Klassiker der Woche: Das Ehepaar Kurtág

Klassiker der Woche

Der ungarische Komponist György Kurtág ist ein Perfektionist. Aber wenn er mit seiner Frau Márta am Klavier sitzt, klingt das ganz entspannt.

Gemeinsam im Leben und am Klavier: Márta und György Kurtág.

Susanne Kübler@tagesanzeiger

«Játékok», Spiele, heisst György Kurtágs wohl berühmtester Werkzyklus. Und wie die Erinnerung an ein Spiel klingt hier das erste Stück daraus: Leicht und behutsam, auf ruhige Weise vergnügt. Man hört, dass da präzise Regeln gelten. Und dass diese Regeln nicht einengend, sondern geradezu befreiend wirken.

Am Klavier sitzen der Komponist selbst und seine Frau Márta. Seit 66 Jahren sind sie verheiratet, und ihre Lebensgemeinschaft war schon immer auch eine musikalische. So haben sie einst zusammen mit György Ligeti in einer engen Budapester Wohnung ganze Mozart-Opern aufgeführt: György Kurtág sass dabei am Klavier (weil er nach eigenen Angaben falsch singt), die anderen beiden teilten sich die Gesangspartien.

Genauer, noch genauer

Die Geschichte klingt erstaunlich, wenn man bedenkt, wie minuziös Kurtág seine eigenen Werke proben lässt. Er könne einen wahnsinnig machen mit seinen Forderungen, hat die Sängerin Juliane Banse einmal erzählt, die oft mit ihm zusammen gearbeitet hat. Schon seine Partituren verlangen das fast Unmögliche, indem sie jeden Klang genau definieren: «molto convulsivo, grazioso, ma serio», also «sehr heftig, graziös, aber ernst» – da muss man erst mal herausfinden, wie das denn klingen könnte. Aber selbst wenn man die Lösung gefunden zu haben meint, weiss es Kurtág genauer. Und dann noch genauer.

Er sei manchmal unerträglich in den Proben, sagt er selbst, und es ist dann jeweils Márta Kurtág, die für Vermittlung sorgt. «Das war jetzt doch schon ziemlich gut», sagt sie, wenn er sich allzu sehr in ein Detail verbeisst. Und wenn er einen hervorragenden Geiger als «erträglich» einstuft, mahnt sie ihn: «Jetzt übertreibst du aber.»

«Da muss Blut drin sein!»

Wenn Márta und György Kurtág zusammenspielen wie in diesem Pariser Konzert von 2012, dann löst sich sein Perfektionismus allerdings auf in einem geradezu entspannten Musizieren. Da finden sich neben den Fingern der beiden auch ihr Atem, ihr Ausdruck, ihre ganze Haltung. Und als Hörerin entdeckt man eine Klangwelt, die nicht nur präzis vermessen ist, sondern immer wieder Überraschungen bereithält: Winzige Veränderungen von Rhythmen und Akkorden etwa, oder gegen Ende fast xylophonartige Klänge.

«Man muss sein Leben in die Musik geben, da muss Blut drin sein», hat Kurtág einmal gesagt. Dass es hier ein gemeinsames Leben ist: Das ist das Berührende an dieser Aufführung.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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