« Ich habe kleine Vorgärten auf Windschutzscheiben gefunden»

Interview

Früher entsorgte man Autos in Wäldern. Fotograf Dieter Klein über seine neuste Arbeit «Forest Punk»: Streifzüge durch verborgene Autofriedhöfe.

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Denise Jeitziner@tagesanzeiger

Herr Klein, bei Ihren Fotos reibt man sich die Augen, weil man solche natürlichen Autofriedhöfe heute nicht mehr zu sehen bekommt. Wie sind Sie denn auf diese vielen Autoleichen gestossen? Die erste sah ich zufällig auf einer Frankreichreise vor vier Jahren. Meine Frau und ich sind durch die Gegend geradelt und haben in einem Gebüsch zufälligerweise einen Kleinlastwagen entdeckt, einen Citroën aus dem Jahr 1935, wie sich später herausstellte. Das Innere war völlig von Efeu durchwachsen. Der stand da bestimmt schon 30 oder 40 Jahre. Das war so bizarr, dass ich tags darauf mit meiner grossen Kamera nochmals dorthin gefahren bin. Ich fand den Anblick dieses Schrotthaufens in der Natur ästhetisch und überhaupt nicht bedrohlich. Wer hat ihm wohl gehört? Wer hat ihn einfach dort stehen lassen? Daheim in Köln suchte ich im Internet nach weiteren Friedhöfen und stiess auf eine Spur: einen Schrottplatz in einem kleinen Wäldchen bei Chatillon im südlichen Belgien. Das Problem war bloss, dass der genaue Ort nicht angegeben war.

Haben Sie ihn gefunden? Jein. Ich fuhr mit voller Ausrüstung dorthin – Kameras, Laptop, Stative, Outdoorkleidung, Gummistiefel und Regenschutz. Nach langer Suche fand ich inmitten der Natur endlich ein paar vor sich hin rostende Fahrzeuge. Ich fotografierte stundenlang. Daheim verglich ich die Fotos mit denjenigen aus dem Internet. Es waren jedoch völlig andere. Ich hatte offensichtlich an der falschen Stelle fotografiert. Eine Woche später fuhr ich nochmals nach Chatillon. Plötzlich sah ich sie, etwa 200 oder 300 Fahrzeuge, völlig eingenommen vom Wald. Das war eineinhalb Kilometer vom Ort entfernt, an dem ich zuerst fotografiert hatte. Das war so grossartig, dass ich dort tagelang fotografiert habe. Als ich 2011 nochmals hinfahren wollte, war der Platz abgeräumt. Einen weiteren Autofriedhof fand ich in Schweden an einem ehemaligen Schmugglerpfad an der norwegischen Grenze. Dort stehen schätzungsweise 800 bis 1000 Autos auf einer Lichtung, teilweise dreifach gestapelt. Auf und in ihnen wächst nun Wald.

Was genau? Teilweise ganz seltene Flechten, was offenbar für eine sehr saubere Luft spricht. Eine befreundete Biologin hat mir gesagt, dass es manchmal Jahrzehnte dauert, bis sich solche Formationen entwickeln. Ich habe auch kleine Vorgärten auf Windschutzscheiben gefunden und mittendrin der verrostete Scheibenwischer. Da sind kleine botanische Paradiese entstanden. Dicke Moose, die sich wie Mützen über die Autos legen, Birken, die aus der Motorhaube herauswachsen. Das sind ganz faszinierende Szenen.

Aus welcher Zeit stammen die Autos? Das älteste Fahrzeug auf diesem schwedischen Schrottplatz ist aus dem Jahr 1937, die jüngsten waren VW-Käfer aus den Siebzigern. Oldtimerfans haben teilweise schwer gelitten, als ich ihnen die Fotos der schönen alten Autos gezeigt habe, die dort einfach verrotten. Bis auf zwei, drei Fahrzeuge konnte ich mithilfe von Fachleuten alle Autos identifizieren. Übrigens hat mir ein Schweizer, den ich über einen Oldtimerclub angeschrieben habe, hervorragende Dienste geleistet. Der konnte die kleinsten Überreste allein anhand der Form identifizieren.

Und nun pilgern alle Oldtimerfans zu Ihren Autofriedhöfen, um sie zu plündern? Ich glaube nicht, dass da noch etwas zu retten ist. Das Material selbst ist in sehr schlechtem Zustand.

Wissen Sie noch von weiteren Autofriedhöfen? Ich habe Anhaltspunkte, dass es in der Nähe von Salzburg noch so etwas gibt. Dann gibt es noch einen 30 Kilometer westlich von Kapstadt und einige in den USA. Aber solche Autofriedhöfe sind vom Aussterben bedroht. Bei demjenigen in Schweden ist die Situation widersprüchlich. Einerseits wirbt die Gemeinde mit einem Poster, auf dem Bilder des Schrottplatzes abgebildet sind. Andererseits soll er abgebaut werden. Die einen finden, eine Autoleiche in der Natur sei ein Sakrileg. Die anderen sagen: Überlasst sie doch einfach der Geschichte. Es sind Zeitzeugen. Die stehen dort seit 50 Jahren und sind keine Belastung mehr für die Natur. Wahrscheinlich ist jeder Flug nach Mallorca für die Umwelt verheerender als der Schrottplatz.

Machen Sie weiter mit Ihrem Projekt? Ich könnte bestimmt noch «Forest Punk 2» und «3» machen. Aber es ist wie bei Sequels von Kinofilmen: Die sind schwer zu toppen. Thematisch ist das Buch ja redundant, es geht immer um Schrottautos. Kürzlich meldete sich übrigens ein Fotograf aus Bangladesh und sagte, er sei an einem gleichen Thema dran wie ich.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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