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«Wir sind nicht entspannt»

Der Zürcher Opernhaus-Intendant Andreas Homoki und Generalmusikdirektor Fabio Luisi proben derzeit Verdis «La forza del destino».

Mit Andreas Homoki und Fabio Luisi sprach Susanne Kübler
Gemeinsam erfolgreich: Fabio Luisi (l.) und Andreas Homoki. Foto: Sabina Bobst
Gemeinsam erfolgreich: Fabio Luisi (l.) und Andreas Homoki. Foto: Sabina Bobst

Es gibt Gerüchte, dass Sie derzeit gerade Verdi verbessern. Was ist da dran?

Homoki: Sie meinen die Umstellung von Szenen, die wir geplant hatten? Nein, die haben wir aufgegeben, das war Quatsch.Luisi: Wobei man sagen muss: Es waren Umstellungen, die man sehr oft macht. Weil viele Regisseure mit Verdis Dramaturgie in «La forza del destino» nicht zurechtkommen.

Was ist denn das Problem?

Homoki: Es sind mehrere. Die beiden Bilder des dritten Aktes zum Beispiel sind vom Setting her sehr ähnlich: zwei Duette der beiden Kontrahenten vor düsterem Kriegshintergrund. Dabei spielen sie an ganz verschiedenen Orten und im Abstand von Monaten.Luisi: Deshalb wollten wir ursprünglich die Klosterszene vom Ende des zweiten Aktes dazwischenschieben, um diese Distanz zu betonen.Homoki: Aber dann habe ich gemerkt, dass die beiden Bilder wirklich zusammengehören, dass der Zeitsprung für Verdi gar nicht wichtig war; es ging ihm nicht um eine vordergründige Schlüssigkeit im naturalistischen Sinn. Also habe ich Fabio Luisi geschrieben: Volle Kraft zurück, wenn du nichts dagegen hast.Luisi: Im Gegenteil, ich war glücklich! Denn das war ja die von Verdi geplante Struktur. Warum sollten wir die verändern, nur um etwas besser erzählen zu können?

Es ist also ein ständiges Hin und Her, wenn Sie zusammen eine Aufführung entwickeln. Wie wichtig ist es da, dass Sie am selben Haus arbeiten?

Homoki: Sehr wichtig. So gibt es neben den eigentlichen Arbeitstreffen immer auch Gespräche zwischen Tür und Angel. Wobei wir ja nicht immer beide hier sind. Dann mailen wir halt, oder wir telefonieren.Luisi:Wir haben uns sehr viel besser kennen gelernt in den letzten sechs Jahren, nicht nur in der direkten Zusammenarbeit. Wir reden ja auch über anderes, über Menschen, über Konzepte von anderen Regisseuren oder Dirigenten.

Sind Sie sich denn einig, was andere Aufführungen betrifft?

Luisi:Manchmal ja, manchmal nein.Homoki: Wenn wir uns nicht einig sind, weiss ich aber meistens, was er meint. Ich gewichte es vielleicht einfach etwas anders.Luisi: Wir haben natürlich verschiedene Sichtweisen. Aber im Grundsätzlichen treffen wir uns.

«Jeder kann eine gute Premiere machen: Bumm, da ist sie. Aber die Leute gehen ja nicht nur in die Premieren.»

Andreas Homoki

Was ist dieses Grundsätzliche?

Homoki: Im Zentrum unseres Theaterverständnisses steht der Mensch, der auf der Bühne etwas darstellt. Das Singen und das Darstellen sollen eins sein. Nur so werden Figuren lebendig.

Diese Haltung verlangen Sie auch von Gastregisseuren?

Homoki: Unbedingt. Ganz egal, was für Ideen und Bildwelten ein Regisseur hat – die Basis muss diese Einheit von szenischem und gesanglichem Ausdruck sein, diese Authentizität. Wenn Sie schauen, welche Regisseure derzeit gehypt werden, die nicht bei uns arbeiten: Das sind die, die das eben nicht können.Luisi: Bei den Dirigenten ist es genauso. Es geht um eine bestimmte Art der Arbeit. Natürlich müssen wir ein grosses Spektrum anbieten, an Stücken wie an Interpretationsweisen. Aber die Art, wie ich arbeite: Die ist wichtig für das Orchester und den Chor. Deshalb müssen wir Dirigenten holen, die das weiterführen, vielleicht mit anderen Mitteln. Und nicht solche, die unsere Arbeit wieder kaputt machen.

Sie präsentieren in jeder Spielzeit eine gemeinsame Aufführung: Was erklären Sie zur Chefsache?

Luisi: Es ist ganz simpel: Wir wählen Stücke, die uns interessieren, die uns gefallen.Homoki: Es gibt keine «Chef-Stücke», alle Stücke sind wichtig für uns.Luisi:Was meine Einsätze betrifft, reserviere ich aber schon gewisse Werke für mich. Solange ich hier Generalmusikdirektor bin, ist der «Rosenkavalier» mein Stück, da darf sonst keiner ran. Auch das Verdi-«Requiem» hätte ich niemandem sonst überlassen wollen. Nicht, weil andere Dirigenten schlecht wären. Sondern weil ich von diesen Werken aus das Repertoire aufbaue.Homoki: Für mich als Regisseur ist das etwas anders. Wenn ich ein Stück einmal gemacht habe, ist ein grosser Teil der produktiven Energie verschossen. Ich sehe in der Regel keinen Sinn darin, es ein zweites Mal zu inszenieren. So habe ich in Zürich bisher keine Verdi-Oper übernommen, weil ich die Titel alle schon früher gemacht hatte. «La forza del destino» dagegen nicht.

Sie sind jetzt in Ihrem sechsten Jahr in Zürich, und von aussen betrachtet, wirkt alles sehr stabil und entspannt.

Luisi: Das ist schön, wenn es so aussieht. Vielleicht kann man es so sagen: Wir kennen uns gut, wir wissen, wie wir miteinander kommunizieren, das hat sich bewährt. Es gibt Opernhäuser, da sitzen zwei, die zusammenarbeiten, in Büros nebeneinander und reden kein Wort. Die schreiben sich Mails.Homoki:«Ich habe dich ins CC genommen . . .» – dabei müsste man nur um die Ecke gucken. Ich laufe ganz viel herum im Haus, das ist wichtig.Luisi:Vielleicht ist es Ihnen aufgefallen auf dem Weg ins Intendantenbüro: Die Türen sind offen. So kommt man ins Gespräch. Aber dennoch: Entspannt ist nicht das richtige Wort. Wir sind nicht entspannt.Homoki: Man darf sich nie auf dem Erreichten ausruhen. Wir müssen immer zwei Schritte weiter sein als das, was die Öffentlichkeit wahrnimmt. Wir planen unsere Projekte drei, vier Jahre im Voraus, und natürlich verändern sich die: Ein Dirigent sagt ab, man wechselt einen Titel aus. Vor zwei Jahren ist ein prominenter Regisseur ausgestiegen, drei Tage, bevor das Jahresprogramm in Druck ging. Ich konnte ihm nicht einmal böse sein, er hatte ein Angebot vom Broadway. Da mussten wir innert Tagen umdisponieren. Aber es hat geklappt, keiner hat etwas gemerkt.

«Ich reserviere schon gewisse Werke für mich. Solange ich hier bin, ist der ‹Rosenkavalier› mein Stück.»

Fabio Luisi

War das Glück oder Können?

Homoki: Man ist halt vernetzt. Ich habe die Telefonnummern, die ich in einer solchen Situation brauche. Von daher haben Sie schon recht: Die Situation hier ist stabil. Da kann man solche Pannen auffangen. Es ist nicht gleich eine Katastrophe, wenn etwas schiefgeht.

In der laufenden Saison geht fast nichts schief: Es ist wohl die bisher beste unter Ihrer Leitung.

Luisi: Warum die beste?

«Jewgeny Onegin», «Mahagonny», «Madama Butterfly» – das waren schon zum Start drei grossartige Produktionen. Und auch seither läuft es gut.

Homoki: Es läuft tatsächlich gut. Was mich besonders freut an dieser Spielzeit, sind aber die Wiederaufnahmen ­älterer Produktionen. Mein «Fliegender Holländer» etwa war so schön in einer teilweise neuen Besetzung, die Aufführung ist gewachsen seit der ersten Serie. Genau das wollen wir ja, darum legen wir so viel Wert darauf, dass auch Wiederaufnahmen sorgfältig geprobt werden. Die mediale Aufmerksamkeit dafür ist zwar nicht mehr gross, es gibt ja keine Premierenberichte mehr. Aber das ist Basisarbeit.Luisi: Und diese Arbeit ist entscheidend. Das Niveau des Hauses entspricht dem Niveau der schlechtesten Aufführung. In der Pflege des Repertoires können wir unsere Kraft zeigen.Homoki: Genau. Jeder kann eine gute Premiere machen: Bumm, da ist sie, und nach fünf Vorstellungen wirft man alles weg. Das ist an vielen Orten Standard. Aber die Leute gehen ja nicht nur in die Premieren, die gehen an irgendeinem Dienstag in die «Traviata». Und die muss gut sein.

Buchen Sie deshalb für Wiederaufnahmen so oft prominente Sänger?

Homoki: Wir setzen Wiederaufnahmen sogar extra für spezielle Sänger an! Unser Publikum ist verwöhnt durch die vielen Neuproduktionen. Damit auch Wiederaufnahmen gut besucht werden, braucht es grosse Namen. Wie derzeit bei «Werther», wo Piotr Beczala die Titelrolle singt.Luisi: Aber selbst dann kann man nicht alle Werke wieder bringen, leider. Heinz Holligers «Lunea» etwa würde nicht funktionieren – obwohl wir an dieses Stück glauben, obwohl die Uraufführung gut aufgenommen wurde. In einer zweiten Runde wäre es kaum möglich, genügend Publikum dafür zu finden.

Also versucht man es gar nicht erst?

Homoki: Wir müssen wirtschaftlich denken. Zum Beispiel die Wiederaufnahme von Schostakowitschs «Lady Macbeth von Mzensk» im Dezember: Das war eine Risikoveranstaltung. Unser kaufmännischer Direktor Christian Berner hat sie unter anderem durch geschickte Abo-Planung ermöglicht.

Sie planen drei bis vier Jahre im Voraus. In vier Jahren endet Ihr Vertrag. Verhandeln Sie schon über eine Verlängerung?

Homoki: Ich habe immer gesagt, dass zehn Jahre ein idealer Zeitraum sind. Aber ich habe auch gesagt, dass ich mir nicht vorstellen kann, als Intendant noch an ein anderes Opernhaus zu wechseln. Von daher: Ich will nichts ausschliessen. Aber wir haben noch nicht darüber gesprochen, deswegen schaut Fabio Luisi jetzt ganz überfordert drein . . .Luisi: . . . total überfordert! Es ist noch ein bisschen früh für diese Diskussion.Homoki: Was ich aber sagen kann: Ganz egal, wann wir hier aufhören – ich würde es sehr ungern sehen, wenn ein Nachfolger die Struktur grundlegend verändern würde, die wir geschaffen ­haben. Denn die funktioniert wirklich, künstlerisch wie wirtschaftlich. Es ist klar, dass eine neue Leitung immer einen neuen Stil bringt. Aber wenn jemand kommen würde, der zum Beispiel die Anzahl der Premieren radikal hochschraubt mit eingekauften Koproduktionen – das würde mich schon ärgern.

Premiere von «La forza del destino» am Zürcher Opernhaus: 27. Mai, 19 Uhr.

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