«Hey, es ist nur Malerei»

Die in Berlin lebende Schweizer Künstlerin Valérie Favre präsentiert hintergründige Malerei im Museum Franz Gertsch in Burgdorf. Besonders faszinierend ist ihre Serie «Les Théâtres»: Vorhang auf für Meisterhaftes und Geisterhaftes.

Malerei in Auflösung: «Die Hellseherin» (2014/2015), Öl auf Leinwand, 170 × 390 cm, von Valérie Favre.

Malerei in Auflösung: «Die Hellseherin» (2014/2015), Öl auf Leinwand, 170 × 390 cm, von Valérie Favre. Bild: Uwe Walter / Berlin

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das Auge wird herausgefordert, wenn man vor Valérie Favres Gemälden steht. Die Figurenwelt, die sie präsentiert, ist in Auflösung begriffen. Ausserdem fragt man sich unweigerlich: Wo stehe ich als Betrachter? Das gilt besonders für ihre Serie «Les Théâtres» (2008–2015), die Teil der aktuellen Schau «Moving» im Museum Franz Gertsch in Burgdorf ist.

Sinnbild der Eitelkeit

Die 1959 in Evilard bei Biel geborene Künstlerin war Bühnenbildnerin, bevor sie sich ganz der Malerei verschrieb. Nun spielt das Theater als «Theatrum mundi» – als Sinnbild für die Eitelkeit und Nichtigkeit der Welt – eine grosse Rolle in ihrem malerischen Werk. Ein Thema, das seine Ursprünge in der Kunst der Renaissance und des Barocks hat und im 19. Jahrhundert in Form mechanischer Schaubühnen eine zweite Blüte ­erlebte.

Favre, die nach Jahren in Genf und in Paris nun in Berlin lebt, bannt ihre Bühnen des Lebens auf Triptychen – dreigeteilten Bildern. Ob in ihren Sze­nerien Tag oder Nacht herrscht, bleibt diffus. Wer hier noch lebendig oder ­bereits Teil einer Geisterwelt ist, wird nicht ganz klar. Karnevaleske Figuren, dekadente Gesellen und symbolträchtige Tiere wie Fische oder Eulen begegnen sich, tanzen Reigen oder sind Teil geheimnisvoller Prozessionen. Alles passiert hier scheinbar gleichzeitig.

Inspiriert sei sie von der modernen ­Literatur, etwa dem «Stream of Con­sciousness», sagt Favre bei einem Rundgang durch die Ausstellung. Wie bei ­dieser Erzähltechnik tritt manche Figur in ihren Gemälden mehrmals auf, wechselt aber – gemeinsam mit dem Betrachter – den Blickwinkel, ist mal hinter, mal auf der Bühne. Klar reflektiere sie das aktuelle Geschehen, eine Welt, die bröckle. Doch Favre ist auch wichtig zu betonen: «Hey, es ist nur Malerei.»

Ausstellung: bis zum 14.8. im Museum Franz Gertsch, Burgdorf.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 15.04.2016, 09:07 Uhr

Service

Mitdiskutieren, teilen, gewinnen.

News für Ihre Timeline.

Kommentare

Blogs

History Reloaded Es geht um Respect, Mann!

Sweet Home Es bleibt noch eine Weile grün

Die Welt in Bildern

Dicht an dicht: Was aussieht wie die Nahaufnahme eines Blütenstandes sind tatsächlich Rasierpinsel.Sie stehen bei einem Pinselhersteller im bayerischen Bechhofen. (25. September 2018)
(Bild: Daniel Karmann/dpa) Mehr...