Im Bett mit Dürrenmatt

Dicke Dichter und dynamische Dörfler: Das Museum Franz Gertsch in Burgdorf präsentiert zum 40. Todestag Varlins (1900–1977) die bissig-düstere Bilderwelt des Schweizer Künstlers. Eine Entdeckung.

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Der Schweizer Maler Varlin malte viele berühmte Zeitgenossen. So auch den Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt. Als der Maler seinem Modell nach einigen nervenaufreibenden Porträtsitzungen über den Weg lief, soll er gesagt haben: «Du bist ja gar nicht so dick, wie ich dich gemalt habe.» Dürrenmatt hielt die Bemerkung in einem Essay fest und meinte: «Ich hatte vor seiner Kunst nicht bestanden!» Seinen schwergewichtigen und schwierig festzuhaltenden Freund malte Varlin unter anderem im Bett.

Der Porträtierte wirkt in der berüchtigten Liege beinahe hilflos. Über die Jahre kaufte Dürrenmatt zahlreiche Bilder von Varlin und bekannte sich immer wieder zum Maler, der manchem Zeitgenossen als zu figurativ und damit nicht modern genug erschien. So gehörte etwa Varlins grossfor­matiges Gemälde «Die Heilsarmee» (1963/1964), das für die Landesausstellung in Lausanne entstand, zu Dürrenmatts ­Sammlung.

Nun ist das Bild mit den musizierenden Soldaten und Soldatinnen – es sind regelrechte Karikaturen – im Museum Franz Gertsch in Burgdorf zu sehen. Mit «Varlin. Perspektiven» präsentiert die Institution anlässlich des 40. Todestages des Malers eine Werkschau mit rund dreissig Gemälden. Die Kuratorinnen ­Anna M. Schafroth und Anna Wesle haben Werke aus Privatbesitz, Museen und dem Nachlass des Künstlers vereint und stimmig arrangiert.

«Jagdgebiet» Zürich

Auftakt in die Ausstellung ist ein Selbstbildnis um 1975, das Varlin mit Öl, Kohle, Stroh, Haaren und Metall auf Jute bannte. Das expressive Bild zeigt den Maler als alten Mann. Um einiges aufgeräumter kommt das Frühwerk daher. Das Gemälde «Portrait du peintre Elias Kohn» (1927) ist das einzige Bild in der Schau, das Varlin noch mit seinem Geburtsnamen signiert hat. Varlin wurde 1900 in Zürich als Willy Guggenheim, Sohn eines jüdischen Lithografen, geboren. Mit seinem Künstlernamen bezog er sich auf den französischen Revolutionär und Anarchisten Eugène Varlin.

23-jährig zog Varlin nach Paris, wo der polnische Kunsthändler Leopold Zborowski sein Förderer wurde. 1935 kehrte Varlin zurück in die Schweiz, nach Zürich. Gemälde wie «Die alte Tonhalle in Zürich» (1935) sowie «Die hohe Promenade in Zürich» (1936–37) entstanden in dieser Zeit. Die hohe Promenade, zu der auch ein Friedhof gehört, verstand Varlin als sein «Jagdgebiet». Trauernde, Spazierende oder Liebespaare hielt er in der berühmten Allee fest.

Düster und bissig

In den Fünfzigerjahren feierte Varlin erste Erfolge. Er unternahm zahlreiche Reisen mit seiner Freundin Franca Giovanoli, die aus einer betuchten Bergeller Familie stammte. 1963 heiratete er die 28 Jahre jüngere Frau und machte deren Heimatdorf Bondo zu seinem zweiten Heimatsitz. Hier entstand das monumentale Gemälde «Leute aus meinem Dorf» (1976), das in der Burgdorfer Schau einen prominenten Platz einnimmt. Es ist ein ebenso dynamisches wie groteskes Bild: Urchige Männer in Gilets schwingen Sicheln, eine korpulente Frau präsentiert stolz grinsend ein Huhn. Mit Öl, Kohle und Filzstift hat der Künstler «seine» Dörfler auf eine Fahrzeugplane gemalt.

Varlin ist eine Entdeckung: Der Schweizer konnte düster wie ­Goya und bissig wie Honoré Daumier sein. In unruhigen Pinselstrichen hielt er Lehrer, Ärzte, Bauern oder Bergführer fest und zwang gar einen unruhigen Freigeist wie Dürrenmatt ins Bett.


«Varlin. Perspektiven»:Die Ausstellung läuft bis zum 4. März 2018, im Museum Franz Gertsch, Burgdorf. Vernissage:heute, 1. September, ab 18.30 Uhr.
(Berner Zeitung)

Erstellt: 01.09.2017, 08:14 Uhr

«Friedrich Dürrenmatt auf dem Bett» (1974–1975, Mischtechnik): Varlin porträtierte den Schriftsteller und Dramatiker liegend – und mit wildem, expressivem Pinselstrich. (Bild: zvg)

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