«Ich würde viel dafür geben, sie zu hören»

Die belgische Pianistin Els Biesemans hat sich auf Hammerflügel spezialisiert. In Zürich würdigt sie nun Clara Schumann.

Clara Schumann (1819–1896) wird zu ihrem 200. Geburtstag auch mit einer Sonderbriefmarke geehrt. Foto: Keystone

Clara Schumann (1819–1896) wird zu ihrem 200. Geburtstag auch mit einer Sonderbriefmarke geehrt. Foto: Keystone

Susanne Kübler@tagesanzeiger

Clara Schumann war Pianistin, Komponistin, achtfache Mutter und die Ehefrau des nicht ganz unkomplizierten Komponisten Robert Schumann. Wie hat sie das geschafft?
Sie muss einen unwahrscheinlich starken Charakter gehabt haben. Oft hört man, sie sei kühl gewesen – aber das ging wohl bei diesem Leben gar nicht anders. Sicher war sie sehr selbstständig. Schon als Kind hat ihr der Vater, der Klavierbauer Friedrich Wieck, jeweils die Geschäftsbriefe diktiert, da hat sie vieles gelernt. Kurz vor ihrer Hochzeit mit Robert Schumann hat sie eine Tournee nach Paris unternommen und alles allein organisiert: die Säle, die Instrumente, die Tickets.

Robert Schumann hat ihr vor der Hochzeit ein Kochbuch geschenkt, «meiner Hausfrau gewidmet». Hat er sie unterschätzt?
Er hat sie sehr bewundert, die beiden waren künstlerisch eng verbunden. Und das Kochen hat sie schnell wieder aufgegeben, es gab bald eine Angestellte dafür. Aber er hat seinen Willen schon durchgesetzt, zumindest in den ersten Ehejahren. Sie durfte zum Beispiel nicht üben, weil ihn das störte. Er wollte auch nicht, dass sie auftritt; damals waren in den Konzerten vor allem Bravourstücke gefragt, und er fand das unwürdig, das entsprach nicht seinem musikalischen Ideal.

«Heute gibt es überall einen Steinway, damals war alles viel weniger normiert – die Instrumente, die Klangfarben, auch die Interpretationen.»Pianistin Els Biesemans

Sie ist dann aber doch wieder aufgetreten.
Sie musste, schon aus finanziellen Gründen. Aber sie hat auch unglaublich gern Konzerte gegeben. Es gibt einen Brief von Brahms, der lud sie nach Schumanns Tod nach Wien ein, da könne sie sich ein schönes Leben machen und müsse nicht mehr so oft auftreten. Er hat nicht verstanden, dass sie das brauchte. Sie hat ihm dann geantwortet, ihre Kunst sei «die Luft, in der ich atme».

Weiss man, wie sie gespielt hat?
Ich würde viel dafür geben, wenn ich sie hören könnte! Gewisse Rückschlüsse kann man aus Aufnahmen ihrer Schüler ziehen: Die spielen alle sehr nuanciert, sehr poetisch, Fanny Davies auch mit unglaublich viel Power. Auch Clara Schumanns Kompositionen verraten eine temperamentvolle Musikerin, etwa ihr Lied «Loreley». Und ihre Klavier-Scherzi sind technisch sehr anspruchsvoll. Sie war sicher die erfolgreichste Klaviervirtuosin des 19. Jahrhunderts.

Sie spielte – wie nun auch Sie – auf Hammerflügeln. Was für Instrumente hat Clara Schumann geschätzt?
Sie mochte Flügel mit einer leichten Mechanik, die kannte sie von ihrem Vater her. Über schwere Flügel hat sie sich immer beklagt, dafür hatte sie die Kraft in den Fingern wohl nicht. Sicher ist, dass sie auf sehr unterschiedlichen Instrumenten gespielt hat. Heute gibt es überall einen Steinway, damals war alles viel weniger normiert – die Instrumente, die Klangfarben, auch die Interpretationen.

Würden wir Clara Schumann heute noch kennen, wenn sie nicht Schumann geheiratet hätte?
Wohl kaum, dafür ist ihr kompositorisches Œuvre zu klein. Sie hat zwar wirklich gut komponiert, mit sehr viel Geschmack. Aber wohl eher, weil es einfach dazu gehörte damals, und weil Robert Schumann sie immer wieder dazu aufforderte; nicht so sehr aus eigenem Impuls. Das Klavier war sicher wichtiger für sie. Nach Schumanns Tod 1856 hat sie fast nichts mehr geschrieben.

Was änderte sich sonst nach seinem Tod? Clara Schumann wurde noch mehr als zuvor zur reisenden Virtuosin, sie brauchte das Geld für die Kinder. Von unterwegs hat sie dann die Familie gemanagt; es gibt Briefe von ihr, in denen sie die Schulen und die Betreuung organisiert. Sie hatte auch noch einmal eine Liebesbeziehung, zu Theodor Kirchner, der als Organist und Komponist in Winterthur wirkte. Aber er spielte und hatte enorme Schulden; sie hat ihm immer wieder geholfen, aber als er nicht aufhörte mit dem Spielen, hat sie mit ihm gebrochen.

Und weiter gespielt.
Ja – und später auch noch eine Stelle übernommen an einer Frankfurter Musikhochschule. Sie war die erste Frau dort: eine Pionierin auch in dieser Hinsicht.

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