Von wegen vorgestrig!

Im Zürcher Opernhaus gibts «La sonnambula» – in bemerkenswert farbiger Besetzung.

Pretty Yende bezauberte das Zürcher Publikum in Bellinis «I puritani» – nun kommt sie für eine konzertante «Sonnambula» zurück.

Pretty Yende bezauberte das Zürcher Publikum in Bellinis «I puritani» – nun kommt sie für eine konzertante «Sonnambula» zurück.

(Bild: Judith Schlosser)

Susanne Kübler@tagesanzeiger

Eigentlich spielt Vincenzo Bellinis 1831 uraufgeführte Oper «La sonnambula» ja in einem Schweizer Bergdorf, in unbestimmter Vergangenheit. Aber im Zürcher Opernhaus wird man sie nun in einer globalisierten Gegenwart erleben: Nicht, weil ein aktualisierungsfreudiger Regisseur das so will, die Aufführung ist konzertant. Sondern wegen einer Besetzung, die sich kein Diversity-Aktivist perfekter hätte ausdenken können.

Die Hauptrollen singen nämlich zwei Schwarze: die Südafrikanerin Pretty Yende und der Amerikaner Lawrence Brownlee, die auf dieser Bühne schon in Bellinis «I Puritani» Furore machten. Die weiteren Rollen teilen sich zwei Asiaten (die Chinesin Sen Guo und der Südkoreaner Ildo Song) und zwei Weisse (die Rumänin Liliana Nikiteanu und der Amerikaner Kyle Ketelsen).

Und das Schönste daran ist: Nirgends wird mit dieser Konstellation geworben. Denn während die Schauspielhäuser verzweifelt nach Ensemblemitgliedern mit unterschiedlichen Hintergründen fahnden und Hollywood schwarze Superhelden propagiert, ist die Opernwelt schon längst ganz selbstverständlich Multikulti. Ausgerechnet jene Kunstform, die vielen als vorgestrig gilt, war da für einmal Avantgarde: Weil der Opernbetrieb schon immer international war. Weil die Muttersprache hier (anders als im Schauspiel) unwichtig ist. Und weil es für echte Stimmenfans noch nie eine Rolle gespielt hat, wem die Stimmen gehören.

So schafften die afroamerikanischen Sopranistinnen Jessye Norman und Grace Bumbry und der Zürcher Publikumsliebling Simon Estes ihren europäischen Durchbruch in den 1960er-Jahren – als die Kulturwelt hier (und die Welt überhaupt) noch weitgehend weiss war.

Warten auf den ersten asiatischen Star

Asiatische Sängerinnen und Sänger drängten erst später auf die Opernbühnen und brauchten entsprechend länger, bis sie für Hauptrollen engagiert wurden; Stars gibt es nach wie vor nicht unter ihnen. Aber schaut man sich die Resultate der grossen Gesangswettbewerbe an, dürfte sich auch das ändern.

Zumindest, wenn Persönlichkeiten auftauchen, die schlau genug sind, nicht auf den Zeitgeist zu setzen, sondern auf ihre Kunst. Wie das geht, hat in den letzten Jahren niemand eindrücklicher gezeigt als die «Sonnambula»-Protagonistin Pretty Yende: Sie erzählt zwar gern, wie sie einst als 16-Jährige in ihrem südafrikanischen Heimatstädtchen eine Werbung der British Airways sah, fasziniert war von der Hintergrundmusik – und von ihrem Musiklehrer erfuhr, dass das Oper sei. Aber sie erzählt noch viel lieber, wie sie nach ihrem Wiener Wettbewerbserfolg 2009 von überall her Angebote erhielt und diese erst einmal abgelehnt hat.

Yende wollte keine Ausnahme sein, keine Geschichte vermarkten, sondern eintauchen in die Musik, Italienisch lernen, Erfahrungen sammeln. Besser werden, bis ihre Herkunft keine Rolle mehr spielt. Inzwischen ist sie Stammgast an der New Yorker Met, in Paris, in Berlin: nicht als Quoten-Afrikanerin, sondern als grosse Sängerin.

Als sie das erste Mal eine Bellini-Arie gesungen habe, so hat sie einmal gesagt, sei das wie Heimkommen gewesen. Dass es genau so klingt: Das wird das wirklich Besondere an dieser Zürcher «Sonnambula» sein.

Konzertante Aufführungen von Bellinis «La sonnambula» im Zürcher Opernhaus: 5., 9. und 12. Mai, jeweils 19.30 Uhr.

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