Arien, die aus Lokomotiven schallen

Burgdorf

Mit dem Projekt «HKB geht an Land» bespielt die Hochschule der Künste Bern ungewohnte Orte in der Emmestadt. Studenten treten am Wochenende im BLS-Depot je zweimal auf wechselnden Bühnen auf.

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Die junge Frau auf nacktem Betonboden vor einer BLS-Draisine ist verzweifelt. Noch hält sie den Telefonhörer in der Hand, mit dem der Geliebte ihr mitteilt, dass er sie verlässt. Berührend ihre Arie aus «Dido und Aeneas» von Henry Purcell, die von Akkordeonklängen begleitet wird.

Mathias Behrends, Studiengangsleiter an der Hochschule der Künste Bern (HKB), ist zufrieden, schlägt nur kleine Haltungsänderungen vor, die dem Publikum bessere Einblicke und Verständnis auf das dramatische Geschehen erlauben. Denn am Donnerstag- und am Freitagabend findet sich Publikum an diesem Ort ein – dem BLS-Depot. Hier treten die Studierenden der Master Oper HBK auf.

An die Kälte denken

Buben- und Männerträume werden wahr. Da stehen sie wie sanfte, ruhige Riesen, die rostroten Lokomotiven aus der Vergangenheit der BLS. Beispielsweise die CE 4/6 mit Baujahr 1920 oder der «Muni» AE 8/8, gebaut in Winterthur. Im grellen Scheinwerferlicht turnen junge Sänger und Sängerinnen auf den Treppen, Leitern und im Führerstand, finden Platz für ihre Füsse und halten sich an Gestängen fest. Aus der Höhe ertönt mit wundervoll klarem Sopran die Arie «Lakmé» von Leo Délibes. Ein Korrepetitor begleitet die Sängerin am Klavier.

Vier ihrer Kolleginnen sitzen auf einer Bank; eine betrachtet in Spiegelscherben ihr Gesicht, die andere schleift ein Telefon mit sich (Oper spielt bekanntlich nicht im Handyzeitalter), ein Handtäschchen mit fraglichem Inhalt spielt eine Rolle – alles strömt Dramatik aus. Ebenso der junge Sänger, der im kleinen Bürokabäuschen – am Boden liegend – ein russisches Lied voller Liebe, Leidenschaft und Verzicht in sich steigenden Akkorden im tiefen Bass singt.

«Zurück auf Position, wie wiederholen», sagt Mathias Behrends in englischer Sprache zu seinem Team. Nach kurzen Stimmübungen und trotz Kälte sind alle Beteiligten voll bei der Sache. Dort wird ein Halstuch umgebunden, hier verschwinden Hände in Handschuhen. Es ist kalt im Depot, daran müssen auch die Besucher denken. Der freie Raum zwischen den Lokomotiven ist beschränkt; deshalb werden aus Sicherheitsgründen pro Auftritt nur 50 Personen zugelassen. Diese bewegen sich während einer Stunde von einem Standort zum nächsten – eine Form von Stationen-Oper mit unterschiedlichen Werken und verschiedenen Interpreten.

Elf Kulturprojekte

Zum Abschluss steigen alle die steinerne Treppe nach unten in den warmen Aufenthaltsraum. Dort erwartet das Publikum zum Abschied von Gaetano Donizetti das Lied «Il faut partir» aus «La fille du régiment» – mit sehnsüchtigem Blick der Sängerin auf das turtelnde Liebespaar vor sich und den Freunden hinter der Fensterscheibe. «Es ist für die Studenten der Hochschule der Künste Bern enorm wichtig, ihr Potenzial vor Publikum in Echtzeit zu zeigen», sagt Behrends. Nur dadurch lasse sich ihr Können auch in szenischen, theatralischen und teils akrobatischen Belangen weiter ausbauen.

Die HKB wurde für das aktuelle Opernprojekt von der BLS zur Teilnahme angefragt. Kooperationspartner ist auch der Konzertchor Burgdorf, der mit schweizerischen Volksliedern aus dem «Röseligarte» auftritt. Total elf Kulturprojekte unter dem Motto «Auf die Stör gehen» sind noch bis März 2019 in Burgdorf zu sehen. Das künftige Opernprojekt widmet sich dem Thema Rituale.

Vorstellungen am Freitag und am Samstag um 18 und 20 Uhr. BLS-Depot, Kirchbergstrasse 43, Burgdorf. Eintritt frei, Kollekte für die BLS-Stiftung Burgdorf.

Berner Zeitung

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