Klassiker der Woche: Prager Moment

Klassiker der Woche

Was fehlt nach dem Rücktritt von Dirigent Nikolaus Harnoncourt? Zum Beispiel eine solche Aufführung.

Routine klingt anders: Nikolaus Harnoncourt dirigiert den letzten Satz von Mozarts Prager Sinfonie. (Video: Youtube/Classical Vault 2)
Susanne Kübler@tagesanzeiger

Die Zürcher können sich glücklich schätzen. Sie haben einen grossen Teil von Nikolaus Harnoncourts Karriere aus der Nähe mitverfolgen können: in den Zyklen von Monteverdi- und Mozart-Opern, die er ab 1976 zusammen mit dem Regisseur Jean-Pierre Ponnelle ins Zürcher Opernhaus gebracht hat, als historische Instrumente noch keineswegs en vogue waren. Oder später auch in Schumanns «Genoveva», Schuberts «Des Teufels Lustschloss» oder Offenbachs «La Périchole», in denen er zeigte, dass seine Entdeckerfreude sich längst nicht nur auf die alte Musik beschränkte.

Diese Entdeckerfreude war schon immer das Entscheidende bei Harnoncourt, der nun mit 86 Jahren seinen Rücktritt vom Podium erklärt hat; und sie kam ihm auch bei jenen Werken nicht abhanden, die er eigentlich längst entdeckt hatte. Man hörte es etwa in den Bach-Passionen, die er x-fach aufgeführt und mehrfach eingespielt hat – immer wieder anders. Oder man hörte es bei der «Zauberflöte», in der er mit der Zeit (und auch in Zürich) zu verblüffend langsamen Tempi fand. Und man hört es auch in dieser Aufnahme des letzten Satzes von Mozarts Prager Sinfonie, in der selbst die Musiker zuweilen erschrocken sein dürften ob der heftigen Akzente.

Mal übermütig, mal brutal

Harnoncourt hat diese Sinfonie zweifellos Dutzende Male dirigiert. Aber da er nie für sich in Anspruch genommen hat, zu wissen, wie Mozart geht, hat sie ihre unverbrauchte Frische bewahrt. In dieser Aufführung von 2003 klingt der letzte Satz, als spiele die Musik an ganz unterschiedlichen Orten: Irgendwo weit weg findet ein Fest statt, man hört es in den ersten Takten und auch zwischendrin immer wieder; aber es wird übertönt vom Treiben im Vordergrund, das sich foutiert um die höfische Contenance dieses Festes. Mal übermütig, mal brutal wird der Rahmen gesprengt, die Heiterkeit wird ins Düstere, Dramatische gewendet - und Harnoncourt und sein Concentus Musicus Wien wechseln die Ebenen und Tonfälle so übergangslos, dass man beim Hören regelrecht durchgeschüttelt wird.

Zuvorderst bei den Violinen spielt übrigens seine Frau Alice Harnoncourt, die bis vor kurzem Konzertmeisterin des Concentus Musicus war; auch bei den Zürcher Aufführungen sass sie stets im Orchester. Und wenn das eine Geheimnis von Harnoncourts Musizieren seine Neugierde war, so war das andere wohl diese Beziehung: Zusammen haben die beiden einst noch während des Studiums in Wien die historischen Instrumente für sich entdeckt, zusammen sind sie den Weg seither gegangen. Konsequent, abenteuerlustig, ohne Scheuklappen und in der Überzeugung, dass man mit den wirklich grossen Werken nie fertig werde.

Auch jetzt wären sie noch nicht fertig gewesen damit, in Harnoncourts Agenda standen für die kommenden Monate etliche Termine, die nun abgesagt wurden. Am 27. Februar hätte in der Konzertreihe seines Concentus Musicus im Wiener Musikverein zum Beispiel Mozarts Prager Sinfonie auf dem Programm gestanden – und man kann wetten, dass sie anders geklungen hätte als hier.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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