Spitzengeigerin wird Leiterin Camerata Bern

Ein Coup der Extraklasse bei der Camerata Bern: Stargeigerin Patricia Kopatchinskaja wird 2018 musikalische Leiterin des Kammerorchesters. Die 40-jährige Berner Geigerin aus ­Moldau will überraschende Konzerte anbieten.

Die Speerspitze der ­Camerata: DirektorLouis Dupras und Geigerin ­Patricia Kopatchins­kaja, ab 2018 künstlerische Leiterin des Or­chesters.

Die Speerspitze der ­Camerata: DirektorLouis Dupras und Geigerin ­Patricia Kopatchins­kaja, ab 2018 künstlerische Leiterin des Or­chesters.

(Bild: Manuel Zingg)

Patricia Kopatchinskaja, wir ­gratulieren zur Wahl. Wieso werden Sie musikalische Leiterin der Camerata Bern?Patricia Kopatchinskaja:Die Camerata hat mich gefragt, und ich bin überglücklich, das zu machen. Es war immer ein Traum, mit einem Ensemble über längere Zeit zu arbeiten. Das hab ich anderswo schon gemacht, auf anderen Kontinenten, aber nicht in Bern, wo ich seit vielen Jahren zu Hause bin. Ich bin übrigens soeben eingebürgert worden!

Also nochmals: Gratuliere.Als Musiker ist man so oft unterwegs. Ich habe eine Familie, eine 11-jährige Tochter, die mich braucht. Das Engagement bei der Camerata trifft sich ausgezeichnet, weil es mir einen Hafen in der Heimat gibt.

Das heisst, Sie wollen weniger reisen?Ich werde weniger weg sein. Diese Zeit ist jetzt reserviert für die Camerata Bern.

Welches Bild sollen die Zuschauer haben von der Camerata Bern mit Patricia Kopatchinskaja?Ein Bild von Gärtnern, die zusammen in einem Garten ar­beiten.

Und was wächst in diesem ­Garten?Allerlei, auch ganz exotische Pflanzen. Wir sind sehr neugierig. Wir werden versuchen, ganz Verschiedenes anzupflanzen, und schauen, ob es hier wächst oder nicht. Das Publikum soll aber nicht bloss zuschauen. Das Konzert soll nicht ein Tempel sein und wir die Priester. Wir sind die Gärtner, die Zuhörer sollen mitbestimmen, was gepflanzt wird.

Wie das?Sie sollen sich äussern können. Wir werden bei Konzerten Post-its verteilen, auf denen sie aufschreiben, was ihnen beim Konzert so einfällt. Sie sollen auch Wünsche äussern.

Sie haben auch schon komponiert für die Camerata Bern. Werden Sie es wieder tun?Nichts ist ausgeschlossen. Wir wollen ein Klima schaffen, das neue Ideen und Überraschungen zulässt. Wir werden Komponisten bitten, uns eine SMS zu schicken. Nicht Handy-Messages, sondern kurze Kompositionen. Stücke von zwei Minuten, die nie in einem Programm erscheinen werden, sondern in den Konzerten zwischendurch.

Sie wollen mehr zeitgenössische Musik spielen.Das war in vergangenen Jahrhunderten ja auch so, immer wurde neue Musik gespielt. Das können wir auch heute tun. Es gibt nicht nur eine Vergangenheit in unserer Musik.

Wie viel Überraschung ertragen Menschen, die ins klassische Konzert gehen?Wir werden sehen. Ganz wichtig: Wir werden das Publikum fragen, was es will.

Und wenn das Publikum Mozart und Beethoven fordert?Dann spielen wir Mozart und Beethoven – und zwischendurch neue Musik für diejenigen, die neue Musik hören wollen.

Welches ist Ihr absolutes Lieblingsstück?Hm . . . (überlegt lange), das gibt es nicht.

Gibt es nicht Musik, in der Sie sich so richtig zu Hause fühlen?Ich versuche mich in jedem Stück zu Hause zu fühlen. Aber manche sind wie Kakteen, sie sind so stachelig, dass ich sie loslassen muss.

Was ist Ihre Vision für die Camerata Bern?Musik zu machen mit dem ganzen Herzen, mit dem Geist. Musik ist wie Liebe: Sie entsteht immer wieder in anderen Formen. Man darf sie nicht in eine starre Struktur pressen. Die Musik muss immer wieder neu geliebt werden. Das kann man nur mit freiem Geist. Und den hat die Camerata Bern.

Was kann das Ensemble, was andere nicht können?Es sind lustige, verschiedene Menschen, und jeder führt eine intensive Beziehung zur Musik. Musiker, die einfach einen Dienst machen möchten, wären am falschen Ort. Camerata-Musiker suchen das Unbequeme. Es ist ein Ort für Menschen, die Fragen stellen und keine Angst haben, Verantwortung zu übernehmen.

Als Solistin wissen Sie jeweils genau, wie die Musik tönen soll – und Sie geraten sich auch hin und wieder mit einem Dirigenten in die Haare . . .(lacht)

. . . Inwieweit sind Sie denn bereit, als Leiterin Kompromisse einzugehen?Eben nicht als Leiterin, als Kollegin, die auf Augenhöhe mit den Mitmusikern arbeitet.

Aber am Schluss entscheiden Sie.Ich muss dann das machen, was mich persönlich überzeugt, ja. Die wichtige Rolle ist es, zu ermöglichen, dass wir gemeinsam herausfinden, wohin wir wollen. Eine Vision ist nie erstarrt. Das Ziel ist der Weg.

Ah ja.Wirklich! Jedes Stück hat einen Anfang und ein Ende, und dazwischen ist Zeit. Und die Zeit dazwischen ist der Weg. Du gehst ihn immer wieder, aber du siehst auch immer wieder neue Sachen. Voraussetzung dafür ist, dass man das Handwerk beherrscht und gut vorbereitet ist. Dann kann man die Dinge sehen. Wir sind keine Platte. Wir gehen Risiken ein.

Sie sind nicht nur im Spiel ein Freigeist, sondern auch im unkonventionellen Auftreten. Wird man das der Camerata ansehen?Sie meinen, ob alle ohne Schuhe auftreten werden? (lacht)

Genau.Das weiss ich nicht. In jedem Konzert wird es Überraschungen geben. Vielleicht liegt eine auch darin, dass ich für einmal Schuhe trage.

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