Eine schöne Überraschung

Der italienische Dirigent Riccardo Chailly übernimmt das Lucerne Festival Orchestra - und tritt damit die Nachfolge von Claudio Abbado an.

Riccardo Chailly bei einem früheren Luzerner Auftritt.

Riccardo Chailly bei einem früheren Luzerner Auftritt.

(Bild: Keystone)

Susanne Kübler@tagesanzeiger

Der Favorit war zunächst ein anderer gewesen: Nach dem Tod von Claudio Abbado hatte der Lette Andris Nelsons das Gedenkkonzert mit dem Lucerne Festival Orchestra dirigiert, auch die LFO-Konzerte im letzten Sommer hat er übernommen. Als im vergangenen November eine Pressekonferenz einberufen wurde, bei der es um die neue Leitung des Orchesters gehen sollte, hätte man deshalb auf den Namen Nelsons wetten können.

Aber die Pressekonferenz wurde kurzfristig abgesagt, und im Programm des diesjährigen Lucerne Festival fanden sich zwar Konzerte mit Nelsons und dem LFO – aber die Eröffnung morgen Abend wird Bernard Haitink dirigieren. Spätestens damit war klar, dass eben nichts so klar war, wie es sich zunächst abgezeichnet hatte. Ebenfalls klar war, dass Haitink mit seinen 86 Jahren keine Option war für Abbados Nachfolge.

Nun ist das Werweissen zu Ende: Ab Sommer 2016 leitet der 1953 geborene Italiener Riccardo Chailly das Lucerne Festival Orchestra, zunächst einmal für fünf Jahre. Die Festivaleröffnung mit Mahlers Sinfonie Nr. 8 wird der erste gemeinsame Auftritt sein. Chaillys Wahl kommt überraschend, sein Name war im Vorfeld nicht kursiert. Aber sie hat ihre eigene Logik: 1972 hatte Abbado den damals erst 18-jährigen Chailly als Assistenten an die Mailänder Scala geholt (seit einigen Monaten ist er wieder dort, nun als Principal Conductor). Die beiden blieben auch später im Kontakt; Abbado sei immer sein Vorbild gewesen, sagte Chailly nach seiner Wahl beim LFO, «mein Bezugspunkt und lebenslanger Freund, in tiefer Verbundenheit bis zum Ende».

Der dritte Italiener

Auch Michael Haefliger als Intendant des Lucerne Festival betont die Kontinuität, die diese Wahl bedeutet: «Arturo Toscanini rief 1938 dieses einzigartige Sinfonieorchester ins Leben, Claudio Abbado hat es 2003 wiederbegründet und zu Weltgeltung gebracht. Mit Riccardo Chailly übernimmt zum dritten Mal ein grosser italienischer Dirigent die Leitung des Lucerne Festival Orchestra.» Chailly werde aber auch «neue starke Akzente» setzen; welche das sind, will man erst später kommunizieren.

Sicher ist, dass man Abbados Orchester nicht mumifizieren, sondern in Bewegung halten will. Das wird auch Änderungen der Besetzung zur Folge haben: Abbado hatte das Orchester mit lauter Freunden gegründet, einige von ihnen werden wohl wegbleiben – und Chailly wird seine eigenen Leute nach Luzern mitbringen.

Auch sie werden von illustren Orchestern her kommen: Chailly war Chefdirigent beim Concertgebouw in Amsterdam und ist es noch beim Gewandhausorchester Leipzig; auch sonst ist er seit Jahrzehnten in den renommierten Konzertsälen und Opernhäusern dieser Welt unterwegs. Nicht als Jetset-Dirigent, er ist keiner, der den Glamour sucht; eine inspirierte Aufführung ist ihm wichtiger als das Staretikett.

Darin gleicht er Abbado, und auch im Repertoire gibt es Parallelen. Chailly hat sich seinen Namen zunächst als Mahler-Dirigent gemacht, weitere Schwerpunkte setzt er bei Bruckner und bei der italienischen Oper. Stärker als Abbado interessiert er sich für Zeitgenössisches: Gut möglich, dass sich unter seiner Leitung auch die stilistische Ausrichtung des Lucerne Festival Orchestra ändern wird.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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