Klassiker der Woche: Harnoncourts Blick

Klassiker der Woche

Nikolaus Harnoncourt dirigiert mit Händen, Stimme und Augen. Und er elektrisiert in dieser Probe zu Verdis «Aida» Musiker und Sänger gleichermassen.

Susanne Kübler@tagesanzeiger

Wenn man eine Glühbirne in diesen Saal gehalten hätte, sie hätte sich wohl entzündet. Jedenfalls muss die Atmosphäre elektrisch gewesen sein. Thomas Hampson, Matti Salminen und Vincenzo La Scola gestikulieren, als würden sie sich kaum vor Handgreiflichkeiten zurückhalten können (und tatsächlich geht es ja gar nicht friedlich zu und her in diesen letzten Takten des 3. Aktes von Verdis «Aida»). Vor allem aber ist da der Dirigent Nikolaus Harnoncourt, der mit seinen Händen und mehr noch mit seinem Blick dafür sorgt, dass keine einzige flaue Note erklingt.

Man gerät schon beim Zuschauen ins Schwitzen, wenn er die Wiener Philharmoniker antreibt, mitzieht, hypnotisiert. Dabei brummt und raunt er mit, als ob er jede einzelne Partie am liebsten selber übernehmen würde, als ob er persönlich all die Kämpfe auszufechten hätte, um die es hier geht. Dass er ein gespaltenes Verhältnis hat zum Begriff historische Aufführungspraxis, braucht einen da nicht zu wundern: Diese Musik spielt hier und jetzt.

Buhs in Zürich

Sie spielte 1997 auch im Zürcher Opernhaus. Hier hat Nikolaus Harnoncourt seine erste «Aida» dirigiert, seine erste italienische Oper des 19. Jahrhunderts überhaupt. Man hat es ihm übel genommen, das Publikum hat ihn jedenfalls ausgebuht: Denn da hörte man nicht die gewohnte Italianità, sondern eine extreme, neue Sicht auf Verdis Partitur. Harnoncourt liess die heftigen Passagen explodieren und nahm die lyrischen ganz ins Innere zurück: Extrem wirkte beides.

Die hier gefilmte Probe für Harnoncourts Aufnahme der «Aida» fand etliche Jahre und Aufführungen später statt – und noch immer hat man den Eindruck, der Dirigent entdecke das Werk in exakt diesem Moment. Und er schafft es, nicht nur die Sänger und Musiker in diesen adrenalinhaltigen Zustand zu versetzen, sondern auch die Zuschauerin vor dem Bildschirm. Ja, man wäre gerne hier dabei gewesen: weil man die Magie des Augenblicks spürt. Weil man erlebt, wie gut das musikalische Drama ohne szenisches auskommen kann. Und weil einem nicht nur der finale Blick des Maestro durch und durch geht.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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