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Heute schon geweint?

Das Berner Symphonieorchester spielt erstmals in der Sporthalle Wankdorf und präsentiert die 6. Sinfonie von Mahler, «die Tragische». Was uns zu einem Ranking verleitet: die zehn aufwühlendsten Werke der Musikgeschichte.

Eine Wanderung durch die Düsternis: Diese zehn Werke sind so richtig, richtig traurig.
Eine Wanderung durch die Düsternis: Diese zehn Werke sind so richtig, richtig traurig.
Sasa Prudkov (Getty Images)

1. Die 6. Sinfonie von Gustav Mahler: Die Welt, die sich der österreichische Komponist Gustav Mahler (1860–1911) mit der 6. Sinfonie schuf, ist bis zum Ende düster und aufwühlend. Licht oder sogar Hoffnung lässt der «Weltschmerzkomponist» bis zum letzten Ton nicht zu. Während die einen in der zwischen 1903 und 1905 entstandenen Sinfonie eine Vorahnung des Ersten Weltkriegs herauslesen (Marschrhythmus), klingt für die anderen auch das persönliche Schick­salsjahr 1907 schon an: In diesem Jahr starb Mahlers ältere Tochter völlig unerwartet, und beim Komponisten selbst wurde ein schweres Herzleiden festgestellt.

2. Die «Winterreise» von Franz Schubert: Diesen Liederzyklus komponierte Schubert 1827, ein Jahr vor seinem frühen Tod. Der Österreicher wurde nur 31 Jahre alt. Die Lieder basieren auf Gedichten von Wilhelm Müller und erzählen vom Ende einer grossen Liebe. Der Kummergeplagte macht darin eine Wanderung durch die Düsternis, die man heute auch als Weg des Menschen in sein Grab deutet. So ist die Stimmung der Lieder durchwegs dunkelgrau bis schwarz.

3. Die 5. Sinfonie von Ludwig van Beethoven: Ist es der Tod, der an die Tür klopft? Oder das Schicksal? Wie auch immer: Die «Schläge», die am Anfang der 5. Sinfonie von Beethoven (1770– 1827) stehen und sich als Motiv wiederholen, lassen einen erschaudern. Und jeder merkt: Der Rosenkavalier ist es nicht, der vor der Tür steht. Das Publikum soll sich von der eindringlichen, auffordernden Musik direkt angesprochen fühlen, es wird in die Pflicht genommen, mitzuleiden. So wird die 5. Sinfonie auch als «Rede an die Menschheit» interpretiert oder als «Kampf des Lichts gegen die Dunkelheit». Das Anfangsmotiv wird in der Popmusik gern aufgegriffen: 2002 stürmte Robin Thicke damit gar die Charts («When I Get You ­Alone»).

4. Die 8. Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch: Schostakowitsch (1906–1975) komponierte das Werk während des Zweiten Weltkriegs (1943), und wie seine berühmtere 7. Sinfonie («Leningrader») vertonte er darin die Leiden und Qualen des Kriegs und die Trauer um die Gefallenen. Es sind die in sich gekehrten, leisen Töne, die hier überwiegen. Keine Verzweiflung, die sich nach aussen wendet, sondern schwere Traurigkeit wie ein Stein im Bauch.

5. Das «Adagio for Strings» von Samuel Barber: Es dauert nur neun Minuten und stellt in Sachen Berühmtheit doch alle anderen Werke des amerikanischen Komponisten Samuel Barber (1910–1981) in den Schatten. 2004 wurde «Adagio for Strings» von den Hörern der BBC gar zum «traurigsten klassischen Stück» gewählt. Und ja, sie bringen die standhaftesten Optimisten zum Weinen: die zarten Streicher, die sich suchend und wellenartig aus der Dunkelheit zum Licht bewegen. Wie ein Schmerz, der einen immer wieder einholt. Das Stück wurde an der Beerdigung von John F. Kennedy gespielt sowie bei den Beisetzungen von Grace Kelly und Albert Einstein. Am 11. September 2002 – ein Jahr nach den Anschlägen – wurde es in New York aufgeführt, als die Namen der Verstorbenen verlesen wurden.

6. Das Requiem von György Ligeti: Ein Requiem ist ja an sich schon eine deprimierende Sache. Aber wer die ersten Minuten des Requiems von Ligeti hört, sieht den Tod förmlich auf sich zukommen. Der österreichisch-ungarische Komponist (1923– 2006) schafft mit den leisen, raunenden Stimmen eine schauerlich bedrückende Stimmung. Später lässt er mit schreienden Tönen der Verzweiflung freien Lauf. Stanley Kubrick verwendete das Requiem von Ligeti übrigens in seinem Film «2001: A Space Odyssey» (2007) – und verschaffte ihm auch unter Filmfans Bekanntheit.

7. Das 2. Klaviertrio von Sergei Rachmaninow: Als am 6. November 1893 der russische Komponist Peter Tschaikowsky starb, war Sergei Rachmaninow gerade mal 20 Jahre alt. Der Tod seines Vorbilds erschütterte ihn so sehr, dass er sich vollkommen zurückzog und seinen Schmerz innerhalb weniger Tage in die Komposition des 2. Klaviertrios, genannt «das Elegische», legte – eine kammermusikalische Totenklage. Man hört die lähmende Trauer, fühlt den Schmerz, der wie eine Explosion plötzlich ausbricht.

8. «Twilight für zwei Violinen» von Giya Kancheli: Für den 81-jährigen georgischen Komponisten ist das Glas definitiv halb leer: Er betrachtet die Welt als unrettbar, Schönheit als wirkungslos, und das hört man seinen Werken an. Sie alle durchzieht eine tiefe Depression. Kancheli komponierte Musik für Film und Theaterstücke, schreibt Chansons und Popmusik und verbindet Synthesizer mit klassischem Orchester. «Twilight für zwei Violinen» aus dem Jahr 2004 ist ein berührend intimer Dialog zweier Violinen.

9. «War Requiem» von Benjamin Britten: Der englische Komponist Benjamin Britten (1913–1976) wollte mit seinem «War Requiem» (1962) der Kriegsopfer gedenken. Er verbindet den lateinischen Text der Missa pro Defunctis (Totenmesse der katholischen Kirche) mit englischsprachigen Gedichten von Wilfred Owen, der im Ersten Weltkrieg starb. Die Trauer und Zerrissenheit zeigt sich hier in leisen Tönen ohne Bombast.

10. Die «Kindertotenlieder» von Gustav Mahler: Die «Kindertotenlieder» nach dem gleichnamigen Gedichtzyklus von Friedrich Rückert wühlen nicht nur Eltern auf. Rückert schrieb die 428 Kindertotengedichte, nachdem zwei seiner Kinder gestorben waren. Mahler wählte daraus fünf Texte für seine Lieder aus. Der Komponist selbst hatte elf Geschwister, sechs von ihnen starben im Kindesalter.

Konzerte des Berner Symphonieorchesters (BSO): Samstag, 19.30 und Sonntag, 17 Uhr, Sporthalle Wankdorf.

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