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Klassiker der Woche: Alkoholisiertes Singen (1)

Wenn Anne Sofie von Otter die Schwips-Arie aus «La Périchole» singt, wirds den Damen und Herren in der ersten Reihe angst und bang.

Eigentlich ist die schwedische Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter ja eine ziemlich nüchterne Persönlichkeit. Eine, die sich genau überlegt, was sie mit ihrer Stimme anstellen will und wie sie ein Stück schauspielerisch auf die Bühne bringt. Nun stand also Offenbachs «Je suis un peu grise» auf dem Konzertprogramm, und sie hat sich keineswegs damit begnügt, sich «ein bisschen beschwipst» zu geben.

Regelrecht besoffen wirkt sie, wenn sie auf die Bühne taumelt, den Dirigenten Marc Minkowski um einen zweiten Anlauf bittet, sich die Hand vor den Mund hält. Und wie sie das tut! Mit verschwommenem Blick und hochpromilliger Gestik, mit schwerer Zunge und einer Stimme, die zwischendrin fast zum Murmeln verebbt und dann wieder schwungvoll von einem Ton zum nächsten schwenkt. Das ist höchste Kunst des Klamauks – und zweifellos, ganz den Ansprüchen dieser Sängerin entsprechend, minutiös geplant: Anders wäre der subtile Wechsel zwischen der weinseligen Überdrehtheit und dem aus dem Magen hochsteigenden Elend nicht hinzukriegen.

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