska. Durch gegenseitige Bildbetrachtungen lernen die Betroffenen, mit Rückmeldungen umzugehen oder sich zu gedulden. Vor allem aber soll das Selbstwertgefühl gestärkt werden, der Glaube in die eigenen Fähigkeiten.

Gemalt hat J. Vauler schon immer. Im Geschäft für Malerzu­behör stösst er auf neue Farben, neue Materialien. Sein Œuvre entwickelt sich stetig weiter und bleibt doch eigenständig. Seit kurzem fertigt er Magnete und Tischskulpturen aus Hartschaumstoff. Mit Acrylstiften schafft er eine satte, homogene Farboberfläche. Markante schwarze Konturen sind charakteristisch für seine Darstellungen. Entfernt erinnern J. Vaulers Bilder an die Comicwelten des Bieler Künstlerduos M. S. Bastian & Isabelle L. Oder an die fantas­tischen Filmwelten von Tim Burton («Corpse Bride»).

Eine Tür öffnen

Aus seinen Zeichenmappen holt J. Vauler Bild für Bild hervor und breitet sie in Serafimoska Büro aus. Er könnte ein ganzes Museum mit seiner Kunst füllen. Mit seinem Art brut. So lautet der Fachbegriff für Werke, die von Autodidakten mit psychischen oder physischen Erkrankungen geschaffen werden. Berühmtes Beispiel ist der Berner Adolf Wölfli (1864–1930), der einen Grossteil des Lebens in der Klinik Waldau verbrachte und dessen künstlerischer Nachlass im Kunst­museum Bern lagert.

Oder die Französin Séraphine Louis (1864–1942), die bekannt war für ihre ornamentalen Blumengemälde und der 2008 eine Kinobiografie gewidmet wurde. Die Anerkennung für den Art brut steigt. Bereits seit 1976 existiert in Lausanne das Museum der Collection de l’Art Brut, und dieses Jahr wurde der erste Schweizer Art-brut-Kunstpreis verliehen – an die 50-jährige Freiburgerin Rosalina Aleixo.

Art brut – der Begriff ist nicht unumstritten. Er schafft eine Kunstwelt mit zwei Ordnungen, dabei sind die Grenzen fliessend. Niemand spricht bei Van Goghs Kornfeldern von Art brut, obwohl er ebenfalls Autodidakt war und wohl zeitlebens unter einer psychischen Erkrankung litt.

Unbestritten ist die Eigenständigkeit von J. Vaulers Bilderwelt. Darum helfen sowohl Snezana Serafimoska als auch die angehende Berner Kunsttherapeutin Beatrice Pulver-Gugger mit, seine Kunst der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Pulver lernte J. Vauler kennen, als sie in der Zürcher Tagesklinik ein Praktikum absolvierte. Sie vermittelte seine Arbeiten an eine Bekannte, die J. Vaulers Bilder nun im Laden Moss Concept Store im Berner Breiteinrainquartier verkauft.

Die Rolle als «Managerin» eines Künstlers, der sich selbst nicht präsentieren kann, ist ein zweischneidiges Schwert: «Es schafft natürlich eine gewisse Abhängigkeit», so Pulver. Andererseits kann sie ihm eine Tür öffnen. Diese durchschreiten muss J. Vauler selbst. Ob er sich denn eine Künstlerkarriere mitsamt Ausstellungen vorstellen kann? «Solange ich nicht anwesend sein muss...», antwortet J. Vauler. Er sitzt da, mit verschränkten Armen, das Haupt mit den rotblonden Haaren gesenkt, und lacht kurz auf. Dann greift er wieder zum Stift.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt