Stadttheater: Eine Wagner-Oper zur Wiedereröffnung

Erstmals seit 60 Jahren kommt in Bern Richard Wagners Kultoper «Lohengrin» auf die Bühne. Intendant Stephan Märki feiert nächsten Samstag seinen Einstand als Opernregisseur im gelifteten Stadttheater.

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Oliver Meier@mei_oliver

Herr Märki, mögen Sie Vorstellungspausen?
Stephan Märki: Als Theaterleiter: Ja.

Und als Zuschauer?
In der Oper unbedingt. Beim Schauspiel: mal so, mal anders.

Man hört, bei der Berner Wagner-Produktion gebe es 40-Minuten-Pausen. Man fragt sich: Wollen Sie den Cüpli-Umsatz in die Höhe treiben oder ist das Bühnenbild so kompliziert?
Wagner bedeutet eine ganz besondere Beanspruchung für die Sänger. Die brauchen lange Pausen. Ich finde aber: die Zuschauer auch. Die Oper dauert immerhin dreieinhalb Stunden. Das Bühnenbild spielt auch eine Rolle.

In den letzten Monaten ist die ganze Bühnentechnik erneuert worden.
Teilweise erneuert.

Ich vermute, dass Sie die neuen Möglichkeiten der Technik in der Inszenierung ordentlich demonstrieren wollen. Gibt es ein Spektakel?
Nein, das können wir noch gar nicht. Neu ist der Bühnenboden. Und die Antriebstechnik wurde überarbeitet. Wir können jetzt wieder mit den fahrbaren Podien arbeiten.

Kein fliegender Lohengrin?
Nein, die Obermaschinerie kommt bei der Sanierung erst nächstes Jahr dran. Auch die Erneuerung der Ton- und Videotechnik ist verschoben worden.

Sie sind als Intendant an vielen Fronten gefordert. Ist das Operninszenieren da nicht ein Luxus?
Das ist ein bisschen wie beim Kinderkriegen: Die Zeiten sind immer schlecht. Es sei denn, man will es. Als wir die «Lohengrin»-Oper planten, waren die vielen Baustellen noch nicht absehbar. Nein, ein Luxus ist es nicht. Ich erlebe das Haus und die Mitarbeiter noch einmal aus einer anderen Perspektive. Das ist wertvoll. Ich hoffe, für beide Seiten.

Als man Sie nach Bern holte, verbot man Ihnen, zu inszenieren. Man wollte einen Direktor, der vor allem die Zahlen im Griff hat.
Ich musste beim Stiftungsrat hart darum ringen, mein Verständnis durchzusetzen: dass die Aufgabe eines Intendanten vor allem eine künstlerische ist.

Und die Finanzen?
Die sind auch wichtig. Aber weil sie dem Künstlerischen dienen.

Seit der letzten Berner Wagner-Produktion sind 61 Jahre vergangen. Sie feiern Ihren Berner Einstand als Opernregisseur, in einem gelifteten Theater. Da kommt einiges zusammen. Wie gehen Sie mit dem Druck um?
Der Druck, der auf einem Regisseur im grossen Haus lastet, ist immer enorm. Und natürlich ist die Erwartungshaltung nun noch etwas höher. Aber davon muss man sich freimachen. Sonst kann man nicht arbeiten.

Sie waren früher Autorennfahrer. Kommt Ihnen das bei solchen Herausforderungen entgegen?
So merkwürdig es klingt: Ja.

Inwieweit?
Rennfahren und Regieführen haben etwas gemein: Letztlich zählt nur das Resultat. Nicht, wie es zustande kam. Oder wie es einem persönlich geht. Diese Bedingungslosigkeit auf einen festgelegten Zeitpunkt, das ist vergleichbar mit einem Rennstart.

In Bern werden Regieteams bei Premieren gerne mal ausgebuht. Wie wappnen Sie sich dagegen?
Gar nicht.

Weshalb war Wagners «Lohengrin» so lange nicht mehr in Bern zu sehen?
Das Haus ist eigentlich zu klein und akustisch nicht prädestiniert dafür. Wagner in Bern, das ist eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, vor allem musikalisch. Aber das reizt uns.

Verstehe ich Sie richtig? Sie demonstrieren den Bernern, was im Stadttheater nicht funktioniert?
Na ja, in der Kunst ist es ja so, dass man versuchen sollte, die Latte etwas höher zu legen, als man das normalerweise tut. Aber die Herausforderung ist schon sehr sportlich, für alle Abteilungen im Haus.

Weshalb ausgerechnet «Lohengrin»?
Das war ein Wunschprojekt unseres Operndirektors Xavier Zuber, auch von Dirigent Mario Venzago. Und wenn ich am eigenen Haus Regie führe, dann ordne ich mich unter. Ich bin dann nicht Intendant, sondern Regisseur.

Im Klartext: Sie hätten Wagner lieber nicht gemacht.
Ich hätte mir vielleicht nicht unbedingt Wagner ausgesucht. Aber je länger man sich damit beschäftigt, desto mehr versinkt man darin. Wagner fordert einem alles ab, er lässt einen nicht los. Ich komme kaum zum Schlafen, die ganze Musik hat sich ins Unterbewusstsein eingehämmert. Das ist schon besonders und auch etwas unheimlich.

Worum gehts bei «Lohengrin» – in drei Sätzen formuliert?
Es ist eine der grossen Liebesgeschichten der Musikliteratur, zwischen Elsa von Brabant und dem Gralsritter Lohengrin. Es geht um die Utopie der vereinenden Liebe. Doch die Erlösung gibt es nicht, weil das Leben unterschiedslos nicht funktioniert.

Erst wollten Sie «Lohengrin» als Western inszenieren. Weshalb sind Sie davon abgekommen?
Ich stellte mir «Lohengrin» als eine Art John Wayne vor: Ein Mann mit ungewisser Vergangenheit mischt ein trostloses Western-Kaff mitsamt der Dorfschönheit auf – und reitet zuletzt wieder einsam in die Prärie. Aber das war mir dann zu sehr eine Maske auf das Stück gesetzt, psychologisch nicht sehr interessant.

«Lohengrin» war Hitlers Lieblingsoper – er identifizierte sich mit dem von Gott gesandten Gralsritter. Es gibt Militärisches darin und Nationalistisches. Kann man das als Regisseur ignorieren?
Ignorieren geht natürlich nicht. Man kann auch nachvollziehen, weshalb Hitler so auf Wagner abgefahren ist. Aber wir versuchen, eine psychologische Sicht einzunehmen, die der Geschichte innewohnt: die Perspektive von Elsa, der weiblichen Hauptfigur. Es geht um eine traumartige Innenreise der Figur, da kann man die ganzen Ritteraufmärsche und das Deutschnationale ziemlich gut umgehen. Bei den martialischen Stellen schaffen wir Brüche. Man muss Wagner nicht lieben, um trotzdem sagen zu können: Das ist ein einzigartiges Gesamtkunstwerk.

Psychologische Ansätze, die mit der Innensicht von Figuren spielen, wirken schnell verkopft. Stichwort: Mozarts «Entführung aus dem Serail» 2013 in Bern.
Bei Mozart hat es tatsächlich nicht gut funktioniert. Aber bei «Lohengrin» liegt es schon in der Musik, wir nehmen das Libretto sehr ernst, da wird nichts gestrichen oder hinzugefügt. Trotzdem verstehe ich Regieführen als Akt der Interpretation. Dass man zwar der Geschichte entlang erzählt, aber wie durch ein Brennglas eine Sichtweise vergrössert.

Chefdirigent Mario Venzago sagt, der Graben sei akustisch schlecht, das Orchester spiele immer zu laut, auch wenn es leise spiele. Teilen Sie diesen Eindruck?
Ja. Der Graben ist zu klein. Akustisch müsste man in diesem Haus einiges machen. Und zwar dringend. Insbesondere bräuchten wir eine Art Segel über dem Orchestergraben

Und?
Wir kämpfen da mit dem Denkmalschutz, der uns das untersagt. Sonst wäre das Segel schon lange dort. Einen Bayreuther Klang wird man in diesem Haus nie herstellen können. Aber mit diversen kleinen Eingriffen kann man was rausholen, etwa mit der neuen Tonanlage und der neuen Bestuhlung.

Apropos Bestuhlung – ein Politikum. Gibt es künftig Super-Luxus-Komfortsessel?
Nein. Sonst würde auch jeder im Theater wegschlafen. Ist ja kein Popcorn-Kino. Und die baulichen Gegebenheiten verhindern das auch. Nein, wir suchen auch hier den Kompromiss mit dem Denkmalschutz. Die Bauverzögerung hat es erlaubt, die Bestuhlung neu auszuschreiben, das war ein Gewinn. Ich setzte mich nun sehr für eine Doppellehne ein, damit der nonverbale Kampf «Wem gehört die Sitzlehne?» im Theater ein Ende hat.

Gibts da auch Widerstand vom Denkmalschutz?
In diesem Fall nicht. Eher bei der Rückenlehne. Aber das ist ein anderes Thema, lassen wir das.

Sie haben immer gesagt, das Haus sei zu wenig attraktiv. Bald ist es umgebaut. Man kann sagen: Nun gibt es keine Ausreden mehr.
Finden Sie, wir haben auf Ausreden gesetzt? Ich nicht.

Wo steht die Opernsparte denn aus Ihrer Sicht?
Ich sehe eine deutliche Entwicklung zum Positiven. Wenn Sie die letzte Saison betrachten...

... dazu gibt es noch keine offiziellen Zahlen.
Die sind gut. Klar, wir sind noch nicht dort, wo wir hinwollen. Aber sonst könnten wir ja jetzt auch wieder gehen.

Gehts etwas konkreter, was die Zuschauerzahlen betrifft?
Die Zahlen sind wieder über denen des Vorjahrs. Ein Vergleich ist allerdings schwierig. Wir hatten ja eine wesentlich längere Schliessphase. Und klar ist auch: In Bern muss man wirklich um das Publikum kämpfen.

Sie sprechen vom Überangebot.
Das kann man nennen, wie man will. Ich bin ein grosser Fan dieser Vielfalt, das macht Bern aus. Ich bin dagegen, dass man da regulatorisch eingreift.

Wie lange läuft eigentlich Ihr Vertrag?
Meiner? Das weiss ich gar nicht.

Das ist nicht Ihr Ernst.
Ich glaube, bis 2019.

Haben Sie keine Ausstiegsklausel wie ein Eishockeytrainer?
Ich hatte das immer. Aber das hat eher was mit mir persönlich zu tun. Fakt ist: Wenn es nicht mehr stimmt, bindet einen auch kein Vertrag. Ich bin nicht nach Bern gekommen, weil ich nicht in Berlin arbeiten konnte. Sondern weil ich hier arbeiten wollte. Und ich bin sehr glücklich hier.

Premiere: Samstag, 24.10., 18 Uhr, Stadttheater Bern.
www.konzerttheaterbern.ch

Berner Zeitung

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