Wollen Sie Stars? Oder Ihre Ruhe?

Es gibt Dutzende von Klassikfestivals in der Schweiz. Aber welches ist das richtige? Wir verraten, was Sie wo finden.

Klassische Gipfelstürmerin: Die Saxofonistin Simone Müller auf dem Mont Fort bei Verbier. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Klassische Gipfelstürmerin: Die Saxofonistin Simone Müller auf dem Mont Fort bei Verbier. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Susanne Kübler@tagesanzeiger

Stars, männlich

Was tun Klassikstars im Sommer? Sie fliegen zum Beispiel nach Genf. Steigen in den Zug bis Le Châble. Schweben dann mit der Seilbahn hoch nach Verbier, wo sie auftreten, unterrichten, reden mit den Leuten, zwischendrin vielleicht auch mal shoppen in den Edelboutiquen. Namen gefällig? Voilà: Mischa Maisky. Valery Gergiev. Denis Matsuev. Renaud Capuçon. Jakub Józef Orlinski. Thomas Quasthoff. Vadim Repin. Grigory Sokolov. Daniil Trifonov. Und so weiter.

Stars, weiblich

Gut, neben den vielen prominenten Musikern reisen auch ein paar Musikerinnen nach Verbier (etwa die Sängerinnen Nina Stemme und Karita Mattila). Aber weit auffälliger ist die weibliche Präsenz im anderen Star-Hotspot, beim Menuhin Festival in Gstaad: Sol Gabetta und Patricia Kopatchinskaja treten gleich mehrfach auf, auch Gabriela Montero, Nuria Rial, Yuja Wang, Khatia Buniatishvili und Cecilia Bartoli reisen ins Berner Oberland. Ein paar illustre Kollegen natürlich ebenfalls.

Die Cellistin Sol Gabetta tritt in Gstaad gleich mehrfach auf. Foto: Getty Images

Ruhe

Gibt es einen lauschigeren Ort als den Dorfplatz im Walliser Dorf Ernen? Wohl kaum. Und von hier aus sind es nur ein paar Schritte bis zur wunderschön gelegenen Kirche, in der regelmässig Konzerte stattfinden, seit der Pianist György Sebök 1974 das Musikdorf Ernen gegründet hat. Ein Festival ohne Starkult sollte es sein, ohne Hektik, im familiären Rahmen. Bis heute ist es genau das geblieben.

Stille

Die Steigerung von Ruhe. Sehr rar in einer Zeit, in der es an jeder Ecke ein Musikfestival gibt. Aber doch, man kann sie finden: etwa, wenn man sich entschliesst, das Streichquartett im Kirchlein für einmal zu verpassen, und sich stattdessen irgendwo unter einen Baum setzt. Oder, noch raffinierter: Man geht eben doch zum Streichquartett und hört auf die Stille zwischen den Tönen («C'est la pause qui fait la musique»).

Nostalgie

Seit 1910 spielt die Camerata Pontresina bei schönem Wetter täglich Salonmusik im Taiswald. Beginn um 11 Uhr, Eintritt frei. Dass es so etwas noch gibt!

Heute sind die Fotos farbig, aber ansonsten ist es noch wie damals: Die Camerata Pontresina auf der Freilichtbühne im Taiswald. Foto: PD

Open-Air-Barock

Opernaufführungen im Freien sind beliebt, Schlösser und Burgen als Konzertorte ebenfalls. Die Kombination von beidem gibt es auf Schloss Waldegg oberhalb von Solothurn: Seit 2006 führt das Ensemble Cantus firmus dort Barockopern auf, meist sind es Raritäten. Dieses Jahr nicht – da steht mit Claudio Monteverdis «Il ritorno d’Ulisse in patria» ein Hauptwerk der frühen Operngeschichte auf dem Programm. Die musikalische Leitung hat Andreas Reize, die Inszenierung besorgt Georg Rootering.

Abtauchen

Klar, es geht auch beim Bündner Festival Origen um Musik, um Tanz, um Theater. Aber vor allem geht es um Orte, darum, in ihre Geschichten und Atmosphären ein- und abzutauchen. Im Theaterturm auf dem Julierpass gibt es in diesem Sommer sechs Tanzproduktionen, die Burg Riom wird zur Musiktheaterbühne. «Utopia» lautet das Thema, das alles zusammenhält, auch das aktuelle Grossprojekt der Stiftung Origen: Sie möchte das Posthotel Löwen im winzigen Bergdorf Mulegns retten und lädt nun bereits in den nächsten Wochen ein in dieses wie aus der Zeit gefallene Gasthaus.

Auch in diesem Sommer wird getanzt im Turm, den das Festival Origen auf dem Julierpass gebaut hat. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Mitsingen

«Young Artists in Concert» lautet der Untertitel des Davos Festival, und ein junger Künstler ist zum Beispiel der Pianist Frederic Bager, der in Kürzestkonzerten von fünf Minuten jeweils für einen einzigen Zuhörer oder eine einzige Zuhörerin einen Ausschnitt aus John Cages Werk für präpariertes Klavier spielt. Auch sonst kommen die Festivalgäste in Davos weit prominenter zum Zug als anderswo, vor allem beim offenen Singen im Hotel Schweizerhof. Aber klar: Ganz normale Konzerte gibt es auch.

András Schiff

Sie können hinhören, wo Sie wollen, der ungarische Pianist ist immer da: in Verbier und Gstaad, in Davos und beim Lucerne Festival. Gäbe es einen Orden für den fleissigsten Pianisten bei Schweizer Festivals: András Schiff hätte ihn auf sicher.

Der Pianist András Schiff ist (fast) überall. Foto: Getty Images

Etwas anderes

Was auch immer es ist: Sie werden es finden. Beim opulenten «Rigoletto» auf der grenznahen Bregenzer Seebühne oder bei den Klavierkonzerten im malerisch-winzigen St-Ursanne, bei den Bachwochen in Thun oder der Mendelssohn-Musikwoche in Wengen, auf der Kyburg oder im autofreien Braunwald. Die Liste liesse sich fortsetzen – Kommentare mit Geheimtipps sind willkommen!

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