Gurlitt-Erbe: Die geheimen Seilschaften und Strategien

Bern

Eine Gruppe aus dem Umfeld der Familie Gurlitt setzt das Kunstmuseum Bern seit Monaten unter Druck. Nun plant sie die Veröffentlichung Tausender Dokumente von Cornelius Gurlitt im Internet.

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Michael Feller@mikefelloni
Oliver Meier@mei_oliver

In einer Nacht-und-Nebel-Aktion tragen zehn Männer Kiste um Kiste aus einem verlotterten Haus im Salzburger Villenviertel Aigen. An der Carl-Storch-Strasse 9 lagert Cornelius Gurlitt rund 250 Kunstwerke. Hier hat Gurlitt auch seine Unterlagen aufbewahrt.

Hinter der Kistenaktion Anfang 2014 steht Christoph Edel, damaliger Betreuer des verschrobenen Kunst-Erben Gurlitt, den Insider liebevoll «Conny» nennen. Hintergrund der Aktion: Edel will die Herkunft der Gurlitt-Bestände untersuchen lassen, zu denen auch mehrere Raubkunstbilder gehören. Gurlitt hat ihm die Erlaubnis erteilt, die Geschäftsunterlagen abtransportieren zu lassen. In den Kisten liegen über 25000 Dokumente, zum Teil angegraut. Jahrelang lagen sie in Gurlitts Haus.

Daten sollen innert sechs Monaten raus

7000 dieser Dokumente sollen nun, ein Jahr nach der Salzburger Kistenaktion, in den Fokus der Gurlitt-Diskussion rücken. Eine Gruppe von Anwälten und Beratern aus dem Umfeld von Gurlitts Cousine Uta Werner plant, sie innerhalb eines halben Jahres zu veröffentlichen. Offiziell informiert wurde noch nicht. Doch bereits jetzt sickert einiges durch. Die umfangreiche Dokumentationsarbeit soll vom Berliner Auktionshaus Auctionata finanziert und auf dessen Website veröffentlicht werden. Aufwand: Rund eine halbe Million Franken.

Bei den «Conny-Leaks»-Dokumenten handelt es sich um Geschäftsakten von Kunsthändler Hildebrand Gurlitt (1895–1956) und dessen Sohn Cornelius (1932–2014). Sie sind Teil einer Auseinandersetzung, die im Hintergrund zwischen gut aufgestellten Netzwerken läuft (siehe Grafik in der Bildstrecke).

Noch ist unklar, ob das Gurlitt-Erbe ins Kunstmuseum Bern kommt, wie es Gurlitt in seinem Testament vorgesehen hat. Cousine Uta Werner zweifelt das Testament an und hat im Januar einen Erbschein beantragt. Cornelius Gurlitt sei nicht urteilsfähig gewesen, lautet die Begründung. Briefe von Gurlitt sollen davon zeugen, dass er seit jungen Jahren an Wahnvorstellungen gelitten habe. Insider sehen reelle Chancen für einen Erfolg von Uta Werners Partei.

Gruppe wollte 1 Million vom Kunstmuseum

Die Gruppe setzt nicht zum ersten Mal Druck auf: Letzten Herbst versuchte sie einen Deal mit dem Museum einzufädeln. «Kurz vor Ablauf der Ausschlagungsfrist ist uns aus dem Umfeld der Cousine mehr als einmal angeboten worden, das Testament gegen viel Geld nicht anzufechten», sagt Kunstmuseumsdirektor Matthias Frehner. Hinter vorgehaltener Hand wird die Summe von 1 Million Franken genannt, die Frehner aber nicht bestätigen will. Wird das Kunstmuseum erpresst?

«Es liegt nicht an uns, diesen Sachverhalt rechtlich zu bewerten. Moralisch liegt der Vorgang allerdings zumindest nahe an einem Erpressungsversuch», sagt Frehner. «Allerdings haben sich diese Personen in einem grundlegend getäuscht: Das Kunstmuseum kämpft nicht um die Erbschaft. Wenn dem Museum die Erbschaft zusteht, hat sich der Stiftungsrat aus einem Verantwortungsgefühl heraus dafür entschieden, die Erbschaft anzunehmen.»

Auch im Zusammenhang mit den «Conny-Leaks»-Dokumenten stand letztes Jahr bereits ein «Geschäft» im Raum: Für 430'000 Franken hätte das Kunstmuseum die Daten kaufen können. Das Museum winkte ab. Wenig später wurden die Daten auch der Taskforce angeboten. Auch sie ging nicht auf den Handel ein.

Die Entourage von Uta Werner will mit ihrer Aktion sowohl dem Kunstmuseum als auch der deutschen Gurlitt-Taskforce Beine machen. «Totale Transparenz», lautet die Losung. Der Gruppe geht es bei der Provenienzforschung zu wenig rasch voran. Bei der Abklärung der Raubkunstverdachtsfälle seien bisher kaum Resultate erzielt worden, heisst es.

Die Gruppe hat die Dokumente gescannt und gespeichert. Nach dem Tod von Cornelius Gurlitt gingen die Kisten voller Unterlagen zurück an die Behörden. Derzeit hat das Kunstmuseum keinen Zugriff auf die Daten. Sie lagern beim Nachlasspfleger, werden aufbereitet und kategorisiert – eine Arbeit, welche die Gegenpartei bereits unternommen hat.

Ablehnende Haltung als Desinteresse gewertet

Diese will die heiklen Dokumente – anders als die deutschen Behörden – ohne geschwärzte Stellen veröffentlichen, mitsamt Namen von Kunsthändlern und Käufern. Mit diesem Vorhaben dürfte sie sich im auf Diskretion bedachten Kunsthandel keine Freunde schaffen. Klagen will die Gruppe in Kauf nehmen.

Ohne die Geschäftsunterlagen aus dem Salzburger Haus von Cornelius Gurlitt könne man «keine ernsthafte Forschung betreiben», heisst es aus dem Umfeld von Uta Werner. Die Dokumente enthalten demnach detaillierte Angaben zu jedem Kunstwerk aus der Gurlitt-Sammlung mitsamt Abbildung. Die ablehnende Haltung von Museum und Taskforce wird als Desinteresse an der vollen Wahrheit gewertet.

Und was sagt die Taskforce? Sprecher Matthias Henkel bestätigt, dass nach Gurlitts Tod ein Gespräch mit Personen geführt wurde, die nun an «Conny-Leaks» beteiligt sind. «Ein beziffertes Angebot» sei dabei aber nicht gemacht worden. «In der mit Cornelius Gurlitt getroffenen Vereinbarung vom April 2014 war die Taskforce mit der weiteren Recherche beauftragt worden», so Henkel.

«Dieser Aufgabe kommt sie nach. Es ist nicht Sache der Taskforce, fremde Datenbanken aufzukaufen.» Zur geplanten Veröffentlichung von Daten durch die Gurlitt-Entourage und allfällige rechtliche Folgen will sich Sprecher Matthias Henkel nicht äussern. «Die Taskforce hat das nicht zu bewerten.»

Berner Zeitung

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