«Ich verletze mich ständig»

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Für seine spektakulären Bilder stürzt sich Fotograf Kerry Skarbakka von Leitern, Treppen oder aus Fenstern. Damit löst er ungewollte Kontroversen aus.

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Denise Jeitziner@tagesanzeiger

Was wollen Sie mit Ihren Bildern bewirken? Die Leute erschrecken? Die Idee ist, herauszufinden, was psychologisch abläuft zwischen dem Moment, in dem man die Kontrolle über sich verliert, und dem Moment des Aufpralls. Mich interessiert, was da bei einem abgeht. Ob einem viele Dinge durch den Kopf gehen, ob sich das eigene Leben wie ein Film vor den eigenen Augen abspielt, oder ob man versucht, den Ausgang zu beeinflussen und auf seinen Füssen zu landen. Meine Arbeit ist nicht zum Erschrecken gedacht. Aber tatsächlich sind wir täglich Risiken ausgesetzt, und wir alle versuchen, auf unseren Füssen zu landen.

Warum sind Bilder von fallenden Menschen so faszinierend? Dafür gibt es wohl verschiedene Gründe. Jeder kennt das Gefühl, die Kontrolle über sich zu verlieren und zu realisieren, dass gleich etwas Schlimmes geschehen wird und man völlig ausgeliefert und hilflos ist. Andere finden die Bilder vielleicht faszinierend, weil sie genau diesen einen Moment einfangen. Man kann innehalten und ihn sich anschauen. In Wirklichkeit dauert ein Fall ja nur eine oder zwei Sekunden. Aber wenn du den Moment fotografierst, hast du ewig Zeit, um die Nuancen zu erkennen.

Was war zuerst: Stuntman oder Fotograf? In jungen Jahren bin ich viel geklettert, später habe ich mich in der Kampfkunst versucht. Mein eigentlicher Hintergrund sind jedoch die Bildhauerei und das Zeichnen. Die Fotografie kam später dazu. Ursprünglich wollte ich Schauspieler in Hollywood werden. Ich hab es nie auf die grosse Leinwand geschafft, aber ich habe die Kamera dafür auf eine andere Weise auf mich gerichtet. Ich wusste, dass, wenn ich all meine Leidenschaften verbinde und sie vor eine Kamera bringe, ich einen Zugang zu meinem kreativen Potenzial finden würde. Diese Kombination meiner Leidenschaften war wichtig für mich, weil ich auf der Suche meiner Stimme als Künstler war.

Sie machen alle Stunts selber? Ja, das bin immer ich.

Wer macht denn die Bilder, während Sie fallen? Ich installiere die Kamera für die Komposition und habe einen Assistenten, der den Auslöser drückt, wenn ich «Looooos!» rufe. Meist ist es meine Freundin, manchmal sind es auch befreundete Fotografen, Verwandte oder auch Unbeteiligte.

Wie viele Verletzungen haben Sie schon davongetragen? Oh, ich verletze mich ständig, aber meistens sind es bloss blaue Flecken und Schürfungen. Allerdings habe ich mal eine Rippe gebrochen und viele Male den Knöchel verstaucht.

Brauchen Sie irgendwelche Hilfsmittel wie Photoshop? Nur wenn es nicht anders geht. Wenn der Shoot zu gefährlich ist, nehme ich Seile und eine Kletterausrüstung zu Hilfe. Manchmal benutze ich Matratzen und Kartonschachteln, um meinen Aufprall abzufedern. Photoshop brauche ich für kleine Ausbesserungen und um unnötige Seile zu entfernen.

Wie gehen Sie bei Ihrer Arbeit vor? Es ist ein organischer Prozess. Jedes Bild ist anders. Wenn ich weiss, was ich tun möchte, muss ich die richtige Umgebung dafür finden; wie ein Location Scout beim Film. Sobald ich logistisch alles organisiert und die Bewilligung eingeholt habe, ist die Arbeit relativ schnell getan. Es gibt aber Bilder, die ich seit Jahren im Kopf habe und die ich gerne realisieren würde. Bloss fehlen für die Projekte, die ich wirklich realisieren möchte, die finanziellen Mittel.

Was ist die grösste Herausforderung? Abgesehen davon, dass ich das Geld für die Projekte beschaffen muss, ist es die Tatsache, dass ich nicht hinter der Kamera stehen kann, während ich falle. Ich weiss daher nie genau, was dabei herauskommt, bis ich das Bild gesehen habe. Also in meinem Fall erst nach meinem Sturz.

Ist es die Idee, immer noch spektakulärere Situationen zu finden, oder haben Sie eine Grenze? Ich bin jetzt älter und auch besonnener. Ich mag mein Leben. Ich bin nicht darauf aus, für meine Kunst zu sterben.

Es gibt auch kontroverse Reaktionen auf Ihre Arbeit, besonders in Bezug auf die Geschehnisse des 11. September. Es gab Medien, die Ihre Stürze aus Gebäuden als unsensibel kritisierten. Meine Arbeit war nie dazu gedacht, solche tragischen Tode und Verletzungen zu imitieren. Trotzdem muss ich mir immer bewusst sein, dass die Leute Assoziationen anstellen, wenn ich mich aus einem Gebäude stürze. Im Leben geschehen schlimme Dinge. Ich fühle mich schrecklich, dass mein Projekt in schwierigen Emotionen stochern musste, aber wenn die Medien nie ihre falschen Schlüsse gezogen hätten, würden Sie mich heute nicht interviewen.

Dieses Interview wurde schriftlich geführt.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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