Die Kunst des Zusammenschlafens

Interview

Was tun Paare im Schlaf? Ein Fotograf hat es festgehalten. Ob Schlafpositionen etwas über die Beziehung aussagen und wie man am besten liegt, erklärt der Schlafforscher Jürgen Zulley.

  • loading indicator
Denise Jeitziner@tagesanzeiger

Ist der Mensch dazu gemacht, zu zweit in einem Bett zu schlafen? Jürgen Zulley: Jein. Es gibt Studien, die gezeigt haben, dass man subjektiv besser schläft, wenn der Partner neben einem liegt. Die vertraute Nähe des Partners ist ja normalerweise etwas Positives und man fühlt sich sicherer. Wenn wir das Ganze jedoch im Schlaflabor messen, stellen wir fest, dass man sich gegenseitig stört durch Bewegungen, Geräusche und auch die Körperwärme. All dies beeinträchtigt logischerweise den Schlaf, ohne jedoch automatisch zu einer Schlafstörung zu führen.

Gibt es geschlechterspezifische Unterschiede? Eine österreichische Studie hat durch Befragungen herausgefunden, dass Frauen im Gegensatz zu Männern lieber alleine schlafen. Ich wiederum würde dies aus meiner Erfahrung genau umgekehrt sehen. Frauen möchten beim Schlafen eher die beschützende Nähe des Partners. Grundsätzlich kann man mit einer einzigen Studie wissenschaftlich nichts beweisen. Man kann nur anregen, das Ganze nochmals zu untersuchen.

Lässt sich durch das subjektive Empfinden eine Art Placeboeffekt auf die Schlafqualität beobachten? Den Begriff Placebo würde ich nicht verwenden. Es ist psychologisch, und das Gefühlte ist sicher ein Faktor. Wenn ich mich sicherer fühle, kann ich mich fallen lassen, wenn ich mich fallen lassen kann, kann ich besser schlafen. Wenn der andere jedoch schnarcht oder sich stark bewegt, dann ist das eine objektive Störung. Übrigens wird der Schlaf im Alter immer fragiler und sämtliche Störfaktoren wirken dann umso stärker.

Hat man die Folgen davon in Langzeitstudien getestet? Nein. Wir bewegen uns hier ja nicht im Bereich der behandlungsbedürftigen Schlafstörung. Ich kann nur aus Erfahrung berichten. Je älter man wird, desto häufiger tritt das Schnarchen auf; nicht nur bei Männern, sondern auch bei Frauen. Das ist der Hauptstörfaktor. In so einem Fall können getrennte Schlafzimmer angezeigt sein.

Hat jeder Mensch eine spezifische Schlafposition? Ja. Es gibt häufige und seltene Schlafpositionen, wobei die häufigste nicht die beste sein muss. Die meisten Menschen liegen auf dem Rücken, was jedoch nicht optimal ist. Der Körper ist ja in einer gewissen Streckung und die Bauch-/Brustpartie ist nicht entspannt. Manche gehen sogar ein wenig ins Hohlkreuz. So wird der Kopf leicht nach hinten überdehnt, was zum verstärkten Schnarchen führt. Unphysiologisch ist die Bauchlage, weil der Bauch in die Matratze gedrückt wird und man den Kopf verdrehen muss. Die optimale Haltung wäre die eingerollte Seitenlage rechts. Man nennt sie auch Embryohaltung. Auf der rechten Seite deswegen, weil man so nicht auf dem Herzen liegt. Auf der linken Seite spürt man den Herzschlag, und das stört.

Also müsste man sich auf die rechte Schulter legen. Ja. Das ist für den Körper die entspannteste Position. Sie hat jedoch auch Nachteile. Schulter und Hüfte bohren sich dabei in die Matratze rein.

Das heisst, man braucht eine weiche Matratze? Eine punktelastische, eine, die im Bereich Schultern und Hüfte nachgibt.

Bleibt die natürliche Schlafposition übers ganze Leben tendenziell gleich? Nein. Im Alterwerden tendiert man dazu, auf dem Rücken zu liegen.

Was, wenn der Partner einen daran hindert, seine bevorzugte Schlafposition einzunehmen? Dann muss man einen Kompromiss finden. Die Schlafposition ist eine Gewohnheitssache. Das heisst, man kann sich umstellen, wenn man will. Im Wesentlichen hängt es von der Einstellung ab. Ärgere ich mich darüber, dass ich nicht so liegen kann, wie ich will, kann das den Schlaf deutlich stören. Sich zu ärgern führt zu Anspannung und Unruhe. Das ist ein wesentlich wichtigerer Faktor, als rechts oder links zu liegen.

Gibt es eine Regel, wie viel Platz ein Mensch zum Schlafen braucht? Das kann man nicht von Massen abhängig machen, weil die Menschen ja unterschiedlich gross sind. Es ist jedoch oft so, dass man Matratzen zu klein wählt. Die Matratze sollte 30, besser 40 Zentimeter länger sein, als man selber ist. In der Breite wären 90 bis 100 Zentimeter für einen durchschnittlichen Erwachsenen gut.

Viele Doppelbetten sind aber nur 140 oder 160 Zentimeter breit. Die wären also zu knapp? Eigentlich ja. In jungen Jahren reicht das auf jeden Fall, weil man da gerne aneinandergekuschelt in der sogenannten Löffelchenhaltung liegt, egal wie stark man sich damit den Schlaf raubt.

Hat das keine negativen Folgen? Nein. Das subjektive Empfinden ist entscheidender als das objektive Stören.

Vor ein paar Jahren gab es eine Studie, die einen Zusammenhang feststellte zwischen Schlafposition und Paarbeziehung. Ja, die haben auch Rückschlüsse auf die Persönlichkeit gezogen im Sinne von ‹Sag mir, wie du schläfst, und ich sag dir, wer du bist›. Wer in der Fötushaltung schlafe, sei besonders sensibel; wer auf der Seite schlafe, sei ausgeglichen, und so weiter. Je umschlungener ein Paar schlafe, desto leidenschaftlicher sei die Beziehung...

...und wer sich beim Schlafen nicht berühre, solle die Beziehung besser gleich aufgeben. Man muss hier klar sagen, dass wir uns auf der Gratwanderung zwischen Unterhaltung und Wissenschaft bewegen. Solche Theorien halte ich erstens für wissenschaftlich nicht belegt und zweitens für sehr sinnarm.

Die Menschen springen jedoch darauf an. Was ist am Schlaf so spannend? Dass so etwas Alltägliches so unbekannt ist. Jeder machts, genau wie Essen und Trinken. Trotzdem wissen wir nur ganz wenig darüber. Wissenschaftlich ist der Schlaf noch ein weisser Fleck. Das hat etwas Geheimnisvolles. Was wir im Schlaf tun und denken, entzieht sich uns ja. Gleichzeitig ist der Schlaf ja lebensnotwendig für unsere Gesundheit, Leistungsfähigkeit und unser Wohlbefinden.

Schlafen Sie besser, weil Sie jahrzehntelang den Schlaf erforscht haben? Nein, aber ich kann mit gestörtem Schlaf besser umgehen. Ich weiss, dass das normal ist. Wenn ich nachts wach liege, dann rege mich nicht auf, sondern freue mich, dass ich noch nicht aufstehen muss. Und dann schlafe ich wieder ein.

Sie haben mal gesagt: Zu wenig Schlaf macht krank, dumm und dick und verkürzt das Leben. Das alles ist in Hunderten von wissenschaftlichen Arbeiten belegt, muss aber nicht bei jedem zutreffen, denn grundsätzlich trifft etwas, gerade in der Medizin immer nur mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit zu.

Empfehlen Sie als Schlafforscher, getrennt vom Partner zu schlafen? Nur, wenn man sich vom anderen gestört fühlt. Sich ungehindert drehen zu können, ist ebenfalls wichtig für die Schlafqualität. Jegliche Einschränkung der Bewegung führt dazu, dass der Schlaf nicht so erholsam ist.

Wie oft dreht man sich in der Nacht? Es gibt 50 kleinere und 20 grössere Bewegungen. 28-mal pro Nacht wacht man auf. Die meisten dieser Erwacher vergisst man jedoch, weil sie zu kurz sind. Was wir vergessen haben, hat für uns nicht existiert. Derjenige, der behauptet, er habe durchgeschlafen, ist 28-mal weniger als drei Minuten wach gelegen. Drei Minuten wach zu liegen reicht aber für manchen aus, sich aufzuregen, und dann kann man nicht wieder einschlafen. Das Problem ist nicht das Aufwachen, sondern nicht wieder einschlafen zu können.

Kann man seinem Gefühl trauen, wenn man am Morgen glaubt, gut geschlafen zu haben? Nein. Der Zustand beim Erwachen sagt wenig darüber aus, ob man gut geschlafen hat, sondern aus welcher Schlafphase man aufgewacht ist. Es gibt eine tiefe und eine leichte Schlafphase. Wenn ich aus einer tiefen Schlafphase aufwache, bin ich so schlaftrunken, dass ich den Eindruck habe, nicht gut geschlafen zu haben. Das ist falsch. Es dauert immer eine Weile, bis man die Schlaftrunkenheit überwunden hat.

Wann merkt man, ob man gut geschlafen hat? Schon nach einer Stunde. Umgekehrt kann man sagen, dass der Schlaf dann nicht gut gewesen ist, wenn man sich tagsüber nicht fit und ausgeschlafen fühlt; abgesehen vom Mittagstief, das normal ist.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt