Diesen Amiet muss ich haben

Ein Kulturredaktor will sein erstes Bild ersteigern. Doch wie geht das?

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Unerwartet packt mich das Fieber: Ich blättere durch den Katalog, den die Galerie Kornfeld wie jedes Jahr vor ihrer Auktion in die Redaktion geschickt hat. Ich bin erstaunt: Neben sehr hoch geschätzten Bildern sind auch Werke aufgeführt, die ich mir mehr oder weniger leisten könnte. Eine Hodler-Skizze für geschätzte 4000 Franken – so hoch ist der Schätzpreis. Eine betörend blickende Frau, aquarelliert von Wilhelm Gimmi, für 1500 Franken. Alles andere als ein Klacks für mich. Aber nicht ohne Reiz.

So richtig ins Auge sticht mir die Nummer 168. Ein Porträt von Hans Berger, 1934 gemalt von Cuno Amiet. 10'000 Franken. Ein dunkles Ölbild, auf dem ein Mann mit Hut und Pinsel die Augen zusammenkneift. Mein erster Gedanke: Dieses Bild muss ich haben. Auch wenn es hier finanziell unvernünftig wird.

Doch schon kommen leise Zweifel auf. Ist es für mich, Anfang dreissig, wirklich an der Zeit, Kunst zu besitzen? In meiner Vorstellung hat das etwas unbehaglich Arriviertes. Doch weil meine ersten Gedanken meistens die richtigen sind, gehe ich der Sache nach. Der Maler Cuno Amiet ist mir bekannt.

Doch wer ist dieser Hans Berger? Wikipedia weiss: ein Malerkollege von Amiet aus Biel, 1882–1977. Ein Anruf später weiss ich auch: Im Haus meiner Eltern hängen zwei Werke von Berger, die ich eine Kindheit lang angeschaut habe. Ein schöner Zufall, der mich in meinem Ansinnen bekräftigt.

Doch wie komme ich zu diesem Amiet? Der Kunsthandel ist für mich eine nebulöse Angelegenheit. Zur Klärung aller Fragen treffe ich Bernhard Bischoff in der Galerie Kornfeld. Selbst Galerist im Progr, ist er seit vorletztem Jahr bei Kornfeld Partner und Auktionator. Der 41-Jährige strahlt stilbewusst Lässigkeit aus und ist bereit, Auskunft zu geben.

Ich lege meine Zweifel dar. Tappe ich bald in die moralischen Untiefen des überdrehten Kunsthandels? «Mit den Auswüchsen bei Auktionshäusern in New York haben wir hier wenig zu tun», sagt Bischoff. «Die Auktionsrekorde sind oft von den Medien herbeigeschriebene Spektakel. Wir leben seit 150 Jahren nach unserem Motto ‹Kennerschaft und Tradition›.» Die Galerie ist bestrebt, das Negativimage umzudrehen: «Jeder kann mitbieten», sagt Bischoff. Egal, ob in Jeans oder Anzug: Einen Dresscode gebe es nicht, «Mann und Frau kommen, wie sie denn möchten».

Einfach so reinspazieren und mitbieten kann man aber doch nicht. Bernhard Bischoff drückt mir ein Formular in die Hand, die «Bietererstanmeldung», die auch auf der Homepage zu finden ist. Darauf gebe ich meine Personalien an, die geplanten Auktionsausgaben und die Bankverbindung. Ich erlaube mit meiner Unterschrift, dass meine Bonität abgeklärt wird.

Und wird dann, am Auktionstag, geboten wie auf dem Viehmarkt? Bischoff erklärt, dass ich ein Schildchen mit meiner Bieternummer erhalten werde. Erhöht werde in Schritten, die je nach Wert des Gemäldes variierten. Geheime Gebote gibt es nicht, am Ohrläppchen ziehen zählt nicht. Der Auktionator rufe den nächsthöheren Schritt auf, und wer mitgehen wolle, halte sein Schild hoch. Den Auktionssaal könne ich jederzeit betreten oder verlassen.

Muss ich damit rechnen, dass das Bild durch die Decke geht? Kostet mein Amiet plötzlich ein Vielfaches des Schätzpreises? «Das kann vorkommen», sagt Bischoff. Viele Kunden seien aber Sammler oder Händler, die die Preise genau kennen würden und ein Interesse hätten, die Bilder nicht zu teuer zu kaufen. Deshalb erreichten die Bilder nur, wenn Seltenheiten auf den Markt kämen oder Sammler ihre Sammlung unbedingt ergänzen wollten, sehr hohe Preise. «Eine Auktion ist aber eigentlich die beste Gelegenheit, günstig Kunst zu kaufen», sagt er.

Ich zeige Bischoff meine anderen Favoriten. «Für so ein Blatt von Ferdinand Hodler würden Sie wohl in einer Kunsthandlung bis 10'000 Franken bezahlen», sagt er bei der auf 4000 Franken geschätzten Zeichnung. Mein Amiet hingegen ist ein kunsthistorisch wertvolles, aber dennoch offenbar kein bedeutendes Stück im Œuvre des Malers. Womöglich sollte ich meine Investition nochmals überdenken. Vielleicht wäre die Hodler-Skizze doch der vernünftigere Einstieg ins Kunstsammeln als Cuno Amiets Künstlerfreund Hans Berger, der schon ein bisschen grimmig dreinblickt für 10'000 Franken.

Schnappt er sich den Amiet? Das erfahren Sie am Samstag in einer Woche in dieser Zeitung. (Berner Zeitung)

Erstellt: 11.06.2015, 09:09 Uhr

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