Klick auf Klassik

Youtube ist eine Fundgrube für Klassik-Liebhaber: Hier erhascht man einen Blick hinter die Kulissen, ist dabei, wenn es zwischen Stars knistert, und verliert sich heillos in Kuriositäten.

Im Internet nachzusehen: Die frisch verliebten Jacqueline du Pré und Daniel Barenboim (1968). <br>(Foto: Screenshot YouTube)

Im Internet nachzusehen: Die frisch verliebten Jacqueline du Pré und Daniel Barenboim (1968).
(Foto: Screenshot YouTube)

Susanne Kübler@tagesanzeiger

Die Rettung kam aus dem Netz. Tief in einer Stimmkrise klickte die schwedische Sopranistin Anne Sofie von Otter auf eine alte Aufnahme von Christa Ludwig – und plötzlich machte es auch bei ihr Klick: «Ich habe geschaut, was sie anders machte als ich, und da war alles klar. Mir war die Atemstütze abhandengekommen!» Wie ihr das passieren konnte, mit ihrer Technik und ihrer Erfahrung, das ist von Otter zwar bis heute ein Rätsel. Aber dass sie ohne das Videoportal Youtube länger gebraucht hätte, um wieder in Form zu kommen, das steht für sie ausser Frage.

Auch ihr Kollege Bryn Terfel ist ein Fan von Youtube. «Wenn man an irgendwelchen Opernhäusern gastiert und allein im Hotel sitzt vor einem Fernseher, der nur langweiliges Programm bietet, dann ist Youtube perfekt», sagt der walisische Starbariton. Dann hört und schaut er sich an, was die Kollegen machen, wie seine Vorgänger die Werke angingen. Oder was es sonst so gibt in dieser grossen bunten Youtube-Welt.

Tatsächlich ist der Kanal eine Fundgrube für Klassik-Liebhaber. Alles findet sich hier: historische Aufnahmen, Probe-Mitschnitte, Konzertfilme, Künstlerporträts, Interviews, Fernsehauftritte. Und natürlich unendlich viele Kuriositäten: hoffnungslos überforderte Laien oder Profis nach dem fünften Glas Rotwein, Bach auf dem Kazoo oder eine Chorversion von Mahlers Adagietto aus der 5. Sinfonie.

Vernichtung der Musik?

Nicht alle sind darüber so glücklich wie von Otter oder Terfel. Der Pianist Krystian Zimerman etwa hat kürzlich in Essen ein Konzert abgebrochen, weil ihn ein Zuhörer filmte. Entnervt verliess er das Podium und kam nur noch zurück, um gegen die Unsitte solcher Mitschnitte zu wettern. Das Filmen störe nicht nur die Musiker und die übrigen Zuhörer, es seien auch schon diverse Plattenprojekte gescheitert, weil die Versionen bereits im Internet kursiert seien: «Die Vernichtung der Musik ist enorm durch Youtube.»

Das finden neben Zimerman auch die Vertreter des Urheberrechts. Der Komponist und Dirigent Peter Ruzicka etwa, der die Tendenz zur «Gratiskultur» bedenklich findet: «Woher rührt die Geringschätzung kreativer Arbeit, die zu einer Bedrohung der ökonomischen Grundlage vieler Urheber führt?» Entsprechend fordern die Verwertungsgesellschaften von Youtube respektive vom Plattformbesitzer Google seit Jahren Beiträge für ihre Künstler; die deutsche Gema etwa pocht auf eine Lizenzgebühr von 0,375 Cent pro Streaming – bisher allerdings vergeblich. Vernichtung der Musik? Bedrohung der Existenz? Die meisten sehen das gelassener. Einerseits, weil die Laienfilmchen mit ihrer schlechten Tonqualität wirklich keine ernsthafte Konkurrenz zu Studioproduktionen sind (und zum Liveerlebnis erst recht nicht); entsprechend selten kommt es zu Vorfällen wie in Zimermans Konzert in Essen. Und andererseits, weil Youtube auch eine durchaus willkommene Werbeplattform bietet. Das haben zahlreiche Musiker gemerkt und auch viele Labels, die neue CDs gern mit Trailern ankündigen. Da gibt es dann jeweils ein paar Takte Musik, ein paar Worte von den Interpreten, ein paar möglichst emotionale Bilder von den Aufnahmesitzungen – wenn Simone Kermes beim Singen einer Händel-Arie die Tränen herunterlaufen, umso besser.

Blick hinter die Kulissen

Das klassische Herumklicken lohnt sich allerdings nicht in erster Linie für solche Werbekonfektionen oder für geklaute Konzertsekunden: Wirklich faszinierend ist anderes: besonders die Blicke hinter die Kulissen, also vor allem in die Proben und Aufnahmestudios. Hinreissende dreieinhalb Minuten lang kann man zum Beispiel die jung verstorbene Cellistin Jacqueline du Pré und den Pianisten und heutigen Dirigenten Daniel Barenboim beobachten: Frisch verliebt spielten sie 1968 die Brahms-Sonaten ein, und wie es da knistert zwischen den beiden und wie sich dieses Knistern in der Musik niederschlägt – das bringt einen dazu, sich sofort die entsprechende CD zu besorgen. Legal, selbstverständlich.

Es sind solche Szenen, für die Youtube wie gemacht scheint: Momente, in denen die Musik erst entsteht, in denen die ehrfüchtige Atmosphäre des Konzertsaals noch weit weg ist und die Tonqualität nicht oberste Priorität hat. Wenn Christa Ludwig mit Leonard Bernstein über die Tempi im «Lied von der Erde» streitet, wenn hochkarätige Sänger im Pulli Bach-Kantaten proben oder Andràs Schiff eine junge Pianistin fast Takt für Takt verbessert, dann erfährt man Dinge über die Musik und über die Musiker, die einem sonst verborgen bleiben würden.

Der erste klassische Youtube-Star

Viele sind inzwischen auf den Geschmack gekommen. 160 000 Klicks für eine 45 Jahre alte Brahms-Probe sind nicht wenig, die «Rare Video Session» der Beatles mit «Hey Jude» aus demselben Jahr hat nur unwesentlich mehr. Und manchmal wird sogar die Millionengrenze geknackt: etwa von der ukrainischen Pianistin Valentina Lisitsa. Zwar ist die Geschichte, wie sie 2007 ein selbst gebasteltes Filmchen mit einer Rachmaninow-Etüde hochgeladen hat und damit berühmt wurde, ein kleines bisschen geschönt; das «Filmchen» wurde mit immerhin fünf Kameras gedreht, die neben den professionell ausgebildeten Fingern auch ein attraktives Gesicht ins beste Licht rückten. Aber ungewöhnlich war der Boom, den Lisitsa auslöste, trotzdem. Inzwischen gilt sie als erster klassischer Youtube-Star – und versucht ihr Glück auch im analogen Konzertleben.

Wie viele Lisitsas gibt es, die im Netz auf ihre Entdeckung warten? Das ist schwer zu sagen, denn einfach sind die Talente auf Youtube nicht zu finden. Man muss auf Zufallsfunde oder auf einschlägige Empfehlungen hoffen, systematische Suchaktionen führen zu nichts. Denn erstens weiss man nach dem 37. Schubert-Impromptu selbst nicht mehr, ob eine Version nun wirklich gut ist oder einfach nur besser als all die anderen, die man sich angetan hat. Und zweitens erliegt man auch als Klassik-Liebhaberin dem unwiderstehlichen Reiz des Kuriosen.

Nippes und Quietschente

Nur zu gern lässt man sich beim Herumklicken ablenken und freut sich über das Zeitlupentempo, mit der sich eine ältere Dame durch Schumanns «Träumerei» buchstabiert, oder über die Nippesfiguren, mit denen ein bärtiger Hobby-Pianist seine Bach-Performance dekoriert hat. Man wundert sich über das gekratzte «Ihr Kinderlein kommet», das die Eltern eines «Wunderkindes» der Öffentlichkeit vorsetzen, oder amüsiert sich über allerlei lustige Montagen. Ja, zugegebenermassen auch über jene, bei der ein lustiger Zeitgenosse die ergriffenen Pausen in Krystian Zimermans Schubert-Interpretation mit einer Quietschente ergänzt hat.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt