Echte Indianer mit Schmerz und Humor

Gute Nachrichten aus Zürich-Tiefenbrunnen: Es gibt sie noch, die Indianer – und sie machen tolle Kunst.

Die Indianerprinzessin Pocahontas als englische Adlige, gemalt von David Bradley. Foto: PD

Die Indianerprinzessin Pocahontas als englische Adlige, gemalt von David Bradley. Foto: PD

Lynn Scheurer@Ciao_Lynn

Wenn man im zweiten Stock des Nordamerika-Native-Museums (Nonam) steht, könnte man tatsächlich denken, die Indianer seien ausgestorben. Dort lagern die Reliquien vergangener Zeiten; Friedenspfeifen, Totempfähle, Federschmuck. Einen Stock tiefer sind wir aber in der Gegenwart und Gefühlswelt der heutigen «Indianer» angekommen, die noch sehr lebendig sind und spannende Kunst machen.

Zum Beispiel Stachelpenisse aus Karibu- und Schafshaut. Vielleicht sind es auch keine Penisse, sondern einfach phallisch geformte Beutel. Auf jeden Fall thematisiert die Künstlerin Sonya Kelliher-Combs mit ihren «Guarded Secrets» die vielen Geheimnisse in den abgelegenen Gemeinschaften Alaskas, in denen sie aufgewachsen ist. Die Stacheln in der Haut verteidigen gegen aussen, stechen aber auch gegen innen. Eine subtile Anspielung auf den Schaden, den eine Gemeinschaft nimmt, wenn sie Missbrauch und Gewalt totschweigt. Kelliher-Combs öffnet solche Geheimnisbeutel auch im echten Leben, indem sie sich in ihrer Heimat gegen sexuellen Missbrauch einsetzt.

Ein zärtlicher Todeskuss

Weniger ernst, aber umso vielschichtiger sind die Werke eines 35-jährigen Künstlers mit dem bemerkenswerten Namen Cannupa Hanska Luger. Er schuf den Blickfang der Ausstellung: die Skulptur einer Hirschkuh, die gerade von einem Puma angegriffen wird. Die Szene ist aber nicht brutal. Der Puma küsst die Hirschkuh vielmehr zärtlich zu Tode, während sie ihm ihr menschliches Keramikgesicht zuwendet – und ebenfalls die Lippen schürzt. «I Love You to Death» heisst das Werk, ein intimer Moment zwischen Jäger und Beute, Täter und Opfer.

Luger spielt dabei mit gegensätzlichen Materialien: Die Beine der Hirschkuh bestehen aus Stahlspiralen, die Körper der beiden Tiere sind eingehüllt in Häkel­decken aus dem Secondhandladen. Inhaltlich verweist seine Skulptur auf eine alte spirituelle Vorstellung indigener Jäger: Sie besagt, dass auch die Beute zum Erfolg des Jägers beiträgt. Die Hirschkuh wird nicht erlegt, sie ergibt sich freiwillig, aus Mitleid mit dem Jäger. Eine heldenhafte Tat, die sie aus ihrem Opferstatus erlöst. Das lässt sich auch als Denkanstoss zur heutigen Situation der «Natives» verstehen. Sind sie noch in der Opferrolle, oder haben sie sich davon befreit?

Diese Auseinandersetzung mit der eigenen Identität zieht sich durch die Ausstellung mit dem Titel «Native Art Now». Da ist zum Beispiel das Gemälde «Pocahontas. Over the Hills and Far Away» von David Bradley. Es zeigt die berühmte Indianerprinzessin, aber in Gewand und Kragen einer englischen Adligen. Sie posiert vor den Steinen von Stone­henge, auf die eingraviert ist: «All You Need Is Love?» – Pocahontas’ Ehe mit einem englischen Tabakpflanzer wurde später zu einer Liebesheirat verklärt. Im Gemälde zeigt ihr traurig-ernster Blick ihre Gespaltenheit zwischen zwei Völkern und zwei Kulturen. Ebenso die Brille, die sie in der Hand hält; ein Glas ist rot, eines durchsichtig. Das kleine Herz, das sie um den Hals trägt, ist allerdings eindeutig indianerrot.

Wer durch die Ausstellung schlendert, spürt, welche Themen die Künstler auch heute noch beschäftigen: die Vertreibung ihrer Vorfahren, die Unterdrückung ihrer Kultur durch Zwangs­einschulung, Christianisierung und schliesslich das heutige Leben in Reservaten zwischen Armut und Casinos. Umso bemerkenswerter ist, dass diese Kunst nicht deprimiert, sondern oft zum Lachen bringt. Zum Beispiel der traditionell gewebte Glasperlenteppich mit integriertem QR-Code – ein grafisches Symbol, das mithilfe eines Smartphones zu einem Film führt, der wiederum die Entstehung des Teppichs zeigt. Oder Keramikschalen mit integrierten sarkastischen Comics über die Gewinner und Verlierer der Casinoindustrie.

Besonders fröhlich aber sind die Keramikcomics von Jason Garcia. Die Technik des traditionellen Tonbrennens lernte er von seinen Eltern, den Wunsch nach indianischen Comichelden verspürte er schon als Kind. Also schuf er die «Corn Maiden», eine Maismaid, die sich in traditionellem Gewand an einen Lamborghini lehnt oder mit ihrem «Maisphone» ein Selfie macht (anstelle des Apfellogos prangt auf ihrem ein Maiskolben). Neben ihr hängt die unvermeidliche Regenwolke, hinter ihr erkennt man Satellitenschüsseln. Garcias Botschaft ist klar: Altes und Neues lässt sich vereinen – und wir tun das jeden Tag. Ein Besuch im Nonam lohnt sich also, ob man sich für Kunst oder für amerikanische Geschichte interessiert; Hauptsache, man sieht sich nicht nur die Friedenspfeifen an.

Bis zum 7. Juni 2015 im Nordamerika-Native-Museum, Seefeldstrasse 317, Zürich.

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