Sitzen, nicht stehen

Der Aargauer Cellist Christoph Croisé hat sich international einen Namen gemacht. Am Wochenende tritt er erstmals mit dem Berner Symphonieorchester auf.

Will beim Publikum Emotionen auslösen: Der Aargauer Cellist Christoph Croisé ist international gefragt.

Will beim Publikum Emotionen auslösen: Der Aargauer Cellist Christoph Croisé ist international gefragt. Bild: PD

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Da sitzt ein junger Mann bei 28 Grad in einem Zimmer seines Elternhauses und übt mit seinem Cello für ein Konzert, das er kommenden Samstag und Sonntag im Kursaal Bern zum Besten geben wird. Der Künstler heisst Christoph Croisé, und er ist mit seinen 24 Jahren ein gefragter Solist in der Klassikbranche, mit Auftritten in der Tonhalle Zürich, aber auch im Konzerthaus Wien oder in der Wigmore Hall in London.

Auch in Bern ist Croisé mit seinem virtuosen Spiel kein Unbekannter, trotzdem feiert er nun hier eine Premiere. «Ich freue mich auf meine erste Zusammenarbeit mit dem Berner Sym­phonieorchester und auf dessen Leiter Mario Venzago», sagt er – und unterbricht seine Proben. «Es wird ein spezieller Anlass, wir spielen mit Joachim Raffs Konzert für Violoncello und Orchester ein Stück eines zu Unrecht selten gespielten Schweizer Komponisten», so Croisé.

Der Cellist weiss, wovon er spricht. Er spielte dieses Konzert bereits 2012 in Lachen am Zürichsee, wo Joachim Raff 1822 geboren wurde. Wenn Croisé dessen musika­lische Stilrichtung umschreibt, kommt er ins Schwärmen: «Mir gefallen seine Harmoniewechsel, die völlig unerwartet kommen. Joachim Raff ist ein Melodiker, seine ausgeprägte Bildsprache erinnert mich an Mendelssohn.»

Der natürliche Fluss

Christoph Croisé, der 2017 für seine Teilnahme an der «First Berliner International Music Competition» mit Gold ausgezeichnet wurde, wird das Konzert in d-Moll auf einem Goffriller-Violoncello spielen, das 1712 in Venedig gefertigt wurde. «Ein lieber Mensch stellt mir diese Kostbarkeit zur Verfügung», weiss er das Privileg zu schätzen, «die Klangfarbe des Instruments ist die pure Freude.»

Wer das Repertoire des 24-jährigen Musikers studiert, staunt über die Bandbreite an Komponisten und Epochen. Ob im Solo, mit Klavier oder mit Orchester: Sein Spektrum reicht von Bach über Brahms und Beethoven bis hin zu Chopin, Debussy und Strawinsky. Auch zeitgenössische Komponisten wie Daniel Schnyder und Thomas Demenga fehlen nicht. «Ich spiele alles gerne und mag verschiedene Stile», antwortet Croisé auf die Frage, ob es neben der Kür auch eine Pflicht gebe. «Manchmal fliesst die Erarbeitung eines Werks natürlich, es kann aber auch schwieriger werden, bis es Spass macht», relativiert er etwas. Am Ende zähle für Croisé die Abwechslung und «dass ich bei meinem Publikum Emotionen auslöse».

«Die Freude am Spiel ist mir das Wichtigste.»Christoph Croisé

Seit fünf Jahren lebt der Aargauer aus Niederlenz in Berlin, wo er an der Universität der Künste sein Können festigt. Für seinen Auftritt in der Schweiz hat Christoph Croisé das Domizil ­seiner Eltern in Lenzburg ausgewählt. «Ich schätze die Ruhe und die Natur in meiner Heimat», so der Künstler. Doch viel Zeit bleibt nicht für Musse, denn auch Meister müssen üben. «Die Freude am Spiel ist mir das Wichtigste», sagt Croisé, der als Mensch und Musiker fassbar ist – und in seiner Aussage schwingt echte Begeisterung mit.

Kein Zwang

Natürlich schielt ein junger Künstler nach der Konkurrenz, und die ist für einen bald 25-Jährigen bereits jünger. «Ich mache mir keinen Druck», führt Croisé das Thema Wettbewerb aus, ­«viele Kollegen haben ein hohes Niveau, ich empfinde das als inspirierend. Ich möchte mit meiner Arbeit bei mir selbst bleiben und immer so gut wie möglich sein.»

Das tönt entspannt und hat auch damit zu tun, dass im Elternhaus keinerlei Zwang ausgeübt wurde auf den Jungen, der zuerst Blockflöte und dann mit sieben Jahren das Cellospiel erlernte. «Wir waren nie eine Musikerfamilie», erklärt Christoph Croisé, «aber wir haben alle ein Streichinstrument gespielt und manchmal sogar im Quartett musiziert.»

Warum eigentlich Cello und nicht Violine? Croisés Erläuterung wird von einem schelmischen Lachen begleitet: «Ich habe schnell gemerkt, dass ich für das viele Üben nicht stehen, sondern viel lieber sitzen wollte.»

Auftritt im Rahmen des 15. Symphoniekonzerts des Berner Symphonieorchesters, Samstag, 23. Juni, 19.30 Uhr, und Sonntag, 24. Juni, 17 Uhr, Kursaal, Bern. (Berner Zeitung)

Erstellt: 22.06.2018, 08:09 Uhr

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