Ein Einäugiger sorgt für grosses Spektakel

In Biel wurde ein Zyklop frei nach Jean Tinguelys verspielter Eisenskulptur aufgebaut. Im Freilichtspektakel «Cyclope» hauchen Zirkusartisten dem einäugigen «Kopf» Leben ein.Ein Augenschein vor der Premiere am Montag.

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Helen Lagger@FuxHelen

Ein verlotterter menschenleerer Rummelplatz in der Abenddämmerung hat etwas Einsames, aber auch etwas Poetisches. Hier ging es mal bunt zu, hier trafen sich Liebespaare zum Stelldichein und Kinder zum Zuckerwattenaschen. Nun sind alle längst nach Hause gegangen, die Bahnen ausser Betrieb, die Lichter aus. Genau diese Stimmung herrscht zurzeit im Bieler Expopark: Neben einer abgehalfterten Geisterburg und mit Zeltblachen verdeckten Putschautos thront hier eine riesige Konstruktion aus Stahl.

Die von mehreren Bühnenbildnern konzipierte, begehbare Skulptur lehnt sich an Jean Tinguelys «Le Cyclop» an (siehe unten), einem gigantischen einäugigen Kopf, der im Wald Milly-la-Forêt bei Paris steht . Die Bieler Philipp Boë (Regie) und Markus Gfeller (Musik) verstehen ihr Freichlichtspektakel «Cyclope» als Hommage an Tinguelys Werk und wollen – ganz im Sinne des 1991 verstorbenen Künstlers – mit viel Verspieltheit die Grenzen der Normalität sprengen. Dabei setzen sie auf schwindelerregende Akrobatik, Musik, Gesang und jede Menge Poesie.

Eine Runde Geisterstunde

Zirkusartisten aus sieben Nationen sind an der aufwendigen Produktion beteiligt. Die Geschichte, rund um den Clown Mick (Mick Holsbeke), der alleine auf dem verlassenen Rummelplatz zurückgeblieben ist, wird ohne Worte erzählt. Eines Tages reibt er – wie einst Aladin an seiner Wunderlampe – an einer auf dem Rummelplatz stehenden Skulptur. Als die Figur dabei kaputt geht, kehren Geister aus einer glorreichen Vergangenheit des einstigen Jahrmarktes ins Leben zurück. Mick fürchtet sich zuerst vor den alten Seelen, doch schliesslich arrangiert er sich mit den Wesen und verliebt sich sogar in den Geist einer Trapezkünstlerin (Sanna Kopra).

Nostalgie und Sehnsucht

Untermalt wird die Story von der live gespielten Musik und den Gesangseinlagen der Geschwister Bruno und Myrta Amstad. Der musikalische Leiter Markus Gfeller hat für jede einzelne Szene die passende Musik komponiert. «Die Musik ist für die Emotionalität zuständig und haucht dem Zyklopen Leben ein», sagt Gfeller. So sorgt mal das Orchester mit Bass, Schlagzeug, Keyboard und Akkordeon für unheimliche Töne, die das Zwischenreich der Geister evozieren. Mal ertönt nostalgische Jahrmarktsmusik, die Micks Balanceakt auf einer riesigen Kugel rhythmisiert. Die sehnsuchtsvolle Stimme von Myrta Amstad illustriert schliesslich die Begegnung zwischen den Liebenden.

Saltos und Seiltanz

Die Kostüme, bestehend aus gestreiften Strümpfen und T-Shirts, Hosenträgern und Tüllröckchen, verströmen in ihrer Vintage-Optik jede Menge Nostalgie, haben aber auch eine poppige Note. «Mit der Wahl der Kostüme habe ich versucht, jeder Figur einen individuellen Charakter zu verpassen», so Kostümbildnerin Eva Butzkies. Nun gelte es noch die Kleider richtig «runterzurocken», seien die Seelen doch lange Zeit eingesperrt gewesen.

Die Idee mit den Geistern hatte Regisseur Philipp Boë. Die Geschichte diene allerdings vor allem als Vorwand, spektakuläre Akrobatik zu präsentieren. Die Geister, die Mick rief, treiben es denn auch ziemlich bunt: Sie hüpfen saltoschlagend auf einer Wippe, fliegen auf Trapezen durch die Lüfte oder tanzen auf dem Seil. Der Zyklop wird vor den Augen der Zuschauer zu einem regelrechten Zauberuniversum, in dem die Artisten diese Bühne voller Überraschungen mit vollem Einsatz ihrer Kreativität nutzen.

Diverse Rollen nahmen Zyklopen bereits in der griechischen Mythologie ein: Die mit einem einzigen Auge auf der Stirn ausgestatteten Kreaturen treten in den Sagen des Altertums mal als Gewitterdämonen, als Riesen oder Baumeister auf. Der Bieler Zyklop ist wohl ein bisschen von allem. Er wirkt mal unheimlich, mal gigantisch und beim Proben in der Dämmerung richtiggehend erhaben.

Berner Zeitung

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