Ist Banksy out?

Erste Unkenrufe werden laut, die dem geheimnisumwitterten Streetart-Star das schlimmste aller kulturellen Delikte vorhalten: Seichtigkeit.

Die Regierung hört mit: Banksys neustes Werk, gefunden in Gloucestershire.

Die Regierung hört mit: Banksys neustes Werk, gefunden in Gloucestershire.

Paulina Szczesniak

Es funktioniert mittlerweile ein bisschen so wie das Kinderspiel «Simon Says»: Wann immer Banksy irgendwo eine seiner Schablonen an die Wand hält, macht die Kunstwelt Männchen. So geschehen zu Beginn dieser Woche, als in Gloucestershire im Südwesten Englands eine vor einer Hauswand platzierte Telefonzelle plötzlich von drei gesprayten Trenchcoat-Trägern umringt war, allesamt mit Mikrofon und Aufnahmegerät ausgerüstet und scheinbar bereit, Lauschattacken auf Fernsprechwillige zu starten. Keinen halben Tag gings, und die Medien waren unisono auf den Banksy-Zug aufgesprungen. Rund um den Globus wurde gewerweisst, ob der Urheber des Dreifigurenstücks wirklich der britische Streetart-König gewesen sein könnte, nur, um die Hypothese gleich auch zu bestätigen, denn schliesslich seien derartig clevere zeitgeistige Kommentare mit kritisch-politischem Beigeschmack ja so etwas wie des Meisters Markenzeichen.

«Oberflächliche, eindimensionale Pointen»

Allein: Grenzenlos reaktionsschnell hat sich Banksy – sollten die drei Lauscher denn tatsächlich auf sein Konto gehen – in diesem Fall ja nicht eben gezeigt. Assange, Snowden und Merkels Handy spuken ja nun schon ein Weilchen durch Medien und Kollektivbewusstsein. Klar, der Markt schluckt Banksy-Kunst auch dann, wenn sie gut abgehangen ist. Trotzdem drängt sich unwillkürlich die Frage auf, ob die (riesige?) Maschinerie hinter Banksy, die dafür gesorgt hat, dass, was vor ein paar Jahren noch einen Hochdruckreiniger auf den Plan gerufen hätte, jetzt Hunderttausende von Dollar einbringt, ihn träge hat werden lassen. Könnte es sein, dass der Erfolg auf Kosten der künstlerischen Agilität ging? Und dass das Rätselraten um seine Identität dem Diskurs über visuelle und inhaltliche Qualitäten seines Outputs den Rang abgelaufen hat?

Schon werden erste Stimmen laut, die das Ende der Ära Banksy prognostizieren. Besonders hart ins Gericht mit dem geheimnisumwitterten Kapuzenträger geht Jonathan Jones, scharfzüngiger Kunstjournalist beim «Guardian»: Kunst, argumentiert Jones, müsse vielschichtig und mehrdeutig sein; Banksy aber sei lediglich ein Produzent «oberflächlicher, eindimensionaler Pointen» für ein «bourgeoises Publikum». In einem unterkühlten Kommentar zu seinem vermeintlich neuesten Wurf kanzelt er Banksy als «Kultur-, jedoch sicher nicht Kunstphänomen» ab. Und auch die Graffitiszene ganz generell kriegt ihr Fett weg: als «zahmer Insiderwitz für eine Streetart-geschulte Mittelklasse».

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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