Schillernder Auftakt zur Musikfestwoche

Meiringen

Christoph Schiller erhielt den Goldenen Bogen – und Friedrich Schiller stand rhetorisch Pate: Mit einem pointierten Auftritt der Camerata Bern begann am Wochenende die Musikfestwoche Meiringen.

Der Schweizer Bratschist Christoph Schiller anlässlich seines Auftritts zum Auftakt der Musikfestwoche Meiringen.

Der Schweizer Bratschist Christoph Schiller anlässlich seines Auftritts zum Auftakt der Musikfestwoche Meiringen.

(Bild: Markus Hubacher)

Oliver Meier@mei_oliver

Eine Hommage. Oder doch nicht? Vielleicht eher: eine knirschende Verbeugung. «Variationen über ein Thema von Frank Bridge», nannte Benjamin Britten sein Opus 10 für Streichorchester. Und dass es dem 24-jährigen Britten nicht nur darum ging, seinem Lehrer die Reverenz zu erweisen, macht schon die Vorstellung des Themas klar.

Britten verfremdet die simple, etwa sentimentale Melodie auf subtile Weise, verleiht ihr etwas Widerborstiges – und wartet in den folgenden Variationen mit einer Fülle von parodistischen Kniffen auf. Mit Bravour spielt die Camerata Bern das Werk zum Auftakt der Musikfestwoche, bringt plastisch zum Ausdruck, wie Brittens Musik zwischen Ironie und Wahrhaftigkeit oszilliert. Oder sollten wir sagen: schillert?

«Spät kommt ihr!»

Schillernd ironisch erscheint manches an diesem Auftaktabend. Nicht nur musikalisch. Christoph Schiller heisst der Mann, der dieses Jahr mit dem Goldenen Bogen beehrt wird. Und als die Laudatio ansteht, geistert der grosse Friedrich Schiller durch die Michaels­kirche.

Professor Dr. Hellmut Thomke, Präsident der Stiftung Geigenbauschule Brienz, zitiert Worte aus Schillers «Wallenstein»-Trilogie («Spät kommt ihr – doch ihr kommt!»), um einen naheliegenden Gedanken auszudrücken: dass Christoph Schiller reichlich lange auf die Ehrung warten musste.

Schiller ist der führende Schweizer Bratschist, seit 1980 spielt er zudem regelmässig in Meiringen. Dass er auch über die Gabe der Selbstironie verfügt, beweist er in seiner Dankesrede. Schiller macht schlagend klar, wie sich die wechselnden Rollen der Bratsche im zweifelhaften, weil wankelmütigen Charakter der Bratschisten spiegeln. Angeblich.

Durchaus wankelmütig zeigt sich die Viola auch im Paradestück des Abends: dem «Poème» des inzwischen 99-jährigen Waadtländer Komponisten Julien-François Zbinden, der eigens nach Meiringen gekommen ist. Bald lyrisch, bald elegisch, bald dramatisch fantasiert sich die Bratsche durch den Klangraum, oft in derart hoher Lage, dass man meint, eine Geige zu hören. Von einem «wertvollen Geschenk zur nicht eben reichhaltigen Sololiteratur für Bratsche», spricht Schiller. Es ist diese Dankbarkeit, der grosse Respekt auch, den man bei Schillers Interpretation mithört – bis ganz am Ende, als sich der letzte Ton im Nichts verliert.

Manchmal, in den herben Schwebetönen von Zbindens Werk meint man ein Echo von Brittens Gedenkmusik zu vernehmen – und ahnt, wie klug der Abend programmiert ist. Auch Brahms gehört dazu, nach der Pause.

Die Camerata spielt das Streichquartett op. 111 in einer Fassung für Streichorchester, die auch auf dem aktuellen Came­rata-Album zu hören ist. Ob die Aufblähung was taugt? Die Skepsis verfliegt im Konzert.

Denn mehr noch als auf der CD wird in Meiringen deutlich, wie das intime Werk in der Orchesterfassung an Expressivität gewinnt. Brahms Spätwerk schillert zwischen Heiterkeit und Tragik, zwischen Dramatik und Sentimentalität. Eine leicht knirschende Verbeugung vor dem ­Leben.

Musikfestwoche: bis 9. Juli. Details: musikfestwoche-meiringen.ch.

Berner Oberländer

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