Sollen wir jetzt lachen?

Konzert Theater Bern zeigt mit der heroisch-romantischen Oper «Fierabras» von Franz Schubert eine Rarität. Trotz einiger Längen und offener Fragen lohnt sich ein Besuch. 

Vater (Kai Wegner), Liebende (Elissa Huber) und Bekehrter (Andries Cloete): Schuberts Oper «Fierabras» ist eine Rarität.

Vater (Kai Wegner), Liebende (Elissa Huber) und Bekehrter (Andries Cloete): Schuberts Oper «Fierabras» ist eine Rarität.

(Bild: Tanja Dorendorf)

Nein, Fierabras hat es nicht leicht: Erst wird er von den Christen gefangen genommen, dann begnadigt, dann wegen eines, nun ja, Missverständnisses wieder eingebuchtet. Dem nicht genug, muss er auch noch dabei zusehen, wie seine Angebetete einen Trottel liebt. Doch der Reihe nach.

Franz Schubert (1797–1828) und Oper? Berühmt ist er als Liedkomponist, als Schöpfer von Zyklen wie «Winterreise» und «Die schöne Müllerin». Seine fünfzehn Singspiele und Opern hingegen sind kaum bekannt und werden nur selten aufgeführt. Bei «Fierabras» war schon die Uraufführung ein Fehlstart: Sie wurde vorzeitig abgeblasen, und Schubert hat sie selbst nie gehört.

Leidenschaftlich und verzweifelt

Schön also, kommt das Berner Publikum nun in den Genuss dieser Rarität. Denn auch wenn es nicht unbedingt für die Oper als Ganzes gilt: Die Musik ist ein Erlebnis. So vielseitig in Stil und Stimmungen, so überbordend emotional und dann wieder in sich gekehrt. Mit grossartigen Chorszenen, mit feurig-sehnsüchtigen Duetten und liedhaften Arien. Die Musik tröstet über die dramaturgischen Mängel, über erzählerische Längen hinweg.

Mario Venzago, Chefdirigent des Berner Symphonieorchesters, und Regisseur Elmar Goerden haben am Werk einige Änderungen vorgenommen, um diese Mängel zu beheben: Sie haben Dialoge gekürzt, manche in Rezitative umgeformt, haben gesprochene Passagen mit Musik von Schubert unterlegt, um die Übergänge weicher zu gestalten. An der Premiere im Stadttheater Bern ist Venzagos Leidenschaft für Schuberts Musik in jedem Ton zu spüren. Das Berner Symphonieorchester nimmt den Ball auf und zeigt sich in Bestform – wendig und differenziert, innig und sehnsüchtig, nie gefühlig.

«Die Musik ist ein Erlebnis. Sie tröstet über die dramaturgischen Mängel, über erzählerische Längen hinweg.»

«Fierabras» spielt im Mittelalter: Es geht um zwei alte Männer, mehr Väter als Könige. Zwei Frauen, mehr Liebende als Töchter. Die zwei alten Männer sind Karl der Grosse (Kai Wegner) und König Boland (Young Kwon). Ersterer steht für das Christentum, Letzterer führt die Mauren an. Beide Könige haben Töchter, die heimlich und nicht standes­gemäss lieben: Emma (Elissa Huber) liebt den unbedarften Nachwuchsritter Eginhard (Uwe Stickert). Florinda (Evgenia Grekova) liebt den Christen Roland (Todd Boyce). Und mittendrin: Fierabras (Andries Cloete), Bruder von Florinda und Sohn von Boland. Er liebt Emma. Und steht am Ende ohne Frau, dafür mit neuer Religion da.

Die Anforderungen an die Sängerinnen und Sänger sind hoch: Sie müssen ungewohnte Sprechpassagen meistern und der Stilvielfalt gerecht werden. Besonders gut gelingt das Uwe Stickert, der mit seinem warmen Tenor brilliert. Und Elissa Huber ist eine grossartige Emma. Von verliebt bis verzweifelt legt sie alles in ihre Stimme. Todd Boyce bezaubert mit kräftigem und doch facettenreichem Bariton, und Tenor Andries Cloete überzeugt mit Strahlkraft. Der Chor (Leitung: Zsolt Czetner) zeigt eine überragende Leistung: Die Chorszenen, eigentlich angelegt für ein viel grösseres Ensemble, meistert der Chor Konzert Theater Bern beeindruckend sicher, strahlend und raumfüllend.

Unstimmig und zerfleddert

Der gefeierte deutsche Regisseur Elmar Goerden und das Bühnenbildteam Silvia Merlo und Ulf Stengl brachten in Bern bereits das Stück «Penelope» (2017) erfolgreich auf die Bühne. Mit kahlen Wänden und grossen Löchern sorgen sie bei «Fierabras» für eine kühle Atmosphäre und lenken den Fokus auf die Figuren. Nicht von Rittern und Religionen soll hier offensichtlich erzählt werden, sondern von Menschen und deren Sehnsüchten.

Das ist eine Stärke der Inszenierung – doch gleichzeitig ist es ihre grosse Schwäche. Was Venzago/Goerden am Werk selbst zu kitten versuchten, bricht auf der Bühne zeitweise wieder auseinander. Die Oper verliert sich im zweiten und im dritten Akt in Längen, auch weil meistens frontal ins Publikum gesungen wird und es an Interaktion zwischen den Figuren fehlt. Die Figurenzeichnung ist in sich wenig stimmig, zerfleddert zwischen Pathos und Klamauk: Warum tritt der bekehrte Fierabras am Ende wie ein Sektenführer auf?

Gleichzeitig verkommt Jungritter Eginhard zur Witzfigur. Er ist ein Tollpatsch, der mit der Harfe statt mit der Waffe zu den verfeindeten Mauren reist. Der als Einziger einen steifen Anzug trägt, über seine eigenen Füsse stolpert und sich hinter einem Baum versteckt, statt zu seiner Liebe zu stehen. Das ist im Libretto zwar so angelegt. Aber zu seiner Geliebten Emma etwa, die wiederum völlig klamaukfrei inszeniert ist, liebt und ernsthaft um Eginhard bangt, reisst der verbindende Faden. Bis man sich irgendwann zu fragen beginnt: Sollen wir jetzt eigentlich lachen? Und wenn ja, worüber? Über den trotteligen Eginhard oder über die leidende Emma?

Weitere Aufführungen: bis 11. Juni, Stadttheater Bern.

Berner Zeitung

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