«Als fiele das Fraumünster auseinander»

Einige der bedeutendsten Tempel Nepals sind zerstört. Kunsthistoriker Hans Bjarne Thomsen sagt, warum das Erdbeben vielen Nepalesen als Strafe Gottes erscheinen muss.

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Linus Schöpfer@L_Schoepfer

Wie sehr ist Nepals Kulturerbe beschädigt? Die Zerstörung ist unglaublich. In Kathmandu standen viele religiöse Gebäude, die für Hinduisten und Buddhisten von enormer Bedeutung waren: das Unesco-Weltkulturerbe, der Trailokya-Mohan-Narayan-Tempel, der Maju-Deval-Tempel, der Dharahara-Turm. Diese Gebäude sind nun stark oder komplett zerstört. Man muss sich das so vorstellen: Man läuft durch Zürich und das Fraumünster fällt auseinander, und bloss ein paar Steinbrocken bleiben von ihm übrig. Wie sehr die ländlichen Tempel beschädigt wurden, weiss man noch nicht genau. Die Berichte, die ich aus Nepal vernommen habe, lassen aber auch dort Schlimmes befürchten.

Nepal ist stark erdbebengefährdet. Haben Sie eine solche Katastrophe befürchtet? Natürlich wusste man, dass die nepalesischen Kulturgüter ständig von Erdbeben bedroht sind. Anderseits standen diese Tempel teilweise ja Hunderte Jahre. Das waren robuste Gebäude, angesichts ihres Alters sogar verblüffend robuste. Zu erwarten war ein solcher Zerfall also wirklich nicht.

Werden die Tempel nun wiederaufgebaut? Das ist unklar. Die Nepalesen werden das allein nicht schaffen. Die internationale Gemeinschaft ist nun stark gefordert. Und natürlich haben die Flüchtlinge, die sanitären Anlagen, die Wohnhäuser und die Strassen in den kommenden Wochen und Monaten grössere Priorität.

Beschädigt wurde offenbar auch der angebliche Geburtort Buddhas. Wie wichtig ist er für den Buddhismus? Der Geburtsort ist Lumbini, 280 Kilometer westlich von Kathmandu. Ob dort tatsächlich das Geburtshaus Buddhas stand, ist – wie immer bei prähistorischen Figuren und Berichten – nicht sicher. Auch das indische Odisha beansprucht diese Ehre für sich. Der Bau in Lumbini ist jedoch zweifelsohne das prominenteste der angeblichen Geburtshäuser.

Wurden die zerstörten Tempel als Wallfahrtsorte genutzt? Ja. Die meisten Nepalesen gehen mindestens einmal in ihrem Leben auf Wallfahrt, Kultorte sind deshalb sehr wichtig für sie. Das gilt für Hinduisten ebenso wie für Buddhisten, deren Religionen ja über die Jahrhunderte hinweg einvernehmlich miteinander aufwuchsen und bis heute in einem symbiotischen Verhältnis stehen.

Bei grossen Naturkatastrophen stellen sich viele Betroffene die Fragen nach dem «Warum». Wie erklären sich die Nepalesen Erdbeben? Gibt es Traditionen, die ihnen im Katastrophenfall Halt geben? Natürlich gibt es auch in Nepal gebildete Menschen, die die geologischen Ursachen von Erdbeben kennen. In weniger gebildeten, zumal ländlichen Schichten dominiert dagegen die Religiosität. Man glaubt dort, dass man sich vor Erdbeben schützen kann, wenn man bestimmte Gebete spricht oder bestimmte Meditationen vollführt oder Göttern wie Avalokiteshvara Opfer bringt. Reichere Nepalesen beauftragen Priester, Riten für sie auszuführen. In der Sutra sind diese Rituale sehr detailliert beschrieben. Tritt dennoch ein Erdbeben ein, deutet man es als eine Strafe Gottes. Ich vermute deshalb, dass die Religiosität in Nepal nach dem Erdbeben noch bedeutender werden wird, dass noch mehr Nepalesen auf Wallfahrt gehen werden. Man will nun Busse tun.

Würden die Nepalesen neu gebaute Tempel als Kulturorte akzeptieren? Ja. Diesbezüglich sind Hinduisten und Buddhisten sehr flexibel. Es gibt klare Riten, nach denen neue Tempel eingeweiht werden. Die Götter halten dem Glauben zufolge danach zuverlässig Einzug. Deshalb sind geweihte neue Bauten für Nepalesen gleichermassen akzeptabel wie ein tausendjähriges Relikt. Wichtig scheint mir, dass beim Wiederaufbau traditionelle Materialen verwendet werden. Dass man also nicht unter dem Eindruck dieses Jahrhundertbebens alle traditionellen Bauweisen verwirft zugunsten einer solideren Architektur, mit der sich die Nepalesen nicht mehr identifizieren können.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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