Das Geheimnis des Strichs

Sie ist in der Kunst ebenso grundlegend wie wandelbar: die Linie. Eine gelungene Ausstellung im Kunsthaus Zug rückt sie nun ins Rampenlicht. Wir bieten einen Einblick.

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Paulina Szczesniak

Wie viele Linien braucht es, um ein menschliches Gesicht zu skizzieren? Zehn? Hundert? Oder noch viele mehr? Markus Raetz reicht eine Einzige: Der Schweizer Künstler hat einen Draht so zurechtgebogen, dass er, von einer Seite betrachtet, ein menschliches Profil wiedergibt, aus einer anderen Perspektive jedoch die geschwungene Kurve von Nacken und Hinterkopf. Erst mithilfe eines Spiegels werden beide Ansichten gleichzeitig erkennbar und fügen sich so zu einem kapitalen Ganzen.

Kopf und Linie als Ursprungsorte kreativer Ideen – mit dieser selbstreferenziellen Aussage belegt «Looking Glass» nicht nur den Scharfsinn seines Schöpfers, sondern bringt auf den Punkt, was die Ausstellung «Linea. Vom Umriss zur Aktion» im Kunsthaus Zug derzeit in über 200 Exponaten beleuchtet: die Bedeutung der Linie für die Kunst. Museumsdirektor Matthias Haldemann hat dafür die hauseigene Sammlung nach Zeichnungen, Gemälden, Skulpturen und Videos durchforstet und mit zahlreichen Leihgaben zu einem facettenreichen Parcours durch die Geschichte der Linie vereint.

Geschichte der Linie reicht bis in die Antike zurück

Dass diese bis in die Antike zurückreicht, veranschaulicht eine von Plinius dem Älteren überlieferte Anekdote, welche an der Wand des ersten Ausstellungsraumes wiedergegeben ist. Derzufolge lieferten sich die beiden Künstler Apelles und Protogenes im 4. Jahrhundert vor Christus einen Wettstreit, der damit begann, dass Apelles seinem Kollegen – als Beleg seiner künstlerischen Fertigkeiten – die Zeichnung einer ausgesprochen feinen Linie zukommen liess. Statt mit der erwarteten Ehrbekundung antwortete Protogenes, indem er innerhalb der Linie eine noch feinere zog. Und obwohl es Apelles gelungen sein soll, deren Dicke mit einer dritten Linie noch einmal zu unterbieten, übte er sich fortan täglich darin, seine eigene Leistung zu optimieren.

Ähnliches dürfte sich in der Renaissance abgespielt haben, als ganze Künstlerscharen sich daranmachten, die von Leon Battista Alberti 1436 begründeten Gesetzmässigkeiten der Zentralperspektive in ihren Werken umzusetzen. Nicht selten resultierte dies in Darstellungen, in denen das jeweilige Figurenpersonal nur Alibi für perspektivische Fingerübungen war, die sich ihrerseits in akkurat ausgerichteten Bodenmustern und imposanten Architekturen im Bildhintergrund niederschlugen. Dass für manche Meister des Disegno (der die Überlegenheit der Linie gegenüber der Farbe proklamierenden Zeichenkunst) jedoch durchaus die stimmige Abbildung des Menschen im Vordergrund stand, illustriert die Schau etwa mit Aktdarstellungen von Altmeister Dürer (1504) und Leonardo-Schüler Pontormo (1525), Hendrick Goltzius’ muskelbepackten Mannsbildern (1588) und Dominique Ingres’ Bleistiftskizze der «Fornarina» aus dem Kunstmuseum Bern (1812).

Es erstaunt nicht, dass gerade in diesem ersten, die älteren Exponate versammelnden Ausstellungsteil kuratorische Brücken zur Wissenschaft geschlagen werden: Die kartografische Vermessung der Welt, die Erfindung des Pulsmessgerätes, das den Blutdruck als Kurve sichtbar machte, sowie die Definition des Urmeters datieren allesamt vor 1900. Nach dem Jahrhundertwechsel hingegen führt der Weg der Linie von den gitterartigen Gemälden Piet Mondrians über die Farbliniengeflechte Jackson Pollocks bis hin zu Robert Smithsons spiralförmigem Aushängeschild der Land-Art sowie zu Aktionen wie dem «Lauf der Dinge» von Fischli/Weiss, deren lineare Kausalvernetzungen trotz hoher Ausstellungsrate nach wie vor ein Hochgenuss sind.

Durch die Kamera befreit

Dazwischen stehen – als architektonische Zäsur – das Museumscafé, welches der österreichische Künstler Peter Kogler mit einem der Op-Art entlehnten, gleichsam flirrenden Liniennetz in Schwarzweiss tapeziert hat. Und die Erfindung der Fotografie, mit der sich die Natur der Kunst nachhaltig veränderte: Ihre Aufgabe, die Realität detailgetreu wiederzugeben, hatte nun die Fotokamera übernommen; folgerichtig lösten Impressionismus und Kubismus die Konturfunktion der Linie auf. Bereits bei Cézanne, der in der Schau mit einer kleinformatigen Zeichnung vertreten ist, werden die Bleistiftstriche gleichbedeutend mit den dazwischen liegenden weissen Papierflächen. Im Jugendstil hingegen gibt die Linie ihre strukturierende Funktion zugunsten der dekorativen ab – und schlägt sich im Kunsthandwerk und in der Mode entsprechend ebenso stark nieder wie in den ornamentalen Leinwänden eines Gustav Klimt.

Gelungen ist schliesslich die Gegenüberstellung von Ferdinand Hodlers «Stockhornkette» über dem Thunersee und Norbert Krickes «Raumplastik»: Hier der in sattem Nachtblau gezogene Bergkamm, dort der indigofarbene Metalldraht, mit fünf rechtwinkligen Knicken zu einem minimalistischen Kunstwerk geformt. Zwei höchst unterschiedliche Versionen von mit Gedankenfreiheit assoziierter Raumbegrenzung.

Nicht zuletzt anhand derartiger Inszenierung gestaltet sich «Linea» zu einem erkenntnisreichen Lehrpfad durch die Kunstgeschichte. Das Kunsthaus Zug braucht den Vergleich mit grösseren Häusern erneut nicht zu scheuen.

Tages-Anzeiger

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