Eine Regimentstochter mit Sprengkraft

Das Theater Orchester Biel-Solothurn legt mit Gaetano Donizettis komischer Oper «La fille du régiment» einen flotten Start in die neue Saison hin und zündet eine Belcanto-Bombe.

Ein Bataillon Soldaten will die gefangene Marie befreien.

Ein Bataillon Soldaten will die gefangene Marie befreien.

(Bild: Konstantin Nazlamov)

Im ersten Bunker ist Marie frei, im zweiten gefangen. Doch erst der Reihe nach und voraus in die Gegenwart. Ein altes Ehepaar sitzt beim Frühstück. Im Hintergrund läuft Donizettis Ouvertüre seiner Opéra comique, mit der der Italiener 1840 Paris eroberte. Die Frau am Tisch isst und schweigt. Ihr Ehemann bringt Tee und Erinnerungen. Letztere führen zurück in die Siebziger.

Das Regieteam unter Andrea Bernard mit der Bühne von Alberto Beltrame und den facettenreichen Kostümen von Elena Beccaro versetzt die Handlung in den Kalten Krieg. Die Operngattung, in der gesprochen wird, nutzen sie geschickt, um die Dialogstellen humoristisch zuzuspitzen. Schon Donizetti hatte nichts Übles im Sinn mit dieser Regimentsposse. Seine Musik moussiert wie Schaumwein, und die militärischen Rhythmen bedienen wohl den Nationalstolz.

Eine moderne Frau

Das selbstbestimmte Leben inmitten von bodenständigen Kerlen hat jedoch noch andere Kontraste als den Krieg, und das ist in diesem einfach gestrickten Libretto der Adel. Die Marquise de Birkenfeld taucht auf und weist sich als Maries Vormund aus. Die Heirat mit einem Grafen steht an, und Tonio, der für seine Angebetete Soldat wurde, hat das Nachsehen.

Schon Donizetti hatte nichts Übles im Sinn mit dieser Regimentsposse.

Wie in einer Boulevardkomödie kommt alles anders. Die Regie nimmt die Verwicklungen dankbar auf und liefert Gags im Sauseschritt. Eine ferngesteuerte Spielzeugrakete fegt durch den Raum, bevor sich die Soldaten per Bastelanleitung eine grosse Variante davon zimmern. Tonio singt seine Arie in Zeitlupe und im Astronautenanzug.

Doch der Flug ins Liebesall bleibt vorerst verwehrt, denn die Verwandte entführt das Mündel durch eine Panzertür in die Etikette. Im Salon der Marquise geht der Drive in Richtung Screwball-Komödie. Das Dienstmädchen ist derangiert, dafür übt Pawel ?lusarz als Birkenfelds Diener Hortensius in bester Inspektor-Clouseau-Manier die Camouflage. Marie gleicht dem Disney-Schneewittchen.

Aber es stürmen keine sieben Zwerge den Panikraum, sondern ein Bataillon Soldaten, die ihre verlorene Tochter aus den Fängen der Hautevolee befreien wollen. Elegant vermischen die Macher immer wieder die Zeitebenen und bringen die zwei Betagten ins Geschehen ein.

Aoife Gibney überstrahlt alle

Der Star des Abends ist Sopranistin Aoife Gibney, die als Marie die Funken sprühen lässt. Die hohen Tonlagen erklimmt sie wie eine Freeclimberin, und auch bei den Belcanto-Kurven droht keine Absturzgefahr.

Manuel Núñez Camelino ist Tonio. Er muss in dieser Grenzpartie für Tenöre in einer Arie neunmal ein hohes C stemmen. Er packt diesen Kraftakt und grinst frech dazu. Sein akzentuiertes Spiel passt perfekt in die Persiflage eines an sich schon komischen Stoffs. Für Judith Lüpold ist die Marquise eine Paraderolle. In den tiefen Lagen schwingt die Mezzosopranistin rubinrot, den Tarif gibt sie auch mal in Berndeutsch durch. Michele Govi zieht als Sulpice alle Register, sein Bariton brummt samtweich.

Dem Sinfonieorchester Biel-Solothurn unter Dirigent Franco Trinca gelingt der Donizetti-Mix aus zackigen Trommelwirbeln, spitzen Bläsern, kecken Couplets und milden Romanzen virtuos, und es erhält die verzückte Spannung bis zum Schluss aufrecht. Valentin Vassilev fügt den Chor mit Präzision in den schillernden Reigen ein.

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