Eintauchen in die Vergangenheit

Darauf muss man erst mal kommen: Der südafrikanische Regisseur Matthew Wild erzählt Puccinis Oper «La bohème» aus der Erinnerung eines Greises. Und bringt sie mit Andy Warhol zusammen.

Ein silberner Raum wie Warhols «Factory»: Puccinis «La bohème» wird im Berner Stadttheater in die 1960er-Jahre versetzt.<p class='credit'>(Bild: Annette Boutellier)</p>

Ein silberner Raum wie Warhols «Factory»: Puccinis «La bohème» wird im Berner Stadttheater in die 1960er-Jahre versetzt.

(Bild: Annette Boutellier)

Was kommt nach dem letzten Akt? Man fragt sich ja manchmal, was aus den Protagonisten wird, wenn die Handlung zu Ende erzählt ist. Werden sie alt? Sterben sie früh? Bleiben sie glücklich, einsam, böse oder langweilig? Im Fall von Maler Marcello aus Puccinis Oper «La bohème» bekommt Bern nun eine mögliche Antwort: Er wird alt. Und erfolgreich. 

Der berühmten Geschichte hat der südafrikanische Regisseur Matthew Wild, der 2017 bereits «Don Giovanni» in Bern inszenierte, eine neue Rahmenhandlung verpasst: Bevor das Orchester den ersten Ton spielt, sehen wir den alten Marcello (John Uhlenhopp), wie er mit dem Rollstuhl in einen weissen Ausstellungsraum gefahren wird. Hier soll eine Retrospektive seiner Werke gezeigt werden.

Und hier holt ihn die Erinnerung ein: Marcello lebte als junger Mann gemeinsam mit Dichter Rodolfo (Peter Lodahl), Philosoph Colline (Young Kwon) und Musiker Schaunard (Michal Marhold) ein ärmliches, aber seliges Künstlerleben: Geld fehlte, Ideen und Alkohol flossen, keine Party wurde ausgelassen.

Die Zukunft lag vor ihnen wie ein weisses, frisch gemachtes Bett. Bis sich Rodolfo in Nachbarin Mimì (Evgenia Grekova) verliebte. Ihre Zukunft war düster, und sie war jetzt: Mimì war todkrank. Schmerzhaft führte sie der jungen Künstlertruppe die Endlichkeit vor Augen. 

New York statt Paris

Giacomo Puccini (1858–1924) schrieb seine berühmte Musik für ein ganz bestimmtes Setting: für die Pariser Künstlerszene um 1830. Regisseur Matthew Wild und Bühnenbildnerin Kathrin Frosch lassen die Geschichte in den Sechzigerjahren im Dunstkreis von Andy Warhol spielen.

Man fragt sich ja manchmal, was mit den Protagonisten wird, wenn die Handlung zu Ende erzählt ist.?

Aus der Pariser Künstlermansarde wird ein an Warhols berühmte «Factory» angelehnter silberner Raum. Schaunard ist Travestiekünstler, und Marcello hat eine verblüffende Ähnlichkeit mit Warhol selbst. Dadurch, dass der alte Marcello immer auf der Bühne weilt und John Uhlenhopp nicht nur ihn, sondern auch die anderen älteren Herren im Stück verkörpert – Vermieter Benoît, Liebhaber Alcindoro und Spielzeugverkäufer Parpignol –, entsteht eine Art Front zwischen Jung und Alt, zwischen früher und heute.

In mehreren kleinen Sequenzen wird der demente Marcello ins Jetzt ohne Morgen zurückgeholt: in den kahlen Ausstellungsraum, zu Ehefrau, Enkel und einer gestrengen Museumsdirektorin (deren markante Frisur an Nadine Borter, Stiftungsratspräsidentin von Konzert Theater Bern, denken lässt. Ist das Absicht oder doch nur unfreiwillige Komik?)

Kniffs und Konsequenz 

Das Regieteam setzt seine Deutung mit spannenden Kniffs und beeindruckender Konsequenz und Klarheit um, ohne je zu vergessen, wer hier eigentlich im Zentrum steht: Puccini und seine Musik. Die sinnliche Emotionalität, die schwelgerische Eleganz, die klare Figurenzeichnung.

All das wird vom Berner Symphonieorchester unter der Leitung von Ivo Hentschel mit Leidenschaft und Verve umgesetzt. Vereinzelt wäre bei der Premiere am Samstag allerdings ein bisschen mehr Zurückhaltung wünschenswert gewesen. Die Sängerinnen und Sänger mussten zwischendurch eher gegen das Orchester ansingen anstatt mit ihm.

Keine Mühe, sich Gehör zu verschaffen, hatte der dänische Tenor Peter Lodahl als Rodolfo. Die betörende Strahlkraft, die Klarheit in allen Höhen und Tiefen machen seine Stimme aus. Evgenia Grekova ist eine hinreissende Mimì: Darstellerisch beeindruckender als Lodahl, mit einem facettenreichen Sopran, der mal strahlend hell, mal verletzlich und brüchig klingt.

Überhaupt kann Regisseur Wild auf ein starkes Gesangsensemble zählen: Da ist etwa Bariton Todd Boyce, der den jungen Marcello mit stimmlicher Gewandtheit und verletzlicher Coolness gibt, oder da ist Orsolya Nyakas, die als junge Musetta mit natürlicher Bühnenpräsenz überzeugt und einem Sopran, der hell und düster zugleich klingen kann.

Was kommt also nach dem letzten Akt? Der alte Marcello hat sein Leben noch mal Revue passieren lassen und kann nun loslassen. Die tote Mimì nimmt den Greis an die Hand, gemeinsam treten sie ab.

«La bohème»: Stadttheater, Bern. Vorstellungen bis 19. Mai 2019. 

Berner Zeitung

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