Franticek Klossner, der Genre-Sprenger

Innovatives und Raritäten: Franticek Klossner zeigt in einer humorvollen Berner Ausstellung die Breite seines Schaffens.

Links: Mit dem 3-D-Drucker: Für die Skulpturengruppe «Relax Yourself!» (2018) wurde ein Körper gescannt. Rechts: Mit dem Touchpen: Die dynamische Grafik «Du bist hier» (2018) entstand am Bildschirm.<p class='credit'>(Bild: PD)</p>

Links: Mit dem 3-D-Drucker: Für die Skulpturengruppe «Relax Yourself!» (2018) wurde ein Körper gescannt. Rechts: Mit dem Touchpen: Die dynamische Grafik «Du bist hier» (2018) entstand am Bildschirm.

(Bild: PD)

Stefanie Christ@steffiinthesky

Sie denken, Videokunst sei progressiv? Dann schauen Sie sich mal in Franticek Klossners Œuvre um. Der 58-jährige Berner Künstler schafft es mit einer ­spielerischen Leichtigkeit, neuste Technologien für seine Werke einzusetzen.

Werke, die nicht mit «Avantgarde» kokettieren, sondern wirken, als würde sich der Künstler der traditionellsten Techniken bedienen. Denn was aussieht, wie eine grossformatige Tuschezeichnung, ist in Wahrheit ein Digitaldruck. Die schwarze Linie hat der Künstler in wenigen schwungvollen Gesten gelegt – nicht direkt aufs Papier, sondern mit einem Spezialstift auf den Computerbildschirm.

Die Berner Galerie da Mihi bietet eine seltene Gelegenheit, diese dynamischen Grafiken Klossners zu sehen, auf denen der ­ungezähmte Strich scheinbar zufällig ein Gesicht oder ineinander verschlungene Körper formt.

In fünf Ausstellungsräumen sind aber auch typische Textbilder anzutreffen: Über abstrakte Formen, Silhouetten oder monochromen Hintergrund hat der Künstler jeweils eine Glasschicht gelegt, die nicht nur als Bildrahmen fungiert, sondern in die mittels Sandstrahltechnik Texte eingraviert wurden. Texte, die über die Berührung auch Blinde lesen können, wie der Künstler erzählt.

Es handelt sich dabei um Zitate aus der Bibel oder aus philoso­phischen Schriften, meist aber um von Klossner verfasste Orakel oder Kunstmärchen. Etwa jenes über ein schwarzes Quadrat, das im Museum hängt und sich über die Besucherkommentare enerviert.

Das schwarze Quadrat erinnert natürlich nicht zufällig an das ikonenhafte Gemälde Kasimir Malewitschs. Immer wieder greift Klossner auf die Bild- oder Symbolsprache der Kunstgeschichte zurück, referiert hier auf einen Künstler und dort auf eine Theorie.

Oder er interpretiert Meret Oppenheims Pelztasse neu, indem er auf einen stark behaarten Männerbauch entsprechendes Geschirr zeichnet. «Ein Vorgang, der kribbelt», wie der Künstler aus eigener Erfahrung weiss. Darum nennt er die entsprechende Fotoserie, die er seit 2015 kontinuierlich fortsetzt, «Kunstgeschichte kitzelt!».

Weniger greifbar wirkt auf den ersten Blick der Ausstellungstitel «Eudaimonie und Ataraxis». Die griechischen Begriffe wurzeln in der Antike und stehen für Glückseligkeit, beziehungsweise Seelenruhe. Wie der Künstler Gelassenheit physisch interpretiert, zeigt er mit der neuen Skulpturengruppe «Relax Yourself!».

Männerfiguren liegen auf einem blauen Sockel und lassen Arme und Beine runterhängen. Das sieht je nach Blickwinkel aus, als nähmen die Figuren eine Yogaposition ein – oder als würden sie vom Sockel aufgespiesst.

Entstanden sind die hyperrealis­tischen Figuren nicht etwa in monatelanger Atelierarbeit, sondern unter dem 3-D-Drucker. Modell stand beziehungsweise «hing» ein Künstlerfreund Klossners. Über 80 Fotokameras haben jeden Zentimeter seines Körpers abgelichtet, selbst Narben und verblichene Tattoos konnte der Drucker darum wiedergeben.

Videokunst fehlt in der launig inszenierten Ausstellung des Multimediakünstlers selbstredend auch nicht. Mit der Werkgruppe «Velfie» stellt der Genre-Sprenger Klossner einmal mehr sein Können unter Beweis, neuste Medien völlig selbstverständlich für die Kunstproduktion zu nutzen: indem er Handydisplays hinter Gläser klebt. Der Projektionseffekt ist garantiert, und eine aufwendige Verkabelung ist hinfällig. Seelenruhe garantiert – auch für die Ausstellungskura­toren!

Ausstellung: bis 15. September, ­Galerie da Mihi, Bern.

Berner Zeitung

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