Die andere Realität

Das Aargauer Kunsthaus schlägt eine surrealistische Schneise durch die jüngste Schweizer Kunstgeschichte. Eine Ausstellung voller Offenbarungen.

«Inferno» von Max von Moos (1961). Fotos:  Andri Stadler, © 2018, Pro Litteris, Zürich; Dany Schulthess; © Orange County Citizens Foundation, 2018, Pro Litteris, Zürich

«Inferno» von Max von Moos (1961). Fotos: Andri Stadler, © 2018, Pro Litteris, Zürich; Dany Schulthess; © Orange County Citizens Foundation, 2018, Pro Litteris, Zürich

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Waren die Dadaisten tatsächlich «die Idioten der Avantgarde-Familie», wie es der deutsche Kunsthistoriker Werner Spies einst so uncharmant ausdrückte? Die Surrealisten waren jedenfalls ihre luziden Träumer. Als sie die Bühne der Kunst betraten, stolperte die Welt gerade vom Ersten Weltkrieg in den Zweiten. Anders als die Dadaisten, die auf die Bedrohung mit blankem Hohn und fröhlichem Unfug reagierten, versuchten die Surrealisten (mustergültig nach Freud), den dunklen Ahnungen in der eigenen Brust einen fantasievollen Ausdruck zu verschaffen.

Die Schweiz, die Heimat der pragmatischen Nüchternheit, würde man für beide Haltungen als ungeeignet einstufen. Weder für den stotternden Unsinn der Dadaisten noch für die surrealistischen Fantastereien schien hier ein fruchtbarer Boden bereit zu sein. Und doch wurde dank der geopolitischen Lage inmitten des historischen Sturms ausgerechnet hier Dada geboren, worauf man nach Jahrzehnten des Haderns nun endlich stolz zu sein scheint – wir erinnern uns an die üppigen Zürcher Festivitäten zum 100. Jubiläum vor zwei Jahren. Doch Schweizer Surrealismus? Gibt es ihn wirklich?

«Ja! Ja! Ja!»

Die Antwort liefert das Aargauer Kunsthaus mit seiner eben eröffneten Ausstellung «Surrealismus Schweiz» – und sie heisst nicht nur «Ja», sondern «Ja! Ja! Ja!». Der von der Aargauer Direktorin Madeleine Schuppli auf die Suche nach dem helvetischen Surrealismus geschickte Kurator Peter Fischer (ehemals Direktor des Kunstmuseums Luzern und des Zentrums Paul Klee in Bern) breitet in nicht weniger als 16 Sälen im Erdgeschoss des Hauses eine so reiche Ausbeute aus, dass man sich bereits in der Mitte der Ausstellung die Augen reibt und fragt: Wie konnte man bisher diese breite surrealistische Fahrrinne innerhalb der Schweizer Moderne übersehen? Dass die Aarauer Schau so üppig, so überwältigend und labyrinthisch mäandernd zwischen den Epochen der Kunstgeschichte bis in die Gegenwart hinein ausgefallen ist, liegt vor allem an einem kuratorischen Kunstgriff.

«La deuxième main de Nosferatu» von Kurt Seligmann (1938).

Fischer und seine Co-Ausstellungsmacherin Julia Schallberger hielten vor allem nach «surrealistischen» Stilmitteln und Themen Ausschau, nicht nur nach Werken, welche die Zugehörigkeit zu der in Paris von André Breton bewachten Surrealismus-Zentrale schon behaupten konnten. Das Prinzip der Collage, des Zufalls, eine Vorliebe für Amorphes oder die Beschäftigung mit traumwandlerischen Seelenlandschaften erwiesen sich als gute Wegweiser, die ganz neue Verbindungen offenlegten.

Staunende Welterkundung

Die bekannten, in Paris aufgefallenen Schweizer wie Meret Oppenheim, Irène Zurkinden, Alberto Giacometti oder Serge Brignoni lassen sich auf diese Weise etwa mit einem zu Hause Gebliebenen wie dem Luzerner Max von Moos (1903–1979) oder dem erst posthum bekannt gewordenen, in der Schweiz lebenden Deutschen Ernst Maass (1904–1971) zusammenbringen; und vor allem auch in Beziehung zu späteren Künstlergenerationen, etwa Thomas Hirschhorn oder Not Vital, setzen. Wenn im letzten Saal Kurt Seligmann (1900–1962) und unser Zeitgenosse Ugo Rondinone die Schau auf einer versöhnlich-romantischen Note beschliessen – Seligman mit einem Hinterglasbild des erleuchteten Himmels, Rondinone mit einer Wachs-Wolkenskulptur –, treffen sich hier Generationen ganz unterschied­licher Schweizer Künstler im poetischen Geist einer staunenden Welterkundung.

Die Kuratoren holen weit aus. Es gibt Schmerz und Erotik, Krieg und Klamauk, Körper und Monster.

Dazwischen gibt es Schmerz und Erotik, Krieg und Klamauk, Körper und Monster. Die Kuratoren holen weit aus, auch die Surrealismus-Vorläufer wie Hans Arp oder Paul Klee sind gut vertreten, ja, selbst der junge Hans Erni hat mit einem Ausschnitt aus dem monumentalen Landi-Bild von 1939, das den Schweizer Tourismus feiert, einen gloriosen Auftritt. In diesem Werk treffen sich zwei entgegengesetzte Strömungen in der Schweizer Kunst der 30er-Jahre: die von der Geistigen Landesverteidigung befeuerte konservative Konzentration auf Rückwärtsgewandtes und die vorwärts stürmende Begeisterung der Jugend für Abstraktion und Avantgarde.

Anhand des surrealistischen roten Fadens lassen sich – das ist eine der Offenbarungen der Ausstellung – auch sehr gut Werke von sogenannten Aussenseitern wie Eva Wipf (1929–1978) oder Friedrich Kuhn (1926–1972) organisch in die Schweizer Kunstgeschichte der Nachkriegsjahre einordnen. Die individuellen Mythologien, etwa Wipfs religiös unterfütterten Weltentwürfe, oder Gemälde, in denen Menschen und Maschinen verschmelzen, erscheinen nicht mehr als künstlerische Randpositionen, sondern als ein Weiterleben gewisser Verfahren, etwa der ästhetischen Kombination von Gegensätzen.

Alles in allem ist das aber sehr viel, zumal die Ausstellung sehr dicht ist, Werke oft in mehreren Reihen übereinander hängen und viele Gemälde oder Skulpturen eine zwar wunderbare, aber auch bis zur Aggressivität intensive emotionale Ausstrahlung entfalten, wie etwa Max von Moos’ «Inferno» von 1961 oder Gérald Vulliamys «La trompette de Jéricho» von 1935. Auch haben sich die zu Anfang des 20. Jahrhunderts entstandenen avantgardistischen Verfahren der Collage, des fragmentierten Körpers oder des thematischen Samplings bis in die zeitgenössische Populärkultur epidemisch ausgebreitet, sodass die historische Offenheit des Konzepts da und dort in eine allzu grosse Beliebigkeit umzuschlagen droht. Es lässt sich nicht leugnen, dass man bei einem so fordernden Parcours manchmal entnervt «Alles Surrealismus oder was?» murmeln möchte.

Fantasie und Sensibilität

Aber just dann dämmert es einem, dass die Gründlichkeit der Ausstellungsmacher zur richtigen Zeit kommt, weil es genau dieser offene Zugang ist, der eine zusätzliche Aktualität des Themas deutlich macht.

Waren es nämlich zu Anfang des letzten Jahrhunderts die Künste, die mit Fantasie und Sensibilität die Existenz einer anderen, versponnenen Realität postulierten, stellt sich jetzt, in der Zeit der «alternativen Fakten», die Verunsicherung vermehrt auf dem Feld des tatsächlich vorhandenen Politischen und Sozialen ein. Die Fiktion unterwandert den Alltag auf multiplen Kanälen, das hybride Subjekt sieht sich längst als ein Objekt raffinierter Selbstcollage; unkontrollierte Gemütszustände machen einen Abgleich mit Vorhandenem obsolet. «Ich glaube an die künftige Auflösung dieser scheinbar so gegensätzlichen Zustände von Traum und Wirklichkeit in einer Art absoluter Realität, wenn man so sagen kann: Surrealität», wird André Breton im sorgfältig edierten Katalog zur Ausstellung zitiert.

Leben wir nun in einer solchen Surrealität? Dann könnte uns vielleicht das Studium der seit knapp hundert Jahren eingeübten künstlerischen Kniffe belehren, wie man mit einer solchen Kalamität ästhetisch zurechtkommen kann.

«Surrealismus Schweiz», Kunsthaus Aarau, bis 2.1.2019. Vom 10.2. bis 16.6.2019 im Museo d’arte della Svizzera italiana in Lugano.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.09.2018, 18:25 Uhr

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