Die Kunst der Versteigerung

Die Kunstauktion ist eine Welt mit vielen Regeln, geschriebenen und ungeschriebenen. Ein Hausbesuch bei Eberhard W. Kornfeld und Bernhard Bischoff.

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Oliver Meier@mei_oliver

Der Patron erscheint im braunen Anzug. Stilvoll und altmodisch. Das passt zum Geist des Hauses, das er repräsentiert. Eberhard W.Kornfeld ist bald 92, seit siebzig Jahren verkauft er Kunst, an der Laupenstrasse in Bern. In manchen Räumen scheint die Zeit stillgestanden zu sein.

Als ob August Klipstein, sein Vorgänger, noch darin wirken würde. Klipstein, der 1951 überraschend starb, zusammengebrochen über seinem Schreibtisch, mitten bei der Arbeit. Auch Kornfeld arbeitet und arbeitet. Einen Computer hat er nicht in seinem Büro, aber eine riesige Lupe. Und seinem scharfen Blick entgeht nichts.

Exzesse auf dem Kunstmarkt

Kornfeld gilt als «grand old man» eines Geschäfts, das in manchem auch eine Kunst ist: die Kunst der Versteigerung. Es ist eine Welt mit vielen Regeln, geschriebenen und ungeschriebenen. Das Image aber hat gelitten. Astronomische Ergebnisse bei den grossen Auktionshäusern in New York und London zeugen von Exzessen. Eben kam bei Christie’s ein Picasso für 180 Millionen Dollar unter den Hammer, eine Giacometti-Skulptur für 141 Millionen. Was wohl Kornfeld dazu sagt?

Der Patron knurrt. «Mit Kunst hat das nichts zu tun», sagt er. Kornfeld steht in einem der Ausstellungsräume. Hier wie im ganzen Haus hängen Bilder der Juniauktion, die nächste Woche über die Bühne geht. 960 Werke – der Kenner sagt «Lose» – sind diesmal im Angebot (siehe Kasten). Mehr als tausend sind es auch in anderen Jahren nicht. Im Hause Kornfeld gibt man sich massvoll und bodenständig, nach alter Auktionstradition, nach «deutscher» Tradition, wie Kornfeld betont. Ausgewählte Werke, vom Kenner geprüft. Keine üblen Tricks, wie es sie andernorts gibt – etwa falsche Telefonbieter aus dem eigenen Haus, die den Preis künstlich hochtreiben.

Kornfeld hat sich lange geweigert, überhaupt Telefonbieter zuzulassen. Das erschien ihm suspekt. Von Internetgeboten will er bis heute nichts wissen. Der Hausherr hängt an seinen Prinzipien – und liegt damit manchmal quer in der Auktionslandschaft. Dass er die Schätzpreise moderat bis tief ansetzt, gehört dazu. Ebenso, dass er keine Gebühren verlangt. Wer an der Laupenstrasse 41 ein Werk zur Auktion einliefert, muss im Voraus nichts bezahlen. Und auch die höchstens 15 Prozent, die das Haus bei einem Verkauf an Provision erhält, sind vergleichsweise moderat.

Bedeutendes Kirchner-Bild

Kornfeld steht jetzt vor einem Gemälde von Ernst Ludwig Kirchner, einem der Spitzenwerke der kommenden Auktion. «Rotes Haus – Roter Januar», heisst es, Los 78. Der Patron hat es «vorsichtig» auf 800'000 Franken geschätzt. Kein Künstler war Kornfeld wichtiger in seinem langen Leben als Kirchner.

Man spürt es, wenn er über das Werk spricht, die Pinselführung. «Es ist eines der bedeutendsten Landschaftsbilder aus Kirchners frühen Dresdner Jahren. Sie sind sehr rar», erzählt Kornfeld. «Das Gemälde ist wunderbar erhalten, im alten Rahmen der Zeit.» Nie sei es bisher auf dem Kunstmarkt aufgetaucht. «Es wurde wohl 1914 angekauft und war danach immer in der gleichen Familie. Ein seltener Fall.» Und ein klarer, unverfänglicher Fall, was die Herkunft betrifft.

Keine Kompromisse

So einfach ist es nicht immer. Ein Auktionshaus aber, das was auf sich hält, kann es sich nicht mehr leisten, bei den Abklärungen Kompromisse zu machen. Seit Mitte der Neunzigerjahre arbeitet das Auktionshaus Kornfeld mit den Betreibern des Art-Loss-Registers zusammen, der weltweit grössten Datenbank verlorener und gestohlener Kunstwerke. «Verdachtsfälle klären wir vertieft ab», sagt der Hausherr. «Und sobald die Kataloge stehen, werden alle Werke der Auktion mit der Datenbank abgeglichen.» Alle? «Sofern sie eindeutig identifizierbar sind und einen Schätzwert von mindestens 1000 Euro haben.»

Nicht nur über die Provenienz, auch über den Zustand der eingelieferten Werke muss das Auktionshaus Rechenschaft ablegen. Viele Interessenten verlangen einen Zustandsrapport. «Er muss sehr präzise abgefasst sein. Die Kunden vertrauen darauf, dass man sie nicht hintergeht.»

Kornfeld-Auktionen sind kein Zirkus. Als «Zirkus» bezeichnet Kornfeld das, was sein einst grösster Konkurrent veranstaltete: der deutsche Kunsthändler Roman Norbert Ketterer (1911–2002), ein geborener Vermarkter, dem man nachsagte, dass er auch den Eskimos hätte Kühlschränke verkaufen können. «Ketterer war ein begnadeter Regisseur. Er hat die Auktion zum gesellschaftlichen Ereignis gemacht.»

Kornfeld sieht sich der Tradition seiner Vorgänger verpflichtet. Ohne Verführungskunst aber geht es auch an der Laupenstrasse nicht zur Sache. Ein Auktionator muss «die Limite verteidigen», mithin dafür sorgen, dass ein Werk eine zuvor festgelegte Untergrenze nicht unterschreitet, sonst geht es zurück an den Einlieferer. Der Auktionator muss Gesichter lesen, Zweifler animieren – und im Ensemble aus Telefonbietern, schriftlichen Geboten und Auktionsbesuchern vor Ort jede Sekunde den Überblick behalten. Tempo ist zwingend bei knapp tausend Losen, und Charme zahlt sich aus. Menschenkenntnis ebenso.

Kornfeld hat all das stets mitgebracht. Auch dieses Jahr will er es wieder wissen, wenn wohl auch «nur» bei der Altmeisterauktion im kleinen Rahmen. Beim grossen Rest steht Kornfelds designierter Nachfolger am Auktionspult, der smarte Bernhard Bischoff. Es ist sein zweiter Auftritt. Nach der Premiere im vergangenen Jahr hörte Bischoff vom Hausherr, er habe es «recht gemacht». Das ist das höchste Lob im Hause Kornfeld.

Auktionsreport Teil 2 erscheint am Samstag in einer Woche.

Berner Zeitung

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