Tod eines Aufrührers

Er revolutionierte den Umgang mit Alter Musik und suchte die Schönheit an der Grenze zum Scheitern: Mit Nikolaus Harnoncourt ist der vielleicht einflussreichste Dirigent des 20. Jahrhunderts 86-jährig gestorben.

  • loading indicator
Oliver Meier@mei_oliver

Ein Handy? Ein Handy! Es war ein tödlicher Blick, den Nikolaus Harnoncourt ins Berner Kultur-Casino schickte. Gerade hatte der Maestro seinen Stab gehoben, um das Finale einer Haydn-Sinfonie in Angriff zu nehmen, da unterbrach barbarisches Geklingel das heilige Hochamt. Harnoncourt dirigierte den Schlusssatz dennoch, mit Verzögerung. Es wurde das wütendste Presto, das man sich vorstellen kann.

Noch Tage nach dem Konzert im Herbst 2007 hielt sich das Gerücht, der Dirigent selbst habe das Handygeklingel veranlasst – als Referenz an den Humoristen Haydn, von dessen Grösse Harnoncourt die Welt beharrlich zu überzeugen versuchte.

Ein wahrer Harnoncourt-Moment: Furor und Humor, beides verkörperte der Österreicher in unnachahmlicher Weise – bei Aufführungen ebenso wie bei Proben und Gesprächskonzerten. In der Sprache, die er benutzte, spiegelte sich die unerhörte Bildhaftigkeit seiner musikalischen Interpretationen. Sie waren getragen von der Einsicht, dass sich Schönheit nur an der Grenze zum Scheitern finden lässt. Das totale Risiko als Programm.

Musik als «Klangrede»

Nikolaus Harnoncourt, 1929 als Spross eines altösterreichischen Adelsgeschlechts geboren, begann seine Karriere als Aufrührer des Klassikbetriebs. Als Cellist verschrieb er sich in den 1950er-Jahren der damals gering geschätzten Barockmusik und gründete mit seiner Frau den Concentus Musicus, eine Formation, die den «wahren» Klang historischer Musik erforschte.

Harnoncourt betrieb akribisches Quellenstudium, er grub alte Instrumente und Spielarten aus. Und er machte schlagend klar, wie Alte Musik funktioniert, dass sie etwas zu sagen hat in der Gegenwart – «Klangrede» wurde zu Harnoncourts folgenreichem Leitbegriff.

Es war eine Neuentdeckung des scheinbar Altbekannten. Und es war eine Befreiung von den Verkrustungen der Nachkriegszeit, von fettigen Streichermassen. Noch bis in die 1990er-Jahre hinein tobte der ästhetische Grabenkampf mit den Verfechtern romantischer Klangmalerei. Und Harnoncourt stand an der Spitze, als Vorkämpfer für ein Verständnis von Musik, das Allgemeingut geworden ist.

Jüngere Dirigenten agieren heute jenseits der Dogmen. Harnoncourt, längst zur Eminenz, zur lebenden Legende geworden, blieb seinen Prinzipien treu. Aufgeraut, bedeutungsvoll, mitunter allzu detailversessen klangen seine Interpretationen. Bis zuletzt geisselte er den «Hollywood-Sound» in den Sälen.

Kunst der Entschleunigung

Als Ewiggestriger erschien Harnoncourt dennoch nie. Eher als ewig Entflammter, der besonders aufblühte, wenn es um das Letztgültige ging – bei Bach, bei Mozart, bei Schubert und Bruckner. Harnoncourt blieb auch im Alter ein neugieriger Entdecker. Und während die jungen Wilden an den Pulten die Tempoexzesse zelebrierten, pflegte er eine Kunst der Entschleunigung, die fast schon wieder provokativ wirkte.

Pläne hatte er noch viele. ­Diesen Sommer wollte er bei der Grazer Styriarte alle Beethoven-Sinfonie aufführen. Doch im Dezember letzten Jahres kam die Entschleunigung wider Willen. Nikolaus Harnoncourt zog sich vom Dirigentenpult zurück. «Meine körperlichen Kräfte gebieten eine Absage meiner wei­teren Pläne» , schrieb in einem kurzen Brief, mit dem er sich im Wiener Musikverein von seinem Publikum verabschiedete.

Anfang Februar erschien ein letztes Album von ihm, Beethovens vierte und fünfte Sinfonie, aufgeführt mit seinem Dinosaurierensem­ble Concentus Musicus in Wien. Beethovens revolutionäre Fünfte, so schroff, ungehobelt und direkt, als ob der Komponist gleich aus dem Grab auf die Barrikaden steigen würde.

«Am 5. März 2016 ist Nikolaus Harnoncourt friedlich im Kreis seiner Familie entschlafen», teilten sein Frau und seine Familie gestern mit. «Trauer und Dankbarkeit sind gross. Es war eine wunderbare Zusammenarbeit.»

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt