Zum Hauptinhalt springen

Mit gebrochener Zehe rauf in die Höhe

Ein anderer hätte wohl abgesagt. Startenor Jonas Kaufmann jedoch setzte trotz gebrochener Zehe erneut eigene Massstäbe am Gstaad Menuhin Festival.

Schmerzlos geht der wagnisreiche Wagner-Gang ohnehin nicht von sich: Tenor Jonas Kaufmann, im Hintergrund das Gstaad Festival ­Orchestra.
Schmerzlos geht der wagnisreiche Wagner-Gang ohnehin nicht von sich: Tenor Jonas Kaufmann, im Hintergrund das Gstaad Festival ­Orchestra.
PD/Raphael Faux

Er sah beim Betreten des randvollen Zeltsaals am Gstaad Menuhin Festival (GMF) eher leidend und ziemlich gequält aus. Dazu hinkte er leicht – und trug Sportschuhe. Musste die riesige (vor allem weibliche) Fanschar um den derzeit wohl weltbesten Tenor bangen? Jetzt, wenn dieser klippenreich in die Höhe klimmen sollte?

Schliesslich wandert man bei Wagner nicht einfach gemütlich dahin. Seine Bergeshöhen sind Rauschpartien zwischen bewegt schlenkernden Segelflügen und klaffenden Luftlöchern. Da gleitet man nicht einfach sanft dahin und stützt sich gemütlich ab. Und schmerzlos geht der wagnisreiche Wagner-Gang ohnehin nicht von sich.

All das weiss natürlich eine Koryphäe wie Jonas Kaufmann (49) am allerbesten. Tatsache ist: Eine gebrochene Zehe, die sich der an allen grossen Opernhäusern heiss begehrte Münchner letzte Woche beim Sport zuzog, ist mitunter schmerzhaft und höchst unangenehm. Aber mit entsprechender Behandlung sollte sie für seine berufliche Ausübung nicht hinderlich sein.

Und die zelebriert er nicht im stillen Kämmerlein als Home-Office-Worker, sondern vor einer umfangreichen Fangemeinde, die bereit ist, weit zu reisen und viel zu bezahlen, um ihn zu sehen und vor allem singen zu hören.

Nicht nur gut durchgestanden

Im ersten Moment, als der Agent von Jonas Kaufmann am letzten Mittwoch anrief, befürchtete Christoph Müller, CEO des Gstaad Menuhin Festival, Schlimmeres – wie eine Absage. Doch Kaufmann war von Anfang an gewillt durchzubeissen. Und ausser der bewegungstechnischen Beeinträchtigung würde die stimmliche Qualität nicht darunter leiden.

Und das war am Samstagabend auch so: Die 70 Minuten, welche der erste Akt der «Walküre» dauert – diesem zweiten Teil aus der Tetralogie des «Ring der Nibelungen» – stand Kaufmann als Siegfried nicht nur gut durch. Er verpasste ihnen sogleich seine unvergleichliche stimmliche wie physische Präsenz. Kaufmann liess seinen farbenintensiven und schattierungsreichen Tenor samtweich und durchschlagskräftig glühen – bis hin zu den herrlichsten Stimmmalereien in höchsten Lagen, die im Duett mit Martina Serafin (48) als Sieglinde besonders furios und packend zur Geltung kamen.

Da trieben sich zwei (in der Oper) Traumatisierte und in der Seele (gefährlich) Verwandte zu vibrierenden stimmlichen Höchstleistungen an. Martina Serafin steuerte dazu ihren feurig-strahlkräftigen Sopran sowie ihre Verve und Ausdruckskraft bei, um die Tragik dieser Sieglinde markant zu umreissen. Der Dritte im Bunde, Falk Struckmann (60), schmetterte die ganze Bedrohlichkeit von Sieglindes verhasstem Gatten Hunding mit seinem dunkel timbrierten Bariton hochkant in den Raum.

Erstmals Richard Wagner

Ganze Arbeit leistete vor über 1800 Zuschauern auch das Gstaad Festival Orchestra (GMF). Es trug – in allen Registern stark besetzt – mit seinen instrumentalen Feinheiten und seiner opulent zelebrierten Klangwucht wesentlich dazu bei, dass die erstmalige Präsenz von Richard Wagner am GMF grossen Anklang fand. Der Walkürenritt etwa beschwörte eindrücklich die Bilder aus Francis Ford Coppolas Kriegsfilmepos «Apocalypse Now» (1979) herauf.

Und dem an Intensität und Zwischentönen arbeitenden Dirigenten Jaap van Zweden (55) gelang es im Vorspiel zu den «Meistersingern von Nürnberg», die zum Ausbruch drängende Entladungsenergie mit dem strömenden Untersog spannungsreich zu verbinden. Im Vorspiel zu «Tristan und Isolde» hielt er den Klangstrom mit dem GMF auf wesentlich gedämpfterer Stufe am Brodeln. Hier stellte sich – passend zu diesem Liebesdrama – höchst verzehrende Innigkeit ein.

Kaufmanns Rettungsanker

Am Schluss servierte das international zusammengesetzte Orchester noch eine Zugabe, als niemand damit rechnete. Das hatte für den besonders umjubelten und mittlerweile entspannter lächelnden Jonas Kaufmann den Vorteil, dass er sich – mit Blumen und Geschenken von weiblicher Klientel fast penetrant überhäuft – dem Scheinwerferlicht entziehen und «retten» konnte. Schliesslich muss er am Sonntagabend wieder fit sein. Das gleiche Programm stand am Grafenegg-Festival in Österreich an.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch