Die Frau am Pinsel und der Mann als Objekt

Lange waren die Rollen in der Kunst klar verteilt: Die Frau war Objekt, der Mann Künstler. Zwei aktuelle Publikationen beleuchten überraschende Ausnahmen.

Kunsthistorische Ausnahmen: Achill als Lustobjekt auf François-Léon Benouvilles Gemälde von 1847 und das Selbstporträt der Künstlerin Elisabeth Vigée-Lebrun von 1790.

Kunsthistorische Ausnahmen: Achill als Lustobjekt auf François-Léon Benouvilles Gemälde von 1847 und das Selbstporträt der Künstlerin Elisabeth Vigée-Lebrun von 1790.

Stefanie Christ@steffiinthesky

«Die sekundären Geschlechtsmerkmale sind bei der Frau die Brüste, beim Mann der Bart», heisst es im Lexikon. Vielleicht sind es deshalb selten Männer, die sich zu Werbezwecken auf Kühlerhauben räkeln oder es mit knapper Kleidung zu Starruhm schaffen. Ein Bart ist einfach nicht sexy genug, um der kaufkräftigen Bevölkerung den Kopf zu verdrehen. Da half auch die Hipsterwelle nichts, die Gesichtsbehaarung zum Trend machte.

Ein Blick in die Kunstgeschichte zeigt: Als Inbegriff von Sexualität taugt selbst das primäre Geschlechtsorgan des Mannes wenig. Oft verzichteten Künstler bei der Darstellung des Geschlechtsakts gar auf den Mann und ersetzten ihn analog zur Mythologie durch Nebelschwaden, wie Caravaggio auf seinem Gemälde «Jupiter und Io» (um 1530). Trotzdem: Der Phallus war seit der Antike in der Kunst allgegenwärtig – man denke bloss an die Koitusszenen auf antikem Geschirr –, jedoch nicht als sexuelles Symbol, sondern als Zeichen von Macht, Stärke und Gesundheit. Kein Wunder, kann die muskelbepackte Laokoon-Statue völlig entblösst mit der Meeresschlange ringen, ohne dass jemand sexuelle Hintergedanken hegt, während sich der erste antike Frauenakt – Praxiteles’ Venus-Statue von 350 vor Christus – beschämt die Hand vor die Scham hält. Das Signal ist klar: Im Gegensatz zum Mann steht die nackte Frau für Lust und Laster. Die Rolle der Frau als Objekt war besiegelt.

Vom Aktkurs ausgenommen

Diesen Umstand nahm 1989 die New Yorker Künstlerinnengruppe Guerilla Girls zum Anlass für ein viel beachtetes Plakat: «Müssen Frauen nackt sein, um ins Metropolitan Museum zu kommen? Weniger als 3 Prozent der Künstler sind Frauen, aber 84 Prozent der Akte sind weiblich» – eine Quote, die auch in Schweizer Sammlungsmuseen zutreffen dürfte. Dieses Ungleichgewicht liegt selbstverständlich nicht nur an der vermeintlich grösseren Attraktivität einer nackten Frau, sondern auch an der Tatsache, dass es Frauen lange nicht oder nur unter erschwerten Umständen möglich war, eine Kunstausbildung zu absolvieren.

Im 19. Jahrhundert wurden sie an Akademien zugelassen, von Aktkursen waren sie allerdings ausgeschlossen. Es galt demnach als akzeptabel, Frauen für die Kunst auszuziehen – sie dem Anblick eines nackten Leibs auszusetzen, galt hingegen als unsittlich. Zudem hatten die Künstlerinnen mit einem weiteren Umstand zu kämpfen: Weil ihnen weniger Respekt entgegengebracht und Beachtung geschenkt wurde, waren sie wirtschaftlich benachteiligt. Da erstaunt es wenig, dass die Ausbildungsstätten erst seit Ende des 20. Jahrhunderts ein einigermassen ausgeglichenes Frauen-Männer-Verhältnis ausweisen können.

Erbostes Publikum

Der Mann, der Künstler und nackte Held, die Frau, die Hobbymalerin und erotische Verführerin – zu diesen traditionellen Rollenbildern gibt es eine Vielzahl an Büchern. Nun liegen zwei Publikationen vor, die einen erfrischenden Blick in die Nischen der Kunstgeschichte werfen: «Frauen, die die Kunst veränderten» (Prestel, 160 Seiten) und «Nackte Männer von 1800 bis heute» (Hirmer, 348 Seiten), der Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Wiener Leopold Museum. «Frauen, die die Kunst veränderten» wartet nicht nur mit Biografien bekannter Vorkämpferinnen wie Angelika Kauffmann (1741–1807) auf, die den Männern in nichts nachstand.

Besonders lesenswert sind Geschichten wie jene von Marie Bsahkirtseff (1858–1884), die sich für den Aktunterricht für Frauen engagierte – und einen solchen auch gleich auf Leinwand bannte. «Nackte Männer» zeigt auf, wie sich der männliche Akt seit der Antike entwickelte und wie im 20. Jahrhundert das Image des heroischen Kämpfers zu bröckeln begann. Künstler nutzten fortan ihre eigenen Körper, um Rollenbilder zu hinterfragen – analog zu den Performancekünstlerinnen der Sechzigerjahre. Etwa der kroatische Künstler Tomislav Gotovac, der in einer Fotoserie 2002 mit seinem alten, molligen Leib jene Verrenkungen nachstellt, die sonst gelenkigen Pornodarstellern vorbehalten sind.

Offenherzig präsentiert sich nicht nur der Katalog, sondern auch das Ausstellungsplakat: Die Abbildung von drei splitternackten Fussballern musste das Leopold Museum aufgrund der erbosten Publikumsreaktionen zensieren. Es scheint, als habe der nackte Mann seine neue Rolle in der Gesellschaft noch nicht ganz gefunden. Rat holen könnte er sich bei jenen Künstlerinnen, die unbeirrt ihren Weg im Kunstmarkt gehen – Aktkurse inklusive.

Berner Zeitung

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