Er fischt lieber im Ozean als im Teich

Für Droujelub Yanakiew ist die Musik ein riesiger Schatz. Die Klassik liebt der Dirigent des Berner Variaton-Orchesters ebenso wie den Pop. Nun spannt er mit den Kummerbuben zusammen.

Mr. Cross-over: Droujelub  Yanakiew weiss, wie man Welten vereint.

Mr. Cross-over: Droujelub Yanakiew weiss, wie man Welten vereint. Bild: Raphael Moser

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Mit Büne Huber würde er gern mal über Erik Satie sprechen. Und wenn er sich Songs von den Kummerbuben anhört, denkt er an Gustav Mahler: Für Droujelub Yanakiew, Dirigent und Violinist, ist die Musik ein Schatz, ein Ozean voller Möglichkeiten. Der 43-jährige Bulgare, der seit siebzehn Jahren in Bern lebt, unterscheidet nicht zwischen U- und E-Musik, sondern zwischen guter und schlechter. Er ist Fan von The Cure, Jimi Hendrix und Vivaldi.

Droujelub Yanakiew sitzt in ei­ner Berner Gartenbeiz, die krausen Haare zum Dutt gebunden. Er spricht gern und viel, lacht ein helles, bubenhaftes Lachen. Mit dem Berner Projektorchester ­Variaton, das er seit 2007 leitet, realisiert er jedes Jahr ein spartenübergreifendes Programm. Spannt mal mit einer Tänzerin zusammen oder einem DJ. Dieses Orchester sei eine «Traumfa­brik», schwärmt Yanakiew. «Ich kann mit ihm Ideen ausprobieren, für die andere Orchester nicht den Mut hätten.»

Suchen und finden

Dieses Mal wollte der Dirigent sein Variaton mit einer Rockband zusammenbringen. Droujelub Yanakiew hörte sich durch Songs von über dreissig Schweizer Bands, sah sich Videos an und wartete auf Inspiration. Bei einer Band machte es klick: den Kummerbuben. «Klassik und Pop zu mischen, ist nur mit ganz wenigen Bands möglich», sagt Yanakiew, «die Verbindung muss in der Musik schon angelegt sein.» Bei den Kummerbuben fand er, was er suchte. Einen eigenen Charakter, eine gewisse Offenheit anderen Stilen gegenüber.

Als Yanakiew mit seiner Idee auf die Kummerbuben zuging, das war Ende 2017, steckte die Band gerade mitten im «Krabat»-Projekt am Stadttheater. Den Musikern stand es eher nach Ferien als nach der nächsten grossen Kiste. Sie sagten zunächst ab, doch Yanakiew gab nicht auf. Schliesslich stellte die Band dem Dirigenten die Demoversionen von sieben neuen Songs zur Verfügung. Droujelub Yanakiew hörte rein, und wieder machte es klick.

«Ich hatte sofort eine Vorstellung, wie es mit Orchester klingen könnte. Hier ein Englischhorn, da die ­Celli, dort das ganze Orchester.» Die Kummerbuben erteilten die Carte blanche, und Yanakiew durfte tun, was er so liebt: Das grosse Netz auswerfen im Ozean der Möglichkeiten. Das Resultat wird ab Freitag als Album und live zu hören sein (siehe Kasten).

«Ich hatte sofort eine Idee, wie es klingen könnte.»Droujelub Yanakiew

Mehr als «Scheiss-Pop»

Dass die Musik nicht für alle ein einziger Ozean ist und viele klassische Musiker und Popmusiker in getrennten Teichen fischen, realisierte Droujelub Yanakiew erst, als er vor rund zwanzig Jahren in die Schweiz kam, um in Bern Violine zu studieren. Als er nach einer Probe mit anderen Studierenden in die Runde fragte, ob jemand mitkomme, er wolle sich im Kino«The Dancer in the Dark» mit Björk ansehen, war die Antwort: «Was ist ein Björk?»

Niemand kannte die isländische Musikerin, die damals eine der bekanntesten Popkünstlerinnen der Welt war. «Ich war schockiert. Björk, Nick Cave, Tom Waits, das sind Künstler! Das ist nicht irgendein Scheisspop. Wer im 21. Jahrhundert lebt und sich für Musik interessiert, muss doch diese Namen kennen», ereifert sich Yanakiew. «Jemand, der Kunst studiert, beschäftigt sich ja auch nicht nur mit Leonardo Da Vinci.»

Aufgewachsen ist Droujelub Yanakiew in den Achtzigerjahren in Bulgarien. In der Hauptstadt Sofia besuchte er das Musikinternat. Hier gehen Kinder rein – und Profimusiker kommen heraus. Aktuelle westliche Musik war zwar offiziell verboten, aber es gab eine lebendige Subkultur.

«In der Musikerszene Bulgariens gehörte es dazu, dass man sich auch als klassischer Musiker in allen Musikstilen auskennt. Jazz, Pop, Rock, New Wave, Dark Wave, Heavy Metal. Jeder spielte noch in einer Band.» Wenn man jemanden kennen gelernt habe, seien die ersten Fragen immer gewesen: «Was hörst du? Bist du Jazz? Bist du Heavy Metal?» Droujelub Yanakiew war New Wave und Dark Wave. Hörte The Cure, Depeche Mode und Sisters of Mercy.

«Was hörst du? Bist du Jazz? Bist du Heavy Metal?»Droujelub Yanakiew

Cross-over ohne Teppich

Auch heute noch ist Yanakiew in der Schweizer Klassikszene ein Exot. Es gibt kaum Dirigenten, die sich für andere Musikstile interessieren. Wer in Bern etwas wagen und in neuen Gewässern fischen will, wendet sich an ihn. Mit fast allen Orchestern der Stadt arbeitete er schon zusammen. Für Cross-over-Projekte nimmt sich Yanakiew jeweils sehr viel Zeit, weil er weiss: Man kann sehr schnell scheitern.

«In den letzten fünfzehn Jahren gab es viele Projekte, bei denen eine Rockband mit Orchester auftrat und das Orchester einfach einen Streicherteppich darunterlegte. Ein paar blonde Geigerinnen, ein bisschen San-Remo-Style. So was finde ich schrecklich», sagt Yanakiew. Bei Cross-over sollten beide Parteien sich selbst bleiben, und es müsse Sinn machen, dass sie sich verbänden.

Auch mit dem Berner Symphonieorchester (BSO) hat Yanakiew schon zusammengespannt – mit gemischten Gefühlen. «Das BSO ist ein hochkarätiges, aber kein mutiges Orchester. Es ist kon­servativ, auch in der Programmgestaltung.» Was würde er anders machen, wäre er an der Stelle des Chefdirigenten? «Ich würde versuchen, das Orchester für das Heute zu öffnen. Nicht nur Konzerte zu machen für ein älteres, gebildetes Publikum. Es ist das Orchester der Stadt und sollte sich an alle richten.» Ideen hat er viele, nur gehört wurden sie bisher nicht.

Würde er den Posten des BSO-Chefdirigenten annehmen, falls man ihn anfragen würde? Droujelub Yanakiew überlegt eine Weile. Dann: «Ja, sobald ich das Gefühl habe, das Orchester könne von mir profitieren und nicht umgekehrt.» Er trinkt einen Schluck und sagt: «Fragen Sie mich in zehn Jahren noch mal.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 27.06.2018, 08:03 Uhr

Achtung, Streicher! Die Kummerbuben lassen sich für drei Konzerte orchestrieren. (Bild: Jen Ries (PD))

Album und Konzert

Itz mau chly Klassik

Nein, den nächsten Sommerhit liefern die Kummerbuben mit dem Minialbum «Itz mau Apokalypse» nicht. Die sechs neuen Songs, begleitet vom Projekt­orchester Variaton, sind düster und skurril. «Aues scheisse», singt Frontmann Simon Jäggi im ersten Stück «Unger Finne», und es wird nicht das einzige Schimpfwort bleiben. Das Orchester in Vollbesetzung wabert bedrohlich, vibriert und lodert, während Jäggi einen besingt, der sich fühlt wie ein Italiener unter Finnen, meistens aber doch wie ein Finne unter Ita­lienern.

Mit explorativer Dringlichkeit hangeln sich die Streicher empor – ohne sich je in den Vordergrund zu drängen. Band, Gesang und Orchester agieren als Einheit, was den umsichtigen Arrangements des Dirigenten Droujelub Yanakiew (siehe Haupttext) zu verdanken ist.
Auch in den anderen Songs, die von verlorenen Jungs, fischenden Vaterfiguren und unheilvollen Liebschaften handeln, wirken die Orchesterparts nie übergestülpt wie sonst so oft bei Cross-over-Projekten. In «My Kapitän» ist die Be­gleitung spartanisch geheimnisvoll, in «Supermond» dramatisch und drohend. Kein Rezept wird wiederholt.

An den Konzerten werden die sechs Lieder mit klassischen Stücken ergänzt, dreimal mit Werken von Gustav Mahler (1860–1911): Dessen Hang, von wunderschönen Klängen direkt ins Dramatische, Groteske zu kippen, erkennt Yanakiew auch bei den Kummerbuben. Auch in der zelebrierten Selbstironie finden sich die Band und der österreichische Komponist.mk

Kummerbuben: «Itz mau Apokalypse», Irascible, erscheint am Freitag. Live mit dem Variaton-Projekt­orchester: 29. 6. und 30. 6. jeweils um 20 Uhr, 1. 7. um 17 Uhr, Dampfzentrale, Bern. www.starticket.ch

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