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Für ihn ist es ein Flirt, für sie der Untergang

Wenig Japan, viel Gefühl: «Madama Butterfly» von Puccini erzählt von der ungleichen Liebe zwischen einer Geisha und einem amerikanischen Offizier. Regisseur Nigel Lowery führt Regie – hingehen muss man aber aus einem anderen Grund.

Maria Künzli
Sopranistin Lana Kos verkörpert die Geisha Cho-Cho-San, genannt Butterfly. Foto: Janosch Abel
Sopranistin Lana Kos verkörpert die Geisha Cho-Cho-San, genannt Butterfly. Foto: Janosch Abel

Da steht sie nun. Strahlend, in einem Brautkleid, etwa viermal so breit wie sie selbst. Die Geisha Cho-Cho-San alias Butterfly ist bereit, für ihren amerikanischen Bräutigam Benjamin Franklin Pinkerton alles aufzugeben: ihre Familie, ihre Kultur. Er wiederum weiss, dass er sie nach japanischem Recht so schnell verlassen kann, wie er sie nun heiratet. Der Marineoffizier gedenkt, nach der Hochzeit allein in seine Heimat zurückzukehren und dort bald eine amerikanische Frau zu heiraten. Was für ihn eine exotische Liebelei ist, ein unverbindlicher Spass, wird für sie folgenschwerer Ernst.

Wenig Japan

Für die Inszenierung der Oper «Madama Butterfly» von Giacomo Puccini, die am Sonntag Premiere feierte, setzt Konzert Theater Bern auf einen vertrauten Namen: Nigel Lowery. Der englische Regisseur brachte hier etwa Mozarts «Die Zauberflöte» (2014) und Gounods «Faust» (2017) auf die Bühne. Er ist bekannt für seine eigenwillige Bühnensprache. Die «Zauberflöte» zum Beispiel liess er in einem Warenhaus spielen.

«Die kroatische Sopranistin Lana Kos ist eine hinreissende Butterfly. Ihr Sopran verfügt über strahlende Eleganz und unzählige Facetten.»

Auch seine Interpretation von «Madama Butterfly», bei der er neben der Regie auch für die Ausstattung verantwortlich zeichnet, ist eigen. Obwohl die Geschichte um 1900 in Nagasaki spielt, kommt nicht viel Japan vor in Lowerys Inszenierung. Das kann man machen. Schliesslich ist Butterfly, nachdem sie ihre Verwandten verstossen haben, auch nicht mehr wirklich Teil der japanischen Gesellschaft. So entzieht sich das Bühnenbild der näheren zeitlichen wie geografischen Verortung. Im ersten Akt sind es ein Schiff und zwei angedeutete Holzhäuser, im zweiten und im dritten eine Terrasse in einem urbanen, gesichtslosen Hafenviertel.

Das bisschen Länderkolorit, das Lowery dann doch zulässt, ist schrill und plakativ: Ein bedrohlich wirkender Shinto-Priester, mangaähnliche Puppen, die Butterflys Selbstmord gestenreich vorwegnehmen. Der Chor (Leitung: Zsolt Czetner) tritt erst in amerikanischen «Uncle Sam»-Klamotten auf, danach in farbigen Kimonos. Auch das kann man machen. Der Grund, weshalb man die Berner Inszenierung gesehen haben sollte, ist aber nicht Nigel Lowery. Es ist Lana Kos.

Viel Butterfly

Die kroatische Sopranistin Lana Kos ist eine hinreissende Butterfly. Ihr Sopran verfügt über beeindruckende Tiefe, strahlende Eleganz und unzählige Facetten. In leise Töne vermag sie ebenso viel Ausdruck zu packen wie in furiose. Dass sie die Rolle nicht nur singt, sondern regelrecht verkörpert, merkt man ihr auch beim Schlussapplaus an: Sie ist sichtlich mitgenommen und braucht einen Augenblick, um sich von Butterfly zu lösen und wieder zu Lana Kos zu werden.

Xavier Moreno als Pinkerton vermag da trotz seines leuchtenden und kraftvollen Tenors nicht ganz mitzuhalten. Andries Cloete als schmieriger Heiratsvermittler Goro und Todd Boyce als mitfühlender Konsul Sharpless überzeugen in den Nebenrollen. Cloete mit wendigem Tenor und schelmischer Schlangenhaftigkeit, Bariton Boyce mit sonorer Wärme und würdigem In-sich-Ruhen. Konsul Sharpless und Zofe Suzuki stehen an Butterflys Seite, als sie erfährt, dass Pinkerton nur zurückgekommen ist, um ihr den gemeinsamen Sohn zu nehmen. Eleonora Vacchi füllt die Rolle der Suzuki mit ausserordentlicher Bühnenpräsenz und geschmeidigem Mezzosopran aus.

Genug Schmelz

Und das Berner Symphonieorchester? Unter der Leitung des ungarischen Dirigenten Péter Halász spielt es Puccinis herzzerreissende Musik gehaltvoll, enorm präzise und mit der nötigen Prise Schmelz. Den Sängerinnen und Sängern ist es ein umsichtiger und verlässlicher Partner. Der Schlussapplaus reicht von wohlwollend (für alle) über engagiert (für Orchester und Dirigent) bis zu fast schon überschwänglich (für Lana Kos) und dauert lange. Sehr lange. Dies auch, weil einer im Schlussbild fehlt: Nigel Lowery. Als der Regisseur endlich die Bühne betritt, hagelt es für ihn Buhs und Bravos. Beides scheint ein wenig übertrieben.

Weitere Vorstellungen: bis 20. Juni, Stadttheater, Bern.

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