Stardirigent Nello Santi lebte die Musik

Keiner ist dem Zürcher Opernhaus so lange treu geblieben wie Nello Santi. Nun ist er 88-jährig gestorben.

94 Premieren dirigierte er in Zürich: Nello Santi bei Proben zu Donizettis «Lucia di Lammermoor» im Frühling 2019. Bild: Toni Suter/Opernhaus Zürich

94 Premieren dirigierte er in Zürich: Nello Santi bei Proben zu Donizettis «Lucia di Lammermoor» im Frühling 2019. Bild: Toni Suter/Opernhaus Zürich

Susanne Kübler@tagesanzeiger

Vielleicht muss man von seinen Anfängen erzählen, um zu verstehen, wie Nello Santi zu dem Dirigenten wurde, der er war. Man müsste da den «Rigoletto» erwähnen, den der Bub aus Adria südlich von Padua sehen durfte – und der ihn mit dem Opernvirus infizierte. Oder die Schallplatten, die er danach fast manisch hörte.

Man müsste von all den Instrumenten erzählen, die der Sohn eines Kolonialwarenhändlers und einer Primarlehrerin spielen wollte und bald auch spielen konnte: Klavier und Geige, Bratsche und Trompete und Kontrabass. Als er dann seinen ersten Job hatte, als Souffleur im Opernhaus von Padua, sprang er zuweilen ein, wenn ein Musiker ausfiel. Und man darf vermuten, dass ihm das mehr gebracht hat als das Studium, das er natürlich ebenfalls absolviert hat: weil Nello Santi nun mal einer war, der ohne Theaterluft nicht atmen konnte.

Die Tradition wirkte nie museal bei ihm. Sie blieb saftig, emotional, ungebremst italienisch.

Man hat es nicht nur, aber vor allem am Zürcher Opernhaus während Jahrzehnten mitverfolgen können: Wie Santi die Musik nicht machte, sondern lebte. Wie er die Werke dirigierte, als könnten sie gar nicht anders klingen. Wie er die viel beschworene Italianità verkörperte, ohne sie zu zelebrieren. Man mochte seine Interpretationsweise traditionell nennen; es war nie sein Ziel, einen eigenen Ansatz zu finden, auch die Bewegung der historisch informierten Aufführungspraxis ist an ihm vorbeigegangen. Aber die Tradition wirkte kein bisschen museal bei ihm; sie blieb saftig, emotional, ungebremst italienisch. Durch und durch echt.

Seinen ersten Zürcher Auftritt hatte Nello Santi am 3. September 1958, mit gerade mal 27 Jahren. Verdis «La forza del destino» stand auf dem Programm, damals noch in deutscher Sprache. Das war der Anfang einer Karriere, die jeden Intendantenwechsel überstand: 94 Premieren hat Santi in Zürich dirigiert, weit über tausendmal stand er hier im Orchestergraben – bis 1969 als Musikdirektor, danach als häufiger Gast.

Selbst als Andreas Homoki bei seinem Amtsantritt 2012 alle vorherigen Dirigenten ersetzte, blieb Santi im Haus: nicht mehr für Neuproduktionen zwar, aber für gut besuchte und heftig umjubelte Wiederaufnahmen. Die letzte, Donizettis «Lucia di Lammermoor», hat er im Frühling 2019 dirigiert, vor ausverkauftem Haus. Man darf wohl sagen, dass das Zürcher Publikum keinen so geliebt hat wie ihn. Und auch die öffentliche Anerkennung hat ihm nicht gefehlt. 2013 erhielt Santi den Kunstpreis der Stadt Zürich: eine mehr als verdiente Würdigung.

Pavarottis Verbündeter

Aber auch anderswo hatte er schon früh Erfolg. 1962 reiste ein Agent der Metropolitan Opera nach Zürich, weil er eine Sängerin hören wollte – und engagierte stattdessen Santi, der ab dann regelmässig in New York dirigierte. Furore machte er dort unter anderem mit einem jungen Tenor, der damals noch rank und schlank war und in Santi einen flexiblen Verbündeten fand: Luciano Pavarotti.

Auch an der Scala war er heimisch, gerade in den letzten Jahren wieder, nachdem der ehemalige Zürcher Operndirektor Alexander Pereira in Mailand angekommen war. Im September 2019 wäre ein «Rigoletto» geplant gewesen, den Santi dann allerdings absagen musste.

Nicht nur als Dirigent, auch als Persönlichkeit hat er Spuren hinterlassen. Es gibt tausend Geschichten über ihn – über sein fotografisches Gedächtnis, dank dem er alles auswendig dirigieren konnte, über seinen überlangen Taktstock. Oder auch über seine erzieherische Fantasie: Beim Zürcher Galakonzert zu Santis 85. Geburtstag (das der Jubilar natürlich selbst dirigiert hat) erzählte der Opernhaus-Schlagzeuger Hans-Peter Achberger von einem Musiker, der einst eine Aufführung schwänzte. Bei nächster Gelegenheit sei er von Santi mit Parfüm besprüht worden mit der Bemerkung: «Und jetzt gehen Sie nach Hause zu Ihrer Frau und sagen ihr, wo Sie waren.» Eine Rache, die in Sachen absurder Subtilität schon fast Opernlibretto-Qualität hat.

Klare Worte – und viel Humor

Und keiner konnte schöner wettern gegen all die modernen Entwicklungen, die «seine» Oper bedrohten. Aktualisierungsfreudige Regisseure nannte Santi «Terroristen», und als Luciano Berio einen neuen Schluss zu «Turandot» vorlegte, taxierte er das knapp und deutlich als «porcheria» (Schweinerei). Neuere Werke interessierten ihn kaum; Alban Bergs «Wozzeck» von 1925 war die jüngste Oper, die er gelten liess. Dirigiert hat er sie allerdings nie; er blieb, mit wenigen Ausnahmen, beim italienischen Repertoire, bei Verdi, Donizetti, Bellini. Man müsse die Musik gernhaben, die man aufführe, hat er einmal gesagt, «sonst sollte man lieber angeln gehen. Eglifilets sind sehr gut.»

Ja, Humor hatte Nello Santi auch. Nach Andreas Homokis Laudatio zu seinem 85. Geburtstag hat er nur trocken gemeint, bei so viel Lob erwarte er jetzt einen 15-Jahres-Vertrag – und die Lacher dann mit jener Würde verdankt, mit der er jeweils auch die Ovationen nach einer Aufführung entgegengenommen hat. Er hätte einen solchen Vertrag zweifellos gern unterzeichnet. Und er hätte ihn auch erfüllt, wenn das in seiner Macht gestanden hätte.

Aber nun ist Nello Santi gestorben, 88-jährig. Und man kann sich nicht so recht vorstellen, wie das Zürcher Opernhaus ohne ihn sein wird.

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