«Ich mag, dass sie mich mag»

Geballter Irrwitz: Nach dreimonatiger Zwangspause kehrt Chefdirigent Mario Venzago zurück ins Kultur-Casino – mit der Violinistin Patricia Kopatchins­kaja und einem der verrücktesten Werke der Geigenliteratur. Eine Begegnung.

«Ich habe mir oft gewünscht, dass wir mehr zusammen auftreten»: Chefdirigent Mario Venzago mit Patricia Kopatchinskaja im Kultur-Casino.

«Ich habe mir oft gewünscht, dass wir mehr zusammen auftreten»: Chefdirigent Mario Venzago mit Patricia Kopatchinskaja im Kultur-Casino.

(Bild: Gian Losinger/zvg)

Oliver Meier@mei_oliver

Ein grosses Hallo. Patricia Kopa­tchinskaja und Mario Venzago umarmen sich im Flur des Kultur-Casinos. Er kommt von den Proben, sie ist eben eingetroffen, mit dem Rollkoffer in der Hand. «Wie geht es dir?, fragt Kopa­tchinskaja. Es ist eine Frage in Moll, mit ernstem Unterton. Mario Venzago hat eine schwierige Zeit hinter sich. Ende September liess sich der Chefdirigent des Berner Symphonieorchesters einer schweren Rückenoperation unterziehen.

Sie sollte Linderung bringen nach Wochen, in denen der 68-Jährige nur noch unter Schmerzen im Sitzen dirigieren konnte. Doch es kam zu Komplikationen, lange war unklar, wann er wieder dirigieren würde. Ob überhaupt. Auch Kopatchinskaja (39) hat zu kämpfen. Der Arm schmerzt. Wieder. Sehnenscheidenentzündung. Ausgerechnet jetzt, beim Neujahrskonzert, steht das Violinkonzert von ­György Ligeti auf dem Programm, eines der schwierigsten – und spannendsten – Werke überhaupt. Halsbrecherischer gehts kaum. Das passt. Zu Kopatchins­kaja und zu Venzago.

Patricia Kopatchinskaja, was mögen Sie an Mario Venzago?Patricia Kopatchinskaja: Seinen Humor! Seine Spontaneität und seinen Kontakt mit dem Publikum. Seit er da ist, ist diese Stadt gesegnet. Weil er als Dirigent mit der Stadt kommuniziert.

Mit der Kommunikation haben viele Klassikexponenten Mühe.P. K.: Ja, absolut, zumindest in Europa. In Amerika ist es ganz anders. Dort ist es ein Muss, mit dem Publikum zu sprechen, zu vermitteln, was man mit der Musik verbindet, die man aufführt. Es sollte überall so sein. Mario Venzago ist ein Dirigent, der die Leute begeistern kann.

Und was mögen Sie, Mario Venzago, an Patricia Kopatchins­kaja?Mario Venzago:Ich mag ihre Leidenschaft. Ich mag ihr Kämpfertum für Ausgefallenes. Ich mag, dass sie nicht konventionell ist. Ich mag ihre Klugheit. Und ich mag, dass sie mich mag.
P. K.: Ha!
M. V.: Ich habe mir oft gewünscht, dass wir mehr zusammen auftreten. Das Violinkonzert von Alban Berg würde ich gerne mit dir aufführen, auch das Beethoven-Konzert.
P. K.: Oh, gerne!

Gibt es konkrete Pläne?P. K.: Man soll nicht zu viel ­planen.

Herr Venzago, Sie mussten längere Zeit pausieren. Viele fragen sich, wie es Ihnen geht. Und wie es weitergeht.M. V.: Ich mache jetzt business as usual, unter immer noch erschwerten Bedingungen. Es wird seine Zeit brauchen, bis alles verheilt ist. Aber ich sage keine Auftritte mehr ab, es geht weiter.

Sie werden Ihr Pensum nicht reduzieren?M. V.: Nein, mein Motto lautet: Mach so viel, wie du immer gemacht hast. Das heilt dich am besten. Musik heilt.

Und Sie, Frau Kopatchinskaja, wollten Sie nicht die Zahl Ihrer Auftritte reduzieren?P. K.:Ich möchte reduzieren, ja. Ich versuche es seit langem.

Beim Neujahrskonzert spielen Sie das Violinkonzert von György Ligeti. War das Ihr Wunsch?P. K.:Ja. Das Ligeti-Violinkonzert ist vielleicht das interessanteste seit Beethoven. Es ist das Konzert, das ich am liebsten spiele.

Hatten Sie keine Hemmungen, Herr Venzago?M. V.: Als ich das Werk in der Konzertkommission vorschlug, hiess es: Das kann man nicht machen an Neujahr, ausgeschlossen. Ich finde: Wann, wenn nicht an Neujahr sollte man es spielen? Die Leute kommen befreit ins Konzert, alles ist noch frisch. Das Werk ist ein Mind-Opener. Es ist ein Risiko. Aber es ist auch irrer Spass. Es hat etwas Zirkushaftes.
P. K.: Genau.
M. V.: Es ist ein Tanz auf dem Seil. Manche Musiker haben Kinderinstrumente, müssen aber ganz ernst spielen, das ist schwierig, lachen und weinen zur selben Zeit.
P. K.: Ligeti nahm sich ernst und zugleich auch nicht – das ist Genialität.

Wie ist es für Sie, das Werk zu dirigieren?M. V.:Als ich die Partitur zum ersten Mal öffnete, schloss ich sie gleich wieder. Ich dachte: Das kann ich nicht. Ich glaube, es gibt kein Werk, das so viele Noten hat. Aber man darf sich von der komplizierten Notierung nicht einschüchtern lassen. Wenn man sich vor diesem Konzert fürchtet, dann geht es nicht.
P. K.: Ich fürchte mich trotzdem!

Noch immer?P. K.: Ein bisschen. Als ich die Partitur erstmals sah, dachte ich: Oh, dieses Konzert muss ich üben. Das Violinkonzert von Ligeti ist das einzige Werk, das ich wirklich geübt habe, bevor ich es erstmals aufführte. Einen Monat lang habe ich meine Familie gequält. Jeder musste das Werk für mich dirigieren – je schlechter, desto besser.

Wie?P. K.: Ich wollte auf alles gefasst sein. Dass ich auch von einem schlechten Dirigenten nie abgelenkt werde, wenn ich Ligetis Konzert aufführe, diese Musik, die so ungeheuer komplex ist und einem alles abverlangt.

Üben Sie es jetzt noch mal vor dem Neujahrskonzert?P. K.: Da ich immer noch an Sehnenscheidenentzündung leide, darf ich nicht zu viel üben. Aber ich habe es schon so oft gespielt, dass alles in den Knochen ist.

Mit Neujahrskonzerten verbinden viele etwas Leichtes, Beschwingtes. Was sagen Sie ­Leuten, die sich von Ligeti abschrecken lassen?M. V.: Klar, der Topos Neujahrskonzert ist besetzt. Aber es macht keinen Sinn, das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker zu kopieren, da macht man sich bloss lächerlich.
P. K.: Stellen Sie sich vor, der grösste Akrobat der Welt kommt nach 18 Jahren wieder mal nach Bern, um auf der Münsterspitze zu balancieren. Diese Chance sollte man sich nicht entgehen lassen. Die ganze Stadt muss kommen, Grosseltern, Kinder, alle. Bern ist die einzige Stadt auf der Welt, die es wagt, das Ligeti-Werk als Neujahrskonzert zu bringen. Und wissen Sie, was? Bei der Zugabe spielen meine Eltern mit!

War das nicht ein Geheimnis?P. K.: Nein, ich möchte doch, dass die Leute ins Konzert kommen...

Ihr Vater Viktor Kopatchinsky war der berühmteste Cymbalvirtuose der Sowjetunion.P. K.:Mein Vater ist ein verrückter Typ, der sich an keine Regeln hält, ein unglaublich kreativer Kopf, bis heute. Es gibt keine Sekunde, in der er nichts tut. Er isst sogar im Stehen. Er und meine Mutter üben jeden Tag, auch wenn sie keinen Auftritt haben. Diese seelische Disziplin habe ich von ihnen geerbt.

Neujahrskonzert: 1. und 2. Januar, jeweils 17 Uhr, Kultur-Casino Bern. Mit Werken von Ligeti, Liszt, Cori­gliano, von Weber und Strauss. www.konzerttheaterbern.ch

Berner Zeitung

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